Requiem für Ausgestoßene

Caro Thum inszenierte für die Geraer Bühne "Kruso" nach Lutz Seilers preisgekröntem Bestseller. Die Uraufführung der furiosen DDR-Endzeit-Parabel schlug ein beim Publikum.

Gera.

Die Premiere roch - nach Zwiebel. Bis runter zum Parkett schwappte der beißend frische Duft. Zwiebeln wurden in Caro Thums Inszenierung säckeweise auf die Bühne geschleppt, geschält. Es wurde herzhaft hineingebissen. Sie wurden zerdrückt, zertreten, geworfen und vermengten sich mit verbrauchten Requisiten auf dem Bühnenboden, abgelegte Kleidung etwa, abgespielte Schachfiguren auch. Ein Matsch, sinnbildhaft für die auftretenden Charaktere, illuster und von scharfem Verstand, doch auch schadhaft und ausgespuckt vom Durchschnittsleben. Das ergab ein Gleichnis für die Schicksale der Ostsee-Flüchtlinge kurz vor dem Ende der DDR. Die Biografien und Lebenswege, derer kreuzten sich, die jegliche Hoffnung fahren gelassen hatten. Sie trafen sich im Sommer 1989 in der Küche des Betriebsferienheims "Zum Klausner" auf der Insel Hiddensee, der Zeit und dem Ort der Handlung.

Das Theater Gera-Altenburg hatte sich mit der Bühnenversion des Romans von Lutz Seiler beeilt. Der gebürtige Geraer hatte seinen Erstlingsroman im vorigen Jahr herausgebracht und dafür unter anderem den Deutschen Buchpreis des Börsenvereins des Buchhandels erhalten. Einzig das Theater Magdeburg war schneller. Dort erschien der Stoff bereits Ende September auf der Bühne. Für die Geraer wurde das Projekt mit der Premiere ein Erfolg. Nach dem berührenden Epilog, der von den Menschen berichtete, die bei der Flucht aus der DDR in der Ostsee ums Leben gekommen waren, brandete Beifall auf. Lutz Seiler sagte hinterher, er sei einverstanden mit der Inszenierung und der Abend habe einen der glücklichsten Momente seines Lebens geboten.

Für Gera-Altenburg hatte Petra Paschinger eine eigene Bearbeitung der Romanvorlage angefertigt. Sie bezog sich ausschließlich auf Seilers Text, darauf legten die Geraer Theaterleute wert. Die scheinbar uferlose Vorlage, mäandernd, surreal, versetzt mit atmosphärisch intensiven Landschafts-, Charakter- und Stimmungsbildern, reichte für fast 500 Buchseiten. Das Stück fürs Theater musste mit einer Spieldauer von etwa zweieinhalb Stunden auskommen. Die wesentlichen Motive steckten drin. Die Stationen der Lebensreise des Germanistik-Studenten Edgar, die eigenwilligen Figuren, die starke Emotionalität und das Requiem für die Menschen, auf der Flucht aus der DDR in der Ostsee ums Leben kamen.

Die Insel Hiddensee, als Oase, schon fast jenseits des Rands des kleinen DDR-Tellers, doch immer noch im Blick der Uniformierten von Transportpolizei und Grenzschutz sowie der zwielichtigen Staatssicherheit, gab für die Regisseurin und ihr großartig intensiv aufspielendes Ensemble das Tablett ab zum Anrichten der Erörterungen über Trauer, Schuld und wenig Hoffnung, Freundschaft und Liebe. All das in solistischer Rede, in Dialogen, mit knappen Einwürfen und poetischen Wendungen, literarischen Zitaten und Anspielungen, Wortfetzen. Marianne Hollenstein benötigte für das Bühnenbild nicht viel: Spültische, ein Spind, ein Röhrenradio und etwas zum Sitzen reichten. Die Spielorte wie der Bahnhof, das Lokal und der Strand blieben weitgehend frei von Nostalgie-Requisiten. Heinrich Diemer steuerte Musik- und Klangkulissen bei.

Caro Thum, sie stammt aus dem Saarland, hatte aktionsreiche und überaus körperlich angelegte Szenen entwickelt. Großartig agierten dabei die Schauspieler, viele in mehreren Rollen und in beeindruckender Sprechkultur. Christiane Nothofer verkörperte beispielsweise alle Frauenfiguren, in Kostüm und oft auch gänzlich ohne. Manuel Kressin verlieh der Figur des Ed die nötige Neugier und die anfängliche Naivität, zeigte berührend wie Staunen sich zu Erkennen wandelte. Bernhard Stengele, der Schauspielchef des Theaters, legte mit seinem Kruso einen großen Auftritt hin. Mit Wucht und gleichermaßen Sensibilität gab er der zerbrochenen Seele dieser Figur Kraft und den passenden Ausdruck: "Wir alle sind auf irgendeine Weise Schiffbrüchige, und die Insel ist unsere Rettung." Ebenso kraftvoll und ausdrucksstark, eigenwillig und virtuos waren die Akteure in den übrigen Rolle aufgelegt. Lange nach dem Epilog blieben die Zeilen im Ohr wie eine Melodie voller nordischer Schwermut: "Warum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer, so bereit nach dem Meer!"

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1Kommentare
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    AndreaEckert
    14.11.2015

    Intendant Roland May vom Theater Plauen-Zwickau könnte sich ein Beispiel am Gerber Schauspieldirektor Bernhard Stengele nehmen: während May in Plauen die Brusthaare seiner männlichen Ensemblemitglieder zensiert (zur Erinnerung: https://www.freiepresse.de/LOKALES/VOGTLAND/PLAUEN/Zensur-oder-Haarspalterei-artikel9337556.php), wird es bei Stengele in Gera haarig: in "Kruso" steht er splitterfasernackt auf der Bühne - inklusive deutlich sichtbarer, starker Behaarung auf der Brust und am Rücken. Und er ist nicht der einzige männliche Darsteller, den wir im Adamskostüm zu sehen bekommen. Da das alles an einem Ostseeestland zu DDR-Zeiten passiert, dient die Nacktheit hier nicht der Provokation sondern schlechtweg der realistischen Darstellung. Kruso in Gera ist jedenfalls absolut sehenswert!



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