Rasse und Macht

Der Rassismus ist nicht totzukriegen, weil er Machtverhältnisse stabilisiert. Das stellt die zweite große Dresdner Ausstellung zum Thema binnen dreier Jahre unter Beweis.

Dresden.

Frankreich ist Fußball-Weltmeister. Frankreich? Aus den sozialen Medien kochte schon vor dem Finalspiel die Häme hoch: zu viele Nicht-Weiße, zu viele "Afrikaner" im Team. Als sei das nicht französisch, sondern skandalös.

Im Nachbarland ist das eine abgestandene Debatte. Schon 1998 zog Jean-Marie Le Pen, der alte Hexenmeister des Front National, über nicht-weiße Spieler her, sie sollten die Hymne singen. Damals war das den Franzosen egal. Aber inzwischen fängt sogar ein Michel Platini mit dem Lippenlesen an - Enkel italienischer Einwanderer, der zu Zeiten kickte, als niemand in der Konzentrationsphase vor dem Spiel auf die Idee gekommen wäre, die Marseillaise anzustimmen. Erst wird über die Hymne diskutiert, dann über die ethnische Herkunft von Spielern. Laurent Blanc, Ex-Nationalspieler und -trainer, wurde 2011 zitiert: "Wer sind die Großen, Robusten, Kräftigen? Die Schwarzen."

Rassismus hat offenbar eine verführerische Seite. Er ordnet die Welt, presst die Vielfalt in Systeme, macht sie überschaubar. Äußere Unterschiede zwischen Menschen sind so leicht, so unangestrengt zu erfassen. Also wird das Rassedenken immer wieder aus der Schublade geholt, aller wissenschaftlichen Erkenntnis zum Trotz, gegen jede historische Erfahrung. Längst haben Genetiker mittels Untersuchungen der DNA abschließend bewiesen, dass es keine "Rassen" im Sinne menschlicher Unterarten gibt: Wir sind uns alle, weltweit, zu fast hundert Prozent gleich. Unter Schimpansen ist die genetische Varianz ausgeprägter als unter uns Homo sapiens. Rassistische Praktiken in der Menschheitsgeschichte haben stets zum Zivilisationsbruch, zu kulturellem Niedergang und Gewalt geführt. Trotzdem sind sie nicht totzukriegen.

Eine Ausstellung in Dresden setzt sich mit diesem Thema auseinander - die zweite überregional beachtete Annäherung innerhalb von nur drei Jahren. 2016 widmete sich die Kunsthalle im Lipsiusbau der "Vermessung des Unmenschen". Damals stand ein Depotfund aus dem Dresdner Völkerkundlichen Museum im Mittelpunkt: 12.000 von einem Mitarbeiter beklebte Karteikarten, die eine strukturierte Fotodokumentation menschlicher Varietäten ergeben sollten und doch nur die Willkür des Ansatzes und die Verbohrtheit des Erstellers vor Augen führten. Mochte die Rasseidee auch wahnhaft sein, so verdeutlichte der Fund, welche gruseligen Energien sie schon im Kopf des Einzelnen freisetzt. Ihre zerstörerische Kraft kulminierte in den Rasseforschungen der Nazis und ihrer Handlanger und Zuträger an den Universitäten.

Die im Mai eröffnete Sonderausstellung im Hygienemuseum wählt nun einen anderen Zugang. Nach Überzeugung der in Wien lebenden Kuratorin Susanne Wernsing greift es zu kurz, Rassismus als Pseudowissenschaft zu etikettieren. "Mit der Kategorie ,Rasse' werden nur scheinbar menschliche Unterschiedlichkeiten beschrieben", sagt Wernsing. "In Wahrheit dient Rassismus dazu, politische, soziale und kulturelle Ungleichheit zu begründen. Das ist keine Pseudowissenschaft, das ist politisierte Wissenschaft."

Anders als Kurator Wolfgang Scheppe im Lipsiusbau mochte Susanne Wernsing im Hygienemuseum keine rassistische Bildästhetik ausbreiten, sondern thematisiert stattdessen immer wieder, was in diesem Kontext gezeigt werden sollte - und was eben nicht. Eine Arbeitsgruppe von Experten beiderlei Geschlechts, die selbst über rassistische Erfahrungen verfügen, steuerte Präsentationshinweise und Kommentierungen bei, die in der Ausstellung dokumentiert sind. Das fügt dem eigentlichen Thema eine sehr relevante Debatte hinzu: wie mit rassistischen Zeugnissen angemessen umzugehen sei.

Der Ausstellungstitel "Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen" stellt voran, dass dem Rassebegriff ein bloßes Konstrukt, ein Hirngespinst zugrunde liegt. Mehr noch aber ist Rassismus in Wernsings Lesart eine Ideologie, die Machtstrukturen herstellt und Herrschaftsverhältnisse stabilisiert. "Zu diesem Zweck wird ein hoher Aufwand betrieben", sagt die Kuratorin. Die Dresdner Ausstellung dokumentiert anhand signifikanter Beispiele, wie die Ästhetik gewisser Bilder und Figuren rassistische Klischees verfestigen hilft. Und sie beleuchtet die jahrhundertelang immer wieder unternommenen Versuche, die behauptete Existenz von Menschenrassen und einer Hierarchie derselben "wissenschaftlich" zu beweisen.

Dabei wird deutlich, wie erschreckend tief rassistisches Denken und rassistische Praktiken in den Fundamenten unserer Gesellschaft quasi eingeschrieben sind. Das beginnt an der Wiege der Moderne, ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung, sagt Wernsing. Im 18. Jahrhundert entfaltete die Idee der Gleichheit, wie sie auch die Französische Revolution von 1789 propagierte, politische Kraft. Da aber die tatsächlichen Machtverhältnisse weit davon entfernt waren, egalitär zu sein, wurde mit der Ideologie des Rassismus eine Denkkategorie darunter eingezogen, die Herrschaft weiter rechtfertigen konnte. Die Idee der Gleichheit wurde vom Rassismus korrumpiert. So beschrieb der Anatom Johann Friedrich Blumenbach um 1775 fünf "Varietäten" des Menschen, die noch heute in der Bildsprache etwa von Trickfilmen über Menschen unterschiedlicher Herkunft herumgeistern. Blumenbachs Dissertation erschien zeitgleich mit Immanuel Kants "Von den verschiedenen Racen der Menschen". Johann Caspar Lavater gab seine "Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" heraus, in denen er Charaktere an Gesichtszügen und Körperformen erkennen wollte. Der holländische Gelehrte Pieter Camper, der die "Grenze zwischen Mensch und Tier" durch "Vermessung des Gesichtswinkels" bestimmen wollte, räsonierte über den "natürlichen Unterschied der Gesichtszüge in Menschen verschiedener Gegenden und Alters".

Schon die frühesten Versuche, ein rassistisches Weltbild zu formulieren, zeigten, dass es nicht um eine wissenschaftlich "neutrale" Suche ging. "Der Rassismus war immer zuerst da, nicht irgendein Erkenntnisanspruch", sagt Susanne Wernsing. Immer gehe es um Hierarchien, um oben und unten. "Andernfalls hätte man nach Ähnlichkeiten gesucht."

Rassismus ist kein Phänomen der gesellschaftlichen Ränder. Die Mitte der Gesellschaft ist voll davon. Die Nachrichten belegen, wie schnell das "aktivierbar" sei, sagt Susanne Wernsing. Die These wird von wissenschaftlichen Studien gestützt. Lehrreich in diesem Zusammenhang ist auch die Geschichte der Kriminalanthropologie, die sich zum Ziel setzt, anhand von Gruppenmerkmalen Tatverdächtige identifizieren zu wollen. Man gewann Proben an Hingerichteten, vermaß und kartografierte Menschen in Gefängnissen und Hospitälern. Der vorwissenschaftliche Glaube an einen "Verbrechertypus" motivierte die "wissenschaftliche" Suche danach. Die Ausstellung hinterfragt, wie heutige Praktiken - etwa die Rasterfahndung nach ethnischen Kriterien - solche Denkweisen fortschreibt.

Den ursprünglichen Arbeitstitel der Schau hatte Wernsing einem Zitat des Berliner Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld entlehnt: Rassen, Anatomie eines Phantoms. Der Titel wurde verworfen. Es gab Befürchtungen, Rassismus könne als "Phantom" missverstanden werden. Rassismus sei nichts Geisterhaftes, sondern etwas Erfundenes, mit klarer Intention.

Bundesweit wurde die neue Ausstellung nach Eröffnung positiv besprochen. "Man kommt an diesem Thema nicht vorbei, indem man so tut, als ob es nicht da wäre", sagt die Kuratorin. "Streit ist programmiert, den muss man führen. Wir bieten einen Anlass zum Gespräch."

Die Ausstellung "Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen" läuft bis zum 6. Januar 2019 dienstags bis sonntags 10bis 18 Uhr im Deutschen Hygienemuseum Dresden, Lingnerplatz 1. www.dhmd.de

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