Porträtserien von Karin Wieckhorst: Die Zeit in Bildern

Das Leipziger Museum der bildenden Künste zeigt zwei Porträtserien von Karin Wieckhorst: Berührende und aufschlussreiche Fotos aus der jüngeren Vergangenheit, die die Gegenwart verständlicher machen.

Leipzig.

"Mein Abbild gefällt mir gut, ich kann mich so annehmen, es ist nichts Künstliches dabei, das ist gut und tröstet mich über meine Faltigkeit." Schreibt Gertrud Möhwald zu einem Foto, das die Leipzigerin Karin Wieckhorst in der Zeit unmittelbar nach der Wiedervereinigung von ihr aufgenommen hat. Zu sehen ist eine ältere Frau, Keramikerin, wie die Gefäße im Hintergrund andeuten. Sie hat, und das gefällt ihr gut, "zwei verschiedene Augen, das muntere und das entsagende - so bin ich doch recht gekennzeichnet, denn so geht es doch immer hin und her mit mir; auch hier möchte ich zeitweise recht voranstürmen mit leuchtenden Augen - aber das bildrechte Auge weiß schon Bescheid, besser Bescheid, wie es endet."

Gertrud Möhwalds Mann, den Hallenser Maler Otto Möhwald (1933-2016) hat Karin Wieckhorst einige Jahre früher ebenfalls fotografiert. Der Künstler in seinem großen, aufgeräumten Atelier. Daneben eine von ihm übermalte Variante der Fotografie, die die Skepsis in seinen Augen etwas zurücknimmt, ihn freundlicher erscheinen lässt. Die beiden Fotos gehören zu zwei bedeutenden Schwarzweiß-Serien der 1942 geborenen Fotografin Karin Wieckhorst, die derzeit im Leipziger Museum der Bildenden Künste zu sehen sind. "Begegnungen in Ateliers" aus den 80er-Jahren zeigt knapp 30 unangepasste Künstlerinnen und Künstler der DDR an ihren Arbeitsorten, mehr oder weniger großen Ateliers, mehr oder weniger aufgeräumt. Unter den Abgebildeten sind der aus Zwickau stammende Hartwig Ebersbach, die im erzgebirgischen Bernsbach geborene Gudrun Trendafilov, der Karl-Marx-Städter Außenseiter Klaus Hähner-Springmühl, aber auch Angela Hampel, Sabine Herrmann, der junge Neo Rauch, Frieder Heinze, Lutz Dammbeck. Jeder Abgebildete hat eines seiner Porträts übermalt, verfremdet, verändert.

Die zweite Serie, "Frauenporträts", ist nur wenige Jahre später, kurz nach der Wende, entstanden. Sie zeigt Frauen verschiedenen Alters, verschiedener Berufe in jener Zeit größter Veränderungen und oft größter existenzieller Unsicherheit, aber auch der Hoffnung, mit der neu erkämpften, gewonnenen, ersehnten oder befürchteten Freiheit etwas Neues beginnen zu können.

Beiden Serien ist eigen, was die Arbeit Karin Wieckhorsts immer auszeichnet: Sie lässt sich über den Moment der fotografischen Aufnahme auf die Subjekte ihrer Porträts ein. Sie kann schauen, und sie kann zuhören. Sie sieht und zeigt im Moment des Auslösens der Kamera etwas, das über diesen Moment weit hinausgeht. So, wie in den "Frauenporträts" der Nachwendejahre all die widersprüchlichen Gefühle und Gedanken jener Zeit auf berührende Weise wieder aufscheinen, so erzählen auch die Künstlerporträts der 80er-Jahre von den Hoffnungen, Enttäuschungen, vom trotzigen oder fröhlichen Widerstand, von der Einsamkeit und der Kreativität in der Untergangsphase der DDR - ergänzt oder auch konterkariert mit den übermalten Porträts.

Es ist nicht nur schön, dass Karin Wieckhorst selbst mit dieser Ausstellung im Leipziger Museum der Bildenden Künste eine längst überfällige Würdigung erfährt. Ihre Fotos sind auch Teil der unendlichen Erzählung des Lebens in diesem Land in der noch gar nicht so fernen Vergangenheit. Ein Fingerzeig darauf, dass wir, Einheimische wie Fremde, einander unsere Leben erzählen müssen, wenn wir sie verstehen wollen - in der Vergangenheit, der Gegenwart und für die Zukunft. Nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, dass wir manchmal unser Leben ändern müssen, um gemeinsam zu überleben - sodass wir vielleicht nächstens mit zwei munteren Augen in die Kamera blicken können.

Die Ausstellung "Begegnungen" mit Fotos von Karin Wieckhorst ist bis 2. September im Leipziger Museum für bildende Künste zu sehen. Geöffnet ist dienstags und donnerstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr sowie mittwochs 12 bis 20 Uhr.www.mdbk.de

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