Philip Larkin: "Ich schreibe für jeden, der zuhören will"

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Vor 100 Jahren wurde der Philip Larkin geboren. Warum er trotz eines sehr übersichtlichen Werkes dennoch zu den bedeutendsten britischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts gehört.

Literatur.

Der Ostberliner Verlag Volk und Welt druckte 1974 eine Anthologie mit Versen zeitgenössischer britischer Autoren. Darunter befanden sich etliche Strophen von Philip Larkin, den damals im deutschsprachigen Raum nahezu niemand kannte. Das Echo auf die Publikation blieb bescheiden. Auch die Sammlung von Larkins Werken, die 1988 bei Klett Cotta in der Bundesrepublik erschien, löste keinen Hype aus. Das hing unmittelbar damit zusammen, dass der Künstler zu Lebzeiten nur fünf Lyrikbände in schmalen Auflagen publiziert hatte, von denen international kaum ein Kritiker Notiz nahm, weil der Verfasser sich nahezu hermetisch von der Öffentlichkeit abschottete. Er verließ seine Heimat äußerst selten, mied Auftritte vor Publikum und gewährte lediglich ungern Interviews.

Dass der scheue Mann trotzdem zu den bedeutendsten englischen Poeten des 20. Jahrhunderts zählt, resultiert aus seinem unverwechselbaren Stil. Anfangs speiste sich sein Ton aus der Ästhetik von Thomas Hardy, doch dann löste er sich von allen Idolen und entdeckte eine natürliche, unprätentiöse Diktion. Die Themen, die er anschlug, begeistern bis heute, weil sie an die simplen Wurzeln unserer Existenz rühren: "Tage sind, wo wir leben. / Sie kommen, wecken uns / Immer und immer wieder. / Sie sind da, in ihnen glücklich zu sein. / Wo sonst sollten wir leben?" Ähnlich wie seine Kollegen Ted Hughes und Thom Gunn mied er kryptische und mythische Elemente. In realistischer und konkreter Manier wandte er sich an die breite Masse: "Was die Frage angeht, für wen ich schreibe, nun gut, ich schreibe für alle. Oder für jeden, der zuhören will."

Andrew Motion ging in seiner Larkin-Biografie von 1993 nicht zimperlich mit dem ungehobelten Intellektuellen um. Er lastete ihm rassistische Äußerungen an und enthüllte seine Homosexualität. Dem Ruhm des 1985 an Krebs verstorbenen Dichters, der auf dem Totenbett die Vernichtung seiner Tagebücher verfügte, schadete das kaum. Schon zu Lebzeiten erhielt er einen Ritterorden, den begehrten Shakespeare-Preis und eine Ehrenprofessur an der Universität Hull.

Larkin, der 1922 in Coventry als Sohn eines Beamten das Licht der Welt er-blickte, galt als verschroben. Von Jugend an hänselte man den Einzelgänger wegen seines Stotterns und seiner Kurzsichtigkeit. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft, das er mit dem Doktortitel abschloss, arbeitete er als Bibliothekar: "Man hat mich zu der Überzeugung erzogen, dass man einen Beruf haben und das Schreiben in seiner Freizeit erledigen müsse." Eine Philosophie seines vermeintlichen Hobbys entwickelte er nicht: "Ich hatte niemals 'Vorstellungen' von Dichtung. Sie war für mich immer eine persönliche, fast körperliche Befreiung oder die Auflösung eines komplizierten Drucks von Notwendigkeiten."

Jenseits literarischer Ambitionen frönte Larkin seiner Leidenschaft für den Jazz. Zwischen 1961 und 1971 belieferte er die Zeitung Daily Telegraph regelmäßig mit Musikrezensionen. Aus dieser Phase datiert ein wunderbar ironisch gefärbtes Selbstporträt: "Gross und allmählich kahlköpfig, sucht er seine Kleidung mit Bedacht aus, nur ein Lieblingsanglerhut aus Tweed deutet darauf hin, dass er nicht damit zufrieden ist, unbemerkt durch die Menge zu gehen. Obwohl meist ernsthaft, erhellt ein Aufblitzen oft unwirscher Erheiterung sein Gesicht und gibt seine Einstellung zum Leben getreu wieder, die als recht gut beschrieben ist." In dieser Äußerung spiegeln sich Genie und Kauzigkeit zu gleichen Teilen wider.

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