Ratloser Engel der Vorstädte

Das Freiberger Theater spielt den Brecht-Klassiker "Der gute Mensch von Sezuan" und trifft damit die aktuellen Themen der Gegenwart.

Freiberg.

Aus einem Gully entsteigt der Wasserverkäufer Wang. Zerrissen und erbärmlich steht er auf der Bühne des Freiberger Theaters für die Armen von Sezuan. Drei Götter fragen Wang (Ralph Sählbrandt) nach einer Unterkunft, um auf diese Weise einen guten Menschen zu finden. Doch es sind nicht die allmächtigen, erhabenen Götter, die man kennt. Sie zweifeln, sie streiten und nehmen ihre Mission mit einem Schuss Ironie.

Dabei ist die geradezu gewaltig. Sie wollen es nicht glauben, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse eine Befolgung der göttlichen Gebote unmöglich gemacht haben und suchen daher als Gegenbeweis einen guten Menschen.

Zunächst aber finden sie die Prostituierte Shen Te, brillant gespielt von Franka Anne Kahl. Sie gewährt ihnen Unterkunft. Dafür schenken sie ihr 1000 Silberdollar. Und damit fängt das Elend so richtig an. Von dem Geld kauft sie sich einen Tabakladen und tut viel Gutes. Doch ihr Reichtum weckt Begehrlichkeiten. Die gute Shen Te entgeht dem Bankrott nur, weil sie zwischendurch hinter die Maske ihres geschäftstüchtigen Vetters Shiu Ta schlüpft. Rücksichtslos vertreibt er/sie die Schmarotzer. Shen Te bleibt in den Augen der Götter und der Bewohner Sezuans "der Engel der Vorstädte".

Franka Anne Kahl gelingt die Doppelrolle überzeugend und ohne Mühe. Sie verzichtet dabei, den Göttern sei Dank, auf die obligatorische wie alberne Maske, die in so manchen Operetten zu sehen ist. Ein Hut, ein feiner Anzug reichen ihr zur Verwandlung.

Ralf-Peter Schulze hat die Geschichte in wunderbaren klassischen Bildern inszeniert. Der Boden symbolisiert Schlamm und Morast, die Schauspieler, dreckig und elend, könnten dem Arbeitermilieu aus den dunklen Zeiten der frühen Industrialisierung entsprungen sein. Das Gemälde der Armut erleuchtet nur Shen Te im sauberen Kleidchen. Auf dem Weg zu einer Verabredung trifft sie den arbeitslosen Flieger Yang Sun (Oliver Niemeier). Sie verliebt sich in ihn, doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern.

Als sie ein Kind erwartet, verschwindet sie aus Sezuan, indem sie sich erneut in ihren Vetter verkleidet. Er/sie baut entschlossen ein Opiumimperium in Sezuan auf. Yang Sun hingegen verschleudert sein Leben und wird opiumsüchtig. Oliver Niemeiers Auftritt als Verzweifelter gehörte zu den Höhepunkten der Premiere am Samstag.

Die hätte trotz Freiberger "Nachtschicht" und lauem Sommerabend ein wirklich prall gefülltes Theater verdient gehabt. Denn die Aufführung von "Der gute Mensch von Sezuan" hinterließ sicherlich den ein oder anderen nachdenklichen Zuschauer. Kann man gut sein, wenn man reich ist? Die Frage von Moral und ihren Verhältnissen ist brandaktuell. Schließlich wurden in der sogenannten Flüchtlingskrise Menschen wegen ihrer Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naive "Gutmenschen" diffamiert. Steckt im reichen Deutschen doch ein Stück Boshaftigkeit?

Auf all diese Fragen haben aber weder die Götter noch Brecht eine Antwort. Am Ende seines "Sezuan" lässt er die Zuschauer bewusst ratlos zurück. "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen" heißt es im Epilog. Wer eine klassische Brecht-Aufführung erwartet, der wird nicht enttäuscht. Er bekommt Brecht: kurzweilig, nachdenklich und großartig.

Nächste Aufführungen 17. September, 14. Oktober, 19.30 Uhr. Karten: 03731/358235. www.mittelsaechsisches-theater.de

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