Premiere am Schauspiel Leipzig: Enrico Lübbe schießt "Luna Luna" aus der Umlaufbahn

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Vor zwei Jahren war das Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, jetzt ist das Sprachkunstwerk der Schriftstellerin Maren Kames auf die Bühne des Schauspiel Leipzigs in einer Inszenierung des Theaterintendanten zu erleben.

Theater.

Crash, boom, bang: Vor ein paar Tagen glückte der NASA der erste menschliche Versuch, die Laufbahn eines Himmelskörpers zu verändern. Mit Präzision krachte die Sonde auf den Asteroiden, nur einen kurzen Moment dauerte das Spektakel. Ein aus dem Himmel fallender Körper bewegt sich auch in der Umlaufbahn von "Luna Luna" am Schauspiel Leipzig. Im Gegensatz zur Wirklichkeit versagen bei diesem 120-Minüter allerdings alle Versuche des Regisseurs Enrico Lübbe, die Uraufführung auf den Kurs jener berührenden Momente zu bringen, die dem Text innewohnen.

Maren Kames' "Luna Luna" ist ein Gesang, ein Sog, der sich zwischen zwei Stimmen entwickelt, die miteinander im Clinch liegen. Da ist die sittenstrenge und doch verheißungsvolle Geisha und ihr gegenüber - beziehungsweise sie umgarnend-hintergehend - der Sheitan. Was genau das für Figuren sind, erfährt man nicht, ihr Kampf scheint sich im Kopf und Herzen einer jungen Frau abzuspielen. Immer wieder heulen die Stimmen den Mond an, wollen sie Luna nah, "lunah" sein. Ein Krieg, der Krieg an sich, bricht hinein in den Text, der eine Collage ist aus lyrischer Prosa, Wortspielen und artifiziellen Buchstabenkonstruktionen und ganz viel Popmusik.

Enrico Lübbe hält am Collagencharakter der Vorlage fest. Deren immanenter Rhythmus allerdings fehlt auf der Bühne, obwohl - oder, gerade weil - der Regisseur auf viel Musik setzt. Vier Spielende und ein neunköpfiger Chor agieren auf der Bühne, die als leerer Kasten bis nach hinten mit Schwarz-Weiß-Kopien des Originalbühnenrahmens bestückt ist. Ich-Stimme und Figur übernimmt Lisa-Katrina Mayer, die stimmgewaltig und präsent, aber beim Sprechen ohne Rhythmus ist. So kommt das dem Text eigene Tempo nicht zur Entfaltung. Auch Mayers Körpersprache reicht über einige Tanzbewegungen und Übliches nicht hinaus. Ist ihr schwindelig, dreht sie sich im Kreis, roboterartig zucken ihre Glieder, als mechanische Töne aus dem Off kommen.

Irritierend ist die Akustik, mal wird übers Mikro gesprochen, dann ohne, weshalb man sich ständig auf wechselnde Lautstärken und Richtungen einstellen muss. Das liegt vor allem an Musik und Gesang, die blockartig in die Inszenierung gesetzt sind. Wie in einem Nummernstück unterbrechen chorische Popeinlagen das Spiel. Da wird Bombast aufgefahren, sind die Kostüme mit Lichtern gespickt, rauschen Sänger vom Himmel, zwinkert ein aufgegangener Monstermond burschikos dem Publikum zu.

Das könnte aus einem Konzert von Helene Fischer stammen - deren Lied "Atemlos" wird immerhin durch interessante Variationen herrlich destruiert. Lobend erwähnt werden muss auch das mechanische Theater, das groß auf die Bühne projiziert wird. Da drehen sich Mond und Sterne aus Papier, einen Meteoriteneinschlag später wird es zum Figurinentheater, in dem die Spieler mit Stabmarionetten agieren. Hier hebt die Inszenierung zur visuellen Abstraktion an, wo sie sonst meist bei reiner Bebilderung stoppt.

Enrico Lübbe, der sonst mit rhythmischem Geschick zu beeindrucken weiß, geht bei diesem sprachmächtigen Gewebe zu zurückhaltend vor. Es drängt sich der Eindruck auf, dass er diesem nicht ganz vertraut, wenn er die Szenen musikfilmartig durch Chorspektakel zerstückelt und das Stück vom innewohnenden Kurs abbringt. Statt ein Amalgam aus beidem zu schaffen, zeigt er einen Theaterabend mit Songs, dem Musikalität und Rhythmus fehlen.

Weitere Vorstellungen von Luna Luna gibt es am Schauspiel Leipzig am 8. und 16. Oktober jeweils um 19.30 Uhr.

www.schauspiel-leipzig.de

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