Preisgekrönte Comics von Josephine Mark: Tiefgang mit Humor und feinem Strich

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Die Leipziger Comic-Zeichnerin hat mit ihrem feinsinnigen Humor gleich zwei renommierte Preise abgeräumt. Aber was treibt die Zeichnerin an und um?

Leipzig.

"Restauratorin wollte ich ursprünglich werden." Gut, dass Josephine Mark dann doch einen anderen Weg einschlug. Sonst hätte die Noch-Leipzigerin nicht nur zwei Comic-Preise verpasst. Viel schlimmer: Der Welt wären zwei großartige Geschichten entgangen, die auf je ihre Weise melancholische Poesie mit viel Humor verbinden. Etwa mit "Murr", einem mürrischen Cowboy, der schon als Kind in eine Pfanne blauer Bohnen gefallen war.

Als ihm der Tod ein Liedchen spielt, ist plötzlich Schluss mit der lustigen Räuberpistole und für Murr stellt sich die Sinnfrage. Das liest sich in dem gleichnamigen Buch "Murr" aufgrund lustiger Dialoge fluffig weg. Besonders einnehmend fallen die Zeichnungen aus. Die allesamt kauzigen, durch die Saloontür tretenden Eierköpfe sind mit wenigen Strichen festgehalten. Oft bedarf es nicht einmal der Augen, um Mimik und Emotionen darzustellen. Da zeigt sich Josephine Marks Souveränität im angeblich flüchtigen Kritzeln und hingewischter Aquarellkolorierung.

Diese stilechte Westernparodie legte sie im vergangenen Herbst vor: Sie brachte Marks in diesem Juni den Preis vom Interessenverband Comic für die beste deutsche Independent-Veröffentlichung ein. Ihre in diesem Jahr erschienene Geschichte "Trip mit Tropf" wurde zudem mit dem vom Comic-Salon Erlangen vergebenen Max-und-Moritz-Preis, der renommiertesten deutschen Comic-Auszeichnung, im Bereich Jugendcomic geehrt. Josephine Mark hat offensichtlich einiges richtig gemacht, als sie auf die Ausbildung im Bereich Denkmalpflege verzichtete.

Ihre Geburtsstadt Naumburg mit dem historischen Kern hatte sie geprägt, sagt Mark - Jahrgang 1981 - im Gespräch mit der "Freien Presse". Sechs Jahre Ausbildung und Studium sowie die unsichere Jobperspektive hätten sie aber abgeschreckt. Beim Studium der Kultur- und Medienpädagogik in Merseburg fand sie schließlich zur Illustration, etwas später zum grafischen Erzählen. Ein studienbegleitendes Praktikum führte sie zum Leipziger Studentenclub Moritzbastei, für den sie lange als Grafikerin in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war. In dieser Zeit entstanden ihre ersten Cartoons. "Ich betreute die Disco-Plakate. Da habe ich Tiere drauf gemalt, die um einander werben, jaulende Katzen zum Beispiel. In Discos geht's darum, jemanden kennenzulernen, also zeichnete ich Tiere im Balzmodus." Und dann wollte sie mehr.

Als Kind habe sie gern "Mosaik" und "Mickey Maus" gelesen, lieber aber noch selbst erzählt. "Ich schrieb immer schon Geschichten, schenkte meiner Schwester Geschichten zum Geburtstag oder einen Comic auf einem A4-Blatt. Irgendwann stellte ich fest, dass ich wieder erzählen möchte." Ein Seminar bei den Zeichnern Flix und Birgit Weyhe 2017 war Marks Startpunkt für ihre Comic-Karriere. Sie machte sich selbstständig und steckte alle Zeit, die ihr neben ihrer Brottätigkeit als Illustratorin und Grafikdesignerin blieb, in "Murr". Als der fertig war, suchte sie einen Verlag und stieß mit "Trip mit Tropf" schon das nächste Buchprojekt an, das wie der Vorgänger ein trauriges Thema humorvoll behandelt. Es handelt von einem Kaninchen, das durch Zufall einen Wolf vorm Jäger rettet. Daraufhin fühlt sich dieser fortan verpflichtet, dem Kaninchen zu helfen - Wolfkodex und so. Das ist gar nicht so einfach, denn das hat Krebs, schlägt sich mit medizinischem Tropf und langer Medikamentenliste herum. Der Wolf wird zum Samariter.

"Mir liegen existenzialistische Themen", erklärt Mark. "Ich mag Bücher und Filme, die Gehalt und eine gewisse Tiefe haben. Ich laufe die Hälfte des Tages nachdenklich-traurig durch die Gegend, kann aber trotzdem über Dinge und mich selbst lachen." Außerdem wolle sie auch etwas mehr als Oberflächliches schaffen, wenn sie schon zwei Jahre an einem Comic sitzt. Sie mag unerwartbare Charaktere. Cowboy Murr entpuppt sich jenseits des Klischees als zartbesaitet. Der schlaksige und kalauernde Wolf habe eindeutig männliche Charakterzüge, das Kaninchen könne dafür jedes Geschlecht vertreten. "Ich bin tatsächlich mal angesprochen worden, dass ich eine sehr unweibliche Erzählweise hätte. Das war als Lob gemeint. Es freut mich, irritiert mich aber auch. Und es irritiert mich, dass es mich freut. Ist eine weibliche Sicht ein Mangel?"

Ende des Jahres wird Mark in die Nähe von Naumburg zurückziehen. Leipzig sei ihr zu voll geworden, nur zum Arbeiten werde sie noch herkommen. Der nächste Comic, ein Krimi, ist in Arbeit. "Das Skript ist fertig, ich muss es nur noch zeichnen", sagt sie, das "nur" betonend. "In keiner Kunstform ist man so einsam und braucht so viel Wissen und Können. Man hat so viel Zeit, darüber nachzudenken, wie schlecht man eigentlich ist." Wirklich Grund zum Zweifeln hat sie nicht.

Die Comics:"Murr", Verlag Zwerchfell, 118 Seiten, 15 Euro. "Trip mit Tropf", Verlag Kibitz, 182 Seiten, 20 Euro.

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