Problembär, nein danke!

Wenn Politiker den Mund aufmachen, kommen oft schwer verständliche Wortwolken heraus. Die weichgespülte Sprache erzeugt Langeweile bei Zuhörern - und nutzt Populisten, die verbal kräftig zulangen.

Berlin.

Sommer 2016. Die Bürokraten kämpfen sich durch einen Berg von Hunderttausenden unbearbeiteten Asylanträgen. Im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin berichtet die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer aus der Sitzung des Kabinetts. Vor ihr eine kleine Gruppe von Hauptstadtjournalisten. Demmer trägt vor: "Heute hat erneut der Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, zum Stand der Prozessoptimierung berichtet." Ein staubtrockener Satz. "Prozessoptimierung" ist ein Wort aus der Managersprache. Ein Wort, das an Rädchen denken lässt, die gut geölt ineinandergreifen. Ein Wort, das vor den Fernsehschirmen Mut machen soll. Denn das, was man "optimiert", sollte irgendwann "optimal" werden, nicht wahr?

Wer die aktuelle Sprache des Berliner Politikbetriebes analysiert, stellt fest: Der Gebrauch von Weichspülern, Wortwolken und Wohlfühlwörtern hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das Ergebnis ist ein Politsprech, der so glatt ist, dass er oft Langeweile und Überdruss erzeugt, bei Wählern genau wie bei Journalisten. Der mit Blabla und optimistisch klingenden Phrasen alles verdeckt - vom Streit in der Sache bis zum Unwissen.

Von der Tendenz zur sprachlichen Verkleisterung profitiert, da sind sich viele Experten einig, vor allem die AfD. Die Populisten setzen sich sprachlich von den anderen Parteien ab. Sie verwenden bewusst Tabuwörter wie "Asylant" und Kampfbegriffe wie "völkisch" oder "Volksverdummung". Das Ergebnis sei eine schleichende Verrohung der Sprache, sagen Kommunikationsexperten. Einer der Lieblingssprüche der AfDler lautet: "Das muss man sagen dürfen." Das zieht. In einer Forsa-Umfrage zeigt sich: Zwar finden nur zehn Prozent der Bürger die AfD-Chefin Frauke Petry sympathisch, aber 44 Prozent trauen ihr zu, "verständlich zu reden".

Sprachforscherin Elisabeth Wehling weiß, was bei Menschen im Kopfkino und auf der Gefühlsebene passiert, wenn sie bestimmte Begriffe hören. Und wie das langfristig ihr Denken und Handeln beeinflusst. In ihrem Buch "Politisches Framing - Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" beschreibt die Wissenschaftlerin, wie etwa der Begriff "Flüchtlings-Tsunami" Ängste schürt.

Sie findet, Politiker sollten sich angewöhnen, "mehr Tacheles zu reden". Das sei besser, als sich nur über den Rechtspopulismus der AfD zu empören. Wehling, die neben ihrer Forschung im kalifornischen Berkeley auch deutsche Parteien berät, macht vor, wie Klartext geht. Sie sagt: "Eine politische Gruppe, die es nicht schafft, sich selbst sprachlich mitzuteilen, sollte nicht die Schuld beim Gegner suchen." Etwa wenn Wahlen verloren gehen.

Doch auch die AfD-Politiker sprechen nicht alle so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dem Vernehmen nach haben sich etliche von ihnen schon von Kommunikationstrainern beraten oder schulen lassen. Doch warum verstecken sich Politiker von etablierten Parteien so häufig hinter Wortnebel? Wieso benutzen sie so viele Konjunktive und schwer verständliche Begriffe, die kaum Bilder im Kopf erzeugen?

Ein Grund ist sicher die ständige Beobachtung, unter der Politiker in Zeiten von Handyvideos und sozialen Netzwerken stehen. Das Risiko ist groß, dass ein aus dem Zusammenhang gerissener, flapsiger Spruch oder eine verbale Entgleisung im Netz in Endlosschleifen kursiert.

SPD-Chef Sigmar Gabriel (57), der Rassisten und Rechtsextremisten im sächsischen Heidenau 2015 als "Pack" beschimpfte, ist einer der wenigen, die das enge Sprachkorsett gelegentlich sprengen. Doch auch Gabriel ist meist weniger auf Krawall gebürstet als SPD-Altkanzler Gerhard Schröder (72). Der schrieb den Deutschen mal ins Stammbuch: "Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft."

Olaf Kramer, Rhetorikprofessor aus Tübingen, glaubt, dass die Sprachglättung auch mit einer gestiegenen Zahl von Berufspolitikern zu tun hat. Mit anderen Worten: Wer als Jurist oder Lehrer eine bequeme berufliche Rückfallposition hat, textet vielleicht etwas mutiger als jemand, der nur auf die Politkarriere setzt.

Ein weiterer Grund dafür, dass heute zahmer formuliert wird, dürfte der wachsende Konsens zwischen den Bundestagsparteien sein. Dazu lieferte das Umfrageinstitut Infratest Dimap 2015 interessante Zahlen: So verorten viele Deutsche inzwischen nicht nur die Linkspartei, die SPD, die Grünen und die FDP links von der Mitte, sondern auch die CDU. Im rechten Spektrum sehen sie dagegen nur noch die CSU, die AfD und die NPD. Zudem sind Bündnisse wie Grün-Schwarz oder Rot-Rot-Grün heute auf Landesebene kein Tabu mehr. Wenn jeder mit fast jedem koalieren können muss, scheuen viele Politiker eher davor zurück, durch ihre Wortwahl verbrannte Erde zu hinterlassen.

"Natürlich gibt es gewisse sprachliche Flugverbotszonen, in die man sich nie wagen sollte, dazu gehört alles, was mit Rassismus, Sexismus oder sonstigen Formen von Diskriminierung zusammenhängt", stellt der Berliner Medienberater Jörg Müller-Brandes fest. Die Grenzen dieser Zonen haben sich aus seiner Sicht in den vergangenen Jahrzehnten verschoben.

Als CSU-Übervater Franz Josef Strauß (1915-1988) im Januar 1971 polterte: "Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder", waren sexuelle Handlungen zwischen Männern in Deutschland noch strafbar. Müller-Brandes ist sich sicher: "Wer als Politiker heute einen solchen Satz sagt, dessen Karriere ist beendet."

Zu den Begriffen, die in der deutschen Politik seit Jahrzehnten gemieden werden, zumindest wenn es um die Bundeswehr geht, gehört der "Krieg". Und warum ist das Wort "Problem", das bis in die 90er-Jahre im Zentrum so vieler politischer Talkshows stand, in Ungnade gefallen? "Es ist fast verboten heute, Problem zu sagen", berichtet Medienberater Jörg Abromeit: "Da gilt es scheinbar als unschicklich, von Problemen zu sprechen - man entlarvt sich selbst dann als Problembär." Ganz anders sieht es aus mit dem Wort "Herausforderung". "Problem, das ist richtig schwer, und das macht auch keinen Spaß", sagt Abromeit. Eine Herausforderung sei dagegen etwas Positives, "da kommt Freude auf, und Ehrgeiz". (dpa)

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