Rammstein in Dresden - "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr"

Rammstein machen Theater in Fußballarenen: Beim Dresden-Stop der Europa-Stadien-Tour erlebten am Mittwoch und Donnerstag 50.000 Menschen theoretisch großartige Doppelbödigkeit - vor der man sich aber problemlos in Grillfest-Unterhaltung flüchten konnte.

Dresden.

Vielleicht hätte ich es gar nicht bemerkt, wäre da nicht dieser Typ vor mir gelaufen: Sein offenbar selbstbedrucktes Shirt zeigte einen "Reichsadler", der statt Hakenkreuz Rammsteins "R"-Logo im Eichenlaub hielt. Was soll man in dem Moment also assoziieren, wenn nach dem Konzert der aktuell spektakulärsten deutschen Band ein Kreis aus gigantischen Scheinwerfern aus dem Rund des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions senkrecht in den Himmel strahlt und so einen Lichtdom bildet? Dass der Rammstein-Auftritt vielen Besuchern ein sprichwörtlicher "innerer Parteitag" gewesen sein dürfte? Das Gemüt zuckt - und in dem Moment kappt die Technik stückweise die Stromzufuhr der einzelnen Lichtfinger. Das Bild bricht irgendwie fast demonstrativ zusammen, der faszinierend unschöne Dom stürzt vor den Augen der herausströmenden Massen ein.

Besagten Typ darf man Rammstein nicht anlasten - auch VW kann solche Logo-Modifikationen auf den Heckscheiben seiner Autos ja nicht verhindern. Ein wenig erklären solche offenen "Spielräume" aber den Riesenerfolg der Band: Sie liefert in einer Zeit, in der Kunst oft nur mit konkreten Aufklärungsabsichten daherkommt, ambivalente Bilder - und hat das Rückgrat, diese kommentarlos in den Raum zu stellen. Ohne eigenes Hirn kommt man da also nicht aus. Theater leistet sich diesen Luxus, da Kultur schließlich Bildung ist, immer seltener - die Berliner mit dem aktuellen Tourprogramm dafür umso ausführlicher. Rammstein lebte schon immer von einer opernhaft opulenten Bühneninszenierung, die aber oft als Kulisse für die Musik diente. Diesmal wurde jedoch deutlich weniger Effekthascherei betrieben, bestimmend waren stattdessen optische Metaphern. Anders wäre wohl auch kaum die Aufmerksamkeit zu halten gewesen, denn weder Tageslicht noch Stadion sind ein günstiges Umfeld für eine Rammstein-Show.

Traditionell legte die Band mit einem Stück B-Ware los, bevor mit dem Hit "Links 2 3 4" die Marschrichtung fixiert wurde: Groovige Stampfer sollten den ganzen Abend über am besten verfangen, weil sie neben Balladen im teils arg breiigen Sound (Bassist Oliver Riedel schien mit geradezu viehischem Subfrequenzdruck drei Viertel des Gesamtschallpegels allein zu erzeugen) die größten Chancen hatten, ihre Struktur zu behalten.

Also zurück zum Theater: Allein die Kostüme der Musiker luden zum Grübeln ein - Sänger Till Lindemann etwa trug anfangs eine Art NVA-Uniform aus grüner Schlangenhaut und an den Beinen soetwas wie kniehohe Frauenstiefel. Sehr assoziationsreich! Und dann Songs wie "Du hast", einer der gefeierten Höhepunkte, der aus der Deckung eines Beziehungsdramas heraus und in die Zeit hinein bedingungsloses Vertrauen infrage stellt: "Willst Du bis der Tod euch scheidet / treu ihr sein für alle Tage?" "Jaaaa!" seufzt der Konservenchor - "Nein!" grollt Lindemann. Wer, verdammt, ist "sie"? Zum "Deutschland"-Remix des Gitarristen Richard Kruspe gab es einen Tanz von vier Licht-Strichmännchen, die dem Ernst des Popkultur-Exportgutes Kraftwerk ebenso huldigten wie ihm eine Nase drehten. Oder natürlich "Pussy", bei dem die ersten Reihen der Publikumsdeutschen mit einer Penis-Kanone weiß eingesaut werden: "Schönes Follein, Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr?" Die Texte, die Lindemann deklamiert, sind, wenn man sie sich auf der Zunge zergehen lässt, immer Bilderflut für sich. Bedrückender Höhepunkt war dann "Puppe" - beim vielleicht besten Stück des aktuellen Albums wurde ein riesiger Kinderwagen in Brand gesetzt, eine Kamera fing für den beweglichen Turm-Monitor den verzweifelt brüllenden Sänger als Inkarnation seines eigenen verstümmelten Nachwuchses ein, und aus Stahltürmen im Stadionrund erbrachen sich schwarze Schnipsel wie die Asche einer Generation.

Klar: Wer wollte, konnte da immer auch nur Effekte sehen. Dann war das Konzert mit seiner doch recht beachtlichen Hitdichte eben eine gigantische Grillparty - zumal bei Songs wie "Sonne" die im ganzen Stadion aufgepflanzten Flammenwerfer derart losfeuerten, dass einem noch im obersten Rang die Wimpern angesengt wurden. Denn natürlich war sich Rammstein gewissen Mainstream-Verpflichtungen bewusst und bot beliebte Running Gags wie die Bootsfahrten über den Zuschauerköpfen oder die Muppetshow-reife Kochszene zu "Mein Teil", mit der das Stück, eigentlich eine düster-doppelbödige Betrachtung zur (sexuellen) Entscheidungsfreiheit, zum Klamauk verbogen wird. Diesmal übertrieb die Band den Witz sogar weiter, indem Lindemann Keyboarder Flake mit immer absurderen Geräten "flambierte". Die Liederfolge hingegen unterstrich Altbekanntes: Titel der ersten vier Alben zünden besser als neuere, und trotz faktisch schon spürbar abnehmender Wirkmacht fängt Rammstein selbst kritische Geister im Konzert nach wie vor problemlos und mit Schmackes. Ist halt Weltklasse. Das selbstverständliche Vertrauen der Musiker in die Mündigkeit des Publikums im Umgang mit ihrem ganzen Theater ist dabei ein Wert, den die Leute spürbar schätzen. Menschen, deren Geist sich in eingangs beschriebenen Shirt-Ausfällen spiegeln mag, waren zwar da: Am Ende aber doch deutlich weniger als an sächsischen Wahlurnen.

Das Programm

"Was ich liebe", "Links 234", "Tattoo", "Sehnsucht", "Zeig Dich", "Mein Herz brennt", "Puppe", "Heirate mich", "Diamant", "Deutschland (Kruspe-Remix)", "Deutschland", "Radio", "Mein Teil", "Du hast", "Sonne", "Engel (Klavier-Version)", "Ausländer", "Du riechst so gut", "Pussy". Zugabe: "Rammstein", "Ohne Dich", "Ich will".

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
3Kommentare
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  • 4
    9
    Freigeist14
    14.06.2019

    1555@ Da liegen Sie falsch . Ich habe "Rammstein " schon 1996 beim "Woodstage" in Glauchau gesehen als die Fans von heute noch zur Schule gingen . Nur war ich leider nie vom plakativen Industrial -Rock mit Leni Riefenstahl-Ästhetik überzeugt . Die Knorkator - Parodie war authentischer .

  • 12
    6
    1550355
    14.06.2019

    Soche Bieträge und Kommentare sind die beste Publicity die ihr Rammstein machen könnt. Regt euch ruhig geheuchelt über die vermeintliche Nazi-Paralle auf, heimlich hört ihr doch alle Rammstein und freut euch, weil ihr deren Texte versteht.

    ;)

  • 6
    14
    Freigeist14
    14.06.2019

    Ich wiederhole mich gern : Hier wird ohne Scham der Titel > Blitzkrieg< erwähnt und verharmlost dabei ohne Scham die Angriffskriege der Wehrmacht . Wenn ,dann gleiches Recht für alle . Auch wenn die Band Rammstein keine Sendung im MDR hat.



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