Pet Shop Boys in Leipzig: Die Super-Jungen

Das Popduo hat seine aktuelle Europatour in der Messestadt gestartet - und den Kids von heute gezeigt, wie elegant unernst man sich bei entsprechender Größe nehmen kann.

Heute Nacht sind sie alle Popkids. Über 7000 Leute in der Leipziger Arena tanzen zu "West End Girls". Ober besser gesagt: Über 7000 Menschen klatschen rhythmisch im Takt, während die Pet Shop Boys auf der Bühne gleich am Anfang einen ihrer größten Hits spielen. Sänger Neil Tennant gibt sich zufrieden, findet das alles hier "amazing" und heizt die "Popkids", die im Durchschnitt nicht so viel jünger sein dürften als der 62-jährige Brite, weiter an. "They called us the Pop Kids / 'cause we loved the pop hits". Elegante Ironie war schon immer eine Stärke der Boys.

Tennant und sein Partner und Mastermind Chris Lowe tragen Diskokugel-ähnliche Kopfbedeckungen, die tatsächlich den ganzen Kopf bedecken, so dass Tennant eine kleine Klappe aufmachen muss, aus der er dann singen kann, während man sich bei Lowe fragt, ob er die Synthies da gerade blind bedient. Was man ihm natürlich zutrauen würde. Denn wenn jemand Synthie-Musik verkörpert, dann diese beiden Briten. Über 100 Millionen Platten haben sie verkauft und gelten als erfolgreichstes Popgruppe Großbritaniens. In diesem Jahr erschien ihr dreizehntes Album "Super", ein Reigen aus Pop-Dance-Tracks und Bumms-Techno, der in Großraumdiskos super funktioniert - und dennoch cool ist. Nicht nur, weil das schwule Duo sich schon immer für die Rechte Homosexueller einsetzen, sondern auch weil sie in all ihrer Mainstreamkompatibilität und simpelsten Popsongs immer wieder große Kunst durchblicken lassen.

Zwei Männer kommen auf die Bühne, um den Boys die Kugeln vom Kopf zu nehmen. Tennant trägt jetzt Glatze, Lowe ein Basecap - die Hüte werden im Laufe des Abends noch mehrmals wechseln. Die Leinwand hinter ihnen fällt zu Boden, um eine Live-Band, zu der zwei Schlagzeuger gehören, zu enthüllen - und eine andere Leinwand. Licht und Videokunst spielen eine entscheidende Rolle bei dem Duo: Bunte Laser strahlen durch die Arena, versuchen der Allzweckhalle für Großveranstaltungen ein bisschen Ästhetik zu verleihen. Was zumindest so weit funktioniert, dass Leute ihre Handys nicht mehr Richtung Bühne halten. Vorne auf der Leinwand werden derweil Sonnenuntergänge am Meer mit Wellenrauschen oder Sternenhimmel projiziert. Kitschig ist das, aber hier kann man es auch einfach mal schön finden. Neben Sonnenuntergang und Zauberwürfel zeichnen Laser und Beamer immer wieder einen großen Kreis, der an Science-Fiction-Filme erinnert, wo man in das Loch gezogen und eine andere Welt oder Zeit gebeamt wird. Zeitlos dagegen scheint die Musik zu sein. Tennants unverwechselbare Stimme klingt immer noch so androgyn wie eh und live so perfekt wie auf Platte.

Die neuen "Super"-Songs reihen sich nahtlos ein zwischen ihre größten Hits, die hier alle kennen. Bei "Domino Dancing" singt das Publikum im Chor: "All day all day watch them all fall down". Bei "It's a Sin" fangen zwischen den Im-Takt-Klatschern sogar einige an, ausgelassen zu tanzen, bei "You're Always On My Mind" ist auch endlich wirklich gute Stimmung in der ganzen Arena. Über der Bühne blasen sich bunte Ballons von selber auf, um dann abwechselnd bunt zu leuchten.

Aber auch damit kommt die Bühnenshow nicht an den letzten Besuch der Briten in Leipzig heran, als sie 2009 in der Parkbühne spielten: Als ihr Bühnenbild aus Würfeln immer wieder zusammenfiel und neu aufgebaut und bestiegen wurde, als zu gefühlt jedem Lied neue Tänzer in neuen Kostümen auftraten. Im Vergleich dazu ist die "Super"-Show geradezu spartanisch, wenn Tannent singend von einer Seite der Bühne bis zur anderen läuft und drei Sängerinnen mit den typischen Pet Shop Boys-Hüten ihm folgen.

Es ist das Auftaktkonzert der neuen Europa-Tour. "Schön wieder hier zu sein", sagt Tennant, der ein paar Sätze auf Deutsch kann, wovon jener gegen Ende der Show am meisten bejubelt wird: "Ich bin Neil Tannent und wir sind die Pet Shop Boys". So pünktlich, wie sie 20 Uhr begonnen haben, so pünktlich hören sie auch wieder auf: Nach nicht einmal zwei Stunden ist das Konzert vorbei. Gefühlt war das viel zu kurz. Doch wenn man sich heutzutage in vielen Klubs Rock anhört, ist das Vergnügen oft nur halb so lang. Doch der ist ja sowieso überbewertet, wie es in "Pop Kids" weiter heißt: "Telling everyone we knew / that rock was overrated!"

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