Rammstein: Clowns und Helden

Es dauerte keine Stunde, und die Rammstein- Konzerte am Mittwoch und Donnerstag im Rudolf-Harbig-Stadion Dresden waren so ausverkauft wie die gesamte erste Freiluft-Tournee der Band. Allein am neuen Album, dem ersten seit zehn Jahren, liegt das nicht. Über ein deutsches Phänomen.

Berlin.

Rammstein gilt als erfolgreichste Band, die die deutsche Popkultur je hervorgebracht hat. Jeder neue Tonträger verursacht weltweite Wellen, und Tourneen der sechs Berliner sind auf dem ganzen Globus ein Großereignis: Reist man heute nach Frankreich, Russland, Japan, Mexiko, Australien oder die USA, fallen einem T-Shirts mit Rammstein-Aufdruck überall im Alltag auf. Und outet man sich gar als Deutscher, bekommt man von Einheimischen aller Altersgruppen nicht selten Textzeilen dieser Band entgegengesungen - auf Deutsch. Welche Aktion des Goethe-Institutes hätte je so eine Begeisterung für Kulturgüter aus hiesigen Landen entfacht?

Zahlen erklären diese Ausnahmestellung nicht: Rund 20 Millionen Tonträger haben die Berliner in den letzten 25 Jahren verkauft - damit liegen sie hinter Künstlern wie Modern Talking (120 Millionen), den Scorpions (rund 100 Millionen) oder James Last (80 Millionen). Nur: Diese haben dafür nicht nur wesentlich mehr Alben veröffentlicht (sieben von Rammstein stehen etwa zwölf von Modern Talking, 20 von den Scorpions und sogar über 110 von Last gegenüber), sondern das vor allem zur Prä-Internet-Zeit getan, als Schallplatten und CDs noch wesentliche Medien der privaten Musiknutzung waren. Wesentlich jedoch ist: Sie klingen nicht "deutsch" - ihr Erfolg beruht auf per se internationaler Musik, die durch die Herkunft bestenfalls eine exotische Note mitbekam. Rammstein dagegen versucht seit Gründung im Jahr 1994 auszuloten, wie Rockmusik klingen kann, wenn sie sich dezidiert nicht aus angloamerikanischer Kultur ableitet. Das Ergebnis ist ein Powersound, der einerseits weltweit als "typisch deutsch" durchgeht, andererseits aber mit Wucht und Groove neben internationalen Erfolgsbands mehr als gleichberechtigt bestehen kann: Rammstein hat diese überholt, ohne sie einzuholen.

 

Die Musik. Viele Künstler haben in der Pophistorie versucht, Rock mit Klassik zu vermengen - nur Rammstein ist es jedoch gelungen, die Entwicklungslinie von Beethoven über Wagner bis ins Heute gleichermaßen glaubhaft wie populär weiterzudenken. Tim Renner, der frühere Chef der Plattenfirma Universal und Entdecker der Band, erinnert sich in seinem 2004 erschienen Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm", dass die weltweiten Klassik-Sparten des Musikkonzerns es waren, die Rammstein verstanden: Als er die Demos zum ersten Album "Herzeleid" intern vorstellte, habe kaum ein Rock- oder Pop-Abteilungsleiter mit dem marschartig stampfenden Metal-Sound und den derben Texten etwas anfangen können: Die Band habe rundweg verstört. Den Klassikern dagegen sei direkt klar gewesen, dass man es hier mit der Fortsetzung der Oper mit zeitgemäßen Mitteln zu tun habe.

Dabei wird getrickst - das aber sehr effektiv und geschickt: Rammstein-Musik lebt von grandioser Simplifizierung, vor allem in den typischen, rhythmisch markigen Zwei-Ton-Gitarrenriffs, bei denen "Schema F" ein gewolltes Signet erzeugt. Die Folge: Man erkennt einen Rammstein-Song selbst dann sofort, wenn er gar nicht von Rammstein ist. Dieses Kunststück bekommen neben den Berlinern bestenfalls Größen wie Depeche Mode, AC/DC oder The Cure hin. Weil das jedoch stumpfsinnig und damit potenziell langweilig ist, besteht der Wiedererkennungswert einzelner Songs neben den Texten oft in auffälligen Keyboard-Melodien oder abwechslungsreichen Samples. Wie nebenbei spannt die Band so den Bogen vom knalligen Gitarren-Brett zu Techno-Raffinesse und öffnet ein weites Feld von vielfältigen Stimmungen - in das der brutale Rammstein-Soundpanzer nach Belieben reinbrettern kann und die Gruppe so für die gedankenlose Abfeier-Fraktion so interessant macht wie für den getriebenen Feingeist: Man muss schon genau weghören, um hier nur Gepolter zu vernehmen.

 

Die Köpfe. Und schon kommt sowohl Ironie wie auch eine ganz neue Art des Deutschseins ins Spiel: Rammstein hat diese eigene Art von Deutschmusik ja gerade nicht aus der traditionellen Klassik entwickelt, sondern aus deren Klischee. Indem man dieses sowohl ernst nimmt als auch verspottet, findet man in einer Art Feedbackschleife aus Zuneigung und Hader mit der Herkunft näher zum wirklichen Hier und Jetzt als viele andere Künstler.

Denn die Wurzeln der Musiker selbst liegen ja gerade in der westlich-amerikanischen Subkultur. Man ist nicht dezidiert deutsch - man will vor allem nicht so sein wie der "normale" Pop des Planeten. Gitarrist Richard Kruspe ist mit Indierock, Metal und Crossover von den Swans über Metallica bis Faith No More groß geworden. Keyboarder Flake Lorenz und Gitarrist Paul Landers kommen aus der respektfreien Welt des DDR-Untergrunds, ihre Band Feeling B räuberte sich zwischen Punk, Blues und ironisch verbogenem Arbeiterliedgut einen kultig-kruden Dada-Sound zusammen. Bassist Oliver Riedel wuchs zu den Klängen von Bob Dylan auf und spielte bei den Mittelalter-Folklern Inchtabokatables. Schlagzeuger Christoph Schneider, einst bei der Punkrock-Band Die Firma aktiv, erhielt als Sohn des Opernregisseurs Martin Schneider als Kind Klavierunterricht, Sänger Till Lindemann ist der Sohn des DDR-Kinderbuchautors Werner Lindemann, seine lyrische Ader wurde ebenfalls früh gepflegt. Er steht für provokante Themen, die er aber oft aus ungewohntert Perspektive durchleuchtet. Rammstein ist das Ergebnis der schmerzhaften wie lustvollen Suche nach Reizen in der Illusion.

Bemerkenswert bei der Bandbesetzung ist, dass sie seit der Gründung konstant ist - eine absolute Ausnahme bei Rockbands. Von den zwangsläufig vorhandenen Spannungen, die bei so einer bewusst bunt zusammengewürfelten Band unausweichlich sind, drang fast nie etwas an die Öffentlichkeit - und wenn, war der Konflikt intern bereits begradigt: Die Band überstand selbst in den erfolglosen Anfangstagen private Turbulenzen wie die, dass Gitarrist Kruspe eine Tochter mit der Ex-Frau von Sänger Lindemann hat. Die künstlerische Stärke von Rammstein entspringt daher dem Kollektiv: Der konkrete Beitrag einzelner Bandmitglieder (oder ausgewählter Gäste) zu einem Song bleibt in der Band, als Autoren werden traditionell alle sechs Musiker angegeben. Wie Insider berichten, ist dabei der Auswahlprozess fast wichtiger als das Aufwerfen einer Idee: Diese wird nur in einen Song eingebaut, wenn sie in der Gruppe eine Mehrheit findet - welche am Ende auch für die Veröffentlichung eines Songs ausschlaggebend ist. Dieser strikte Filter hielt die Qualität der Rammstein-Alben trotz des selbst gewählten limitierten Schemas über alle Jahre fast unverändert hoch: Die Dichte bekannter Stücke auf den Alben ist schlicht beachtlich, Ausfälle gibt es darauf kaum.

 

Die Show. Sänger Till Lindemann ist mit seinen ebenso brutal geradlinigen wie oft sensibel-zerbrechlich wirkenden Texten quasi das gegenteil eines einnehmenden Rock-Frontmannes: Früh setzte die Gruppe daher auf theatralische Effekte. Der Sänger entwickelte die sagenhafte Pyro-Show Rammsteins stetig weiter - und machte Feuer damit zum gefragten Gimmick: Kaum eine Rock- oder Popband, die sich heute auf eine große Stadienbühne stellt, kommt ohne gezielte Flammenwerfer-Schüsse aus. Für Rammstein entpuppte sich das schnell sowohl als Bürde und Herausforderung gleichermaßen: Um dem Klammergriff des eigenen Klischees zu entkommen, mussten sich die Berliner in den letzten 20 Jahren von Tournee zu Tournee immer neue Tricks einfallen lassen. Die Lösung: Eine fast opernreife Gesamtinszenierung der Konzerte, die immer wieder zwischen Slapstick und Drama überraschend ihre Symbolik umschaltet.

 

Das Geschäft. Früh gelang es der Band mit ihrem Management, aus trotzigem Selbstbewusstsein heraus in die Regeln des deutschen und später weltweiten Popgeschäftes einzugreifen: 1997 war Rammstein die erste deutsche Gruppe, die Konzertfotos nur erlaubte, wenn der entsprechende Fotograf einen Vertrag unterschrieb, der die Verbreitung der Bilder streng limitierte und der Band Rechte daran einräumte. Mittlerweile machen das fast alle großen Bands so. Per Millioneninvestition baute man dann Anfang der Nullerjahre ein eigenes Online-Kartenverkaufssystem auf und wirtschaftete so als eine der ersten Popgrößen ausschließlich in die eigene Tasche, was Rammstein größtmögliche Unabhängigkeit verschaffte. Um den Schwarzmarkt einzudämmen, griff man dabei schnell auf Personalisierung der Tickets zurück - Methoden, die von vielen anderen Künstlern übernommen wurden.


Die Clowns

Kontroversen haben die Karriere von Rammstein geprägt: Man sang von Ehebrechern und Leichenschändern und drehte dazu Videos. Keine andere Band hat sich dabei aber so oft selbst aufs Korn genommen:

"Sonne" (1998) zeigt die Musiker als sadomasochistische Zwerge, die sich von einem goldsüchtigen Schneewittchen verprügeln lassen.

"Ich will" (2001) demontiert mediale Aufmerksamkeitssucht wie auch die fast absurde Popularität von Rammstein mit einem brutal komödiantischen Bankraub-Filmchen, bei dem sich Keyboarder Flake selbst in die Luft sprengt.

"Keine Lust" (2005) - In monströsen Fettanzügen zeigen sich die Musiker als überfütterte alte Männer, die weder sonderlich bemerkenswerte Fähigkeiten noch sonderliches Interesse am Musikgeschäft haben und sich in dicken Limousinen direkt an den Arbeitsplatz bugsieren lassen.

"Mann gegen Mann" (2006)- Nackt und eingeölt zelebriert die Band schwule Ästhetik. Nur Lindemann trägt Lederslip und - Strapse!

"Pussy" (2009) wurde aus gutem Grund nur auf Pornointernetseiten veröffentlicht: Die Köpfe der Musiker sind bei expliziten Szenen auf entsprechende Darsteller montiert.

"Haifisch" (2010) thematisiert verdeckte Spannungen: Bei einer vergurkten Beerdigung ihres Sängers prügeln sich die Musiker ums Erbe.

"Ausländer" (2019) zeigt die Bandmitglieder als schmierig-arrogante Kolonialisten, die als Sextouristen Afrika überfallen.


Die Helden

Wieder mal ein Rekord: Mit ihrem Ende Mai veröffentlichten neuen Album "Rammstein" landete die gleichnamige Band in 14 Ländern der Welt auf der Top-Position der Verkaufscharts. Das war zuvor noch keinem Künstler gelungen. Die Berliner wurden auch über eine Viertelmillion Platten in der ersten Woche los, was den erfolgreichsten Verkaufsstart eines Musikalbums in diesem Jahrtausend bedeutet.

Spitzenmarken wie diese haben bei der Band Tradition. Schon nach dem Debüt "Herzeleid" machte die Band Project Pitchfork den Fehler, Rammstein als Vorband zu buchen - unter anderem in der ausverkauften Chemnitzer Eissporthalle wurde das Publikum Zeuge, wie die Newcomer aus Berlin die Mitte der 90er-Jahre sehr erfolgreiche Düster-Electro-Band an die Wand spielten. Nachdem im Zug solcher Triumphe die Single "Engel" ein Top-Ten-Hit wurde, hielt man das Nachfolge-Album "Sehnsucht" 1997 künstlich zurück, sodass stattdessen das Debüt nochmals in den Charts landetet - wie kurz darauf der Zweitling auch. Der Aufstieg begann.

Als bisher einzige Rockband erhielt Rammstein 2004 einen Klassik-Echo. Unter der Leitung des Komponisten Torsten Rasch hatten die Dresdner Sinfoniker als "Mein Herz brennt" Orchesterlieder aus Rammstein-Songs adaptiert . Die heute gesuchte Platte verschaffte der Band erstmals Respekt in der Hochkultur.

2010 verkaufte Rammstein mehrfach den Madison Square Garden in New York aus - auf eigene Initiative: Amerikanische Veranstalter hatten sich geweigert, für eine Band, die zehn Jahre nicht in den USA aufgetreten war, Konzertkarten zu verkaufen. Das hatte als unmöglich gegolten.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
7Kommentare
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  • 0
    2
    Freigeist14
    12.06.2019

    Maresch@ weltweit Bedeutungslos ? Na dann sind wohl die ausverkauften Konzerte in Mexiko oder die riesen Fanbasis in Spanien überbewertet .

  • 4
    2
    Maresch
    12.06.2019

    @Freigeist14. Inwiefern ist es denn Lacrimosa -die weltweit betrachtet völlig bedeutungslos sind- "gelungen, die Entwicklungslinie von Beethoven über Wagner bis ins Heute gleichermaßen glaubhaft wie populär weiterzudenken"?

  • 1
    1
    DTRFC2005
    12.06.2019

    @Freigeist14: Oh, sorry, das war so nicht als Beispiel für mich wahrnehmbar und löste daher Verwunderung aus. Ich kenne in dieser Szene soviel wunderbare Künstler, auch persönlich, das mir der Vergleich sehr hinkend vorkam.

  • 0
    5
    Freigeist14
    12.06.2019

    DTR@ das war nur e i n Beispiel ,nachdem Herr Hoffmann behauptete ,nur >Rammstein< konnte die Linie von B. und Wagner bis ins Heute glaubhaft machen .

  • 0
    5
    Freigeist14
    12.06.2019

    DTR..@ das war nur e i n Beispiel für die Verbindung von Rock und Klassik ,nachdem Herr Hoffmann meinte , nur >Rammstein< konnte die Linie von früher bis ins Heute glaubhaft machen .

  • 10
    1
    DTRFC2005
    12.06.2019

    @Freigeist14: Warum vergleichen Sie denn Lacrimosa mit Rammstein? Da würden mir aber noch viel mehr einfallen, denen Klassik und Rock mehr als gelungen ist. Dennoch hat jede Band etwas eigenes , erkennbares und das ist zum Glück so. Schlimm, wenn sich alle eines Schemas bedienen würden. Wo bliebe da die Vielfalt.

  • 3
    9
    Freigeist14
    12.06.2019

    Da hat sich Tim Hoffmann ungeniert als Rammstein -Fan gezeigt und will uns erzählen ,das nur der Band Rammstein die Vermengung von Rock und Klassik gelungen sei . Das gelingt - für Kenner besser - der Gruppe Lacrimosa mit Thilo Wolff. Zwar mit viel Pathos aber nicht mit Simplifizierung und "Schema F " ,was bei Rammstein schon lange nervt .



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