Politische Bildung durch die Blume

Musikfest Erzgebirge mit Kantaten-Wohlklang und einem Misston eröffnet

Den Auftritt des Barockorchesters Wroclaw verfolgten 400 Besucher in der Zschopauer St. Martinskirche.

Für Sie berichtet: Torsten Kohlschein

Johann Sebastian Bach hat zwar keine Oper geschrieben. Einige seiner weltlichen Kantaten, die auf antik-mythologischen Stoffen basieren, kommen dem Genre allerdings nah: als so genanntes "Dramma per musica". "Herkules am Scheidewege", ein selten gespieltes Werk Bachs, Alternativtitel: "Lasst uns sorgen, lasst uns wachen", ist ein Beispiel. Es bot sich auf ideale Weise an, das diesjährige Musikfest Erzgebirge mit seinen 13 Konzerten zu eröffnen. Steht es doch dieses Jahr mit einer Vielzahl internationaler Interpreten unter dem Motto "Träume". Der griechische Held Herkules träumt, er stehe vor der Wahl zwischen einem mühelosen, aber unmoralischen und einem harten, aber tugendhaften, langfristig beglückenden Lebensweg.

Beglückend war das, was das rund 400-köpfige Publikum zum Auftakt des Musikfests am Freitag in der Zschopauer St. Martinskirche erlebte, allemal. Das Barockorchester Wrocław unter Jaroslaw Thiel bot mit den Solistinnen Lydia Teuscher, Isabel Schicketanz (Sopran), Franziska Gottwald und  Julia Böhme (Alt) sowie dem Tenor Sebastian Kohlhepp und dem Bassisten Martin Schicketanz auf eindrucksvolle Weise vor der von Bach vertonten Traumsequenz den "Traum des Scipio" des barocken Kleinmeisters Johann Adolf Hasse (1699 - 1783) dar. Auch bei dem römischen Feldherrn geht es um die Wahl zwischen Tugend und Untugend. Gewidmet waren die Werke dem sächsischen Kurprinzen Christian Friedrich und dem sächsischen Kurfürsten und polnischen König August III. Es sind quasi Musik gewordene Bildungsprogramme zur Fürstenerziehung. Man kann auch sagen: durch die Blume vermittelte Hinweise zu umsichtigem politischen Handeln. Als solche sind sie barocke Schmuckstücke. Das nicht nur, weil das auf historischen Instrumenten spielende Orchester - darunter ventillose Hörner und eine Barockoboe mit solistischer Sonderaufgabe - mit höchster Akkuratesse zu Werke ging.

Auch die Solisten ließen von Gesang und Ausdruck keine Wünsche offen, bis hin zu durchgängiger Textverständlichkeit. Speziell Altistin Franziska Gottwald, der schon in der  Hasse-Kantate ein großer Part zukam, wuchs bei Bach musikalisch und mimisch förmlich über sich hinaus, wie das bei jemandem, der Herkules verkörpert, wohl sein soll. Besonders zu erwähnen ist auch Sopranistin Isabel Schicketanz. Sie trug insofern eine unerwartete Last, als  ausgerechnet in ihrer einzigen Arie des Abends ein Betrunkener aus dem Publikum anhob, lautstark auf andere Zuhörer einzureden. Bei einer Live-Sendung von MDR Kultur! Sie meisterte das Ganze mithilfe des Orchesters souverän. Als Sanitäter den Störenfried aus dem Saal komplimentiert hatten, wiederholte sie die Arie. 

Kaum begonnen, ist das Musikfest schon fast zur Hälfte wieder vorbei: Weitere vier Konzerte stellten das Publikum am Wochenende vor die Qual der Wahl. So holten beim Erzgebirgischen Sängerfest am Samstag in Marienberg die Kantoreien der Region mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 2 "Lobgesang" aufs Podium. Die nahm 1840 in Leipzig die 400-Jahr-Feier der Erfindung des Buchdrucks zum Anlass, die Vision eines fortschrittlichen, von Humanismus geprägten menschlichen Zusammenlebens zu zeichnen - als Traum von einer besseren Welt. Und mithin einem Traum, der heute so aktuell ist wie einst. 

musikfest-erzgebirge.de

 

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