Rezo: "Journalisten sind teilweise so dumm"

Der bekannte Youtuber Rezo wurde mit seinem Clip zur "Zerstörung der CDU" kurz vor der Europawahl auch außerhalb des Internets zum Medienstar. Nun hat er in einem neuen Video vermeintlich die Zeitungsbranche ins Visier genommen. Deren Reaktion ist teilweise verstörend.

Chemnitz.

Wenn es gilt, Steilvorlagen zu verwandeln, merkt man etlichen deutschen Medienmachern die Freude an der Arbeit durchaus an. Zum Beispiel: Als die CDU kurz vor der Europawahl so herzzerreißend hilflos auf eine halbstündige Verbalattacke des Youtubers Rezo reagierte: Als zahlreiche an sich sehr medienerfahrene Parteigranden Ende Mai mit Schmackes daran scheiterten, dessen (mittlerweile über 15 Millionen Mal geklicktes) Video "Die Zerstörung der CDU" erst pseudostaatsmännisch-arrogant abtropfen zu lassen, dann den Macher aggressiv der Lüge zu bezichtigen, um ihn schließlich verkrampft-plump als Jungwähler anzukumpeln, prasselten eloquent geschossene Kommentare aus der Medienwelt hagel-dicht in den Kasten der angeknackten Volkspartei: Diese hatte einfach das Kraftpotenzial faktischer Argumente und logischer Gedanken unterschätzt - nur, weil Rezo sie mit Youtuber-unüblicher Ernsthaftigkeit in trügerisch flapsige Jugendsprache gewickelt hatte. Bäm!

Scharfe Torschüsse sind aber immer nur die halbe Miete - man muss umgekehrt ja das Leder auch halbwegs sicher wegfangen können, wenn es auf die eigene Hälfte zu- eiert. Das tat es am Wochenende, als Rezo sich mit der Zeitungsbranche auseinandersetzte, und nun griff die ihrerseits oft hinter sich: Die Reaktionen, die sich bis Dienstag auf Papierseiten und in Internetkanälen anhäufelten, sind - als Journalist kann man nur sagen: leider - ebenfalls meist bemerkenswert hilflose bis ärgerliche Eigentore.

Was war passiert? Am Sonntag veröffentlichte das Youtuber-Duo "Space Frogs" ein Filmchen mit dem Titel "Wir BILDen Rezo", in dem man sich mit Rezo als Gast über "bedrucktes Totholz" hermacht. Es fallen Sätze wie "Zeitung lese ich eh nicht", "Journalisten sind teilweise so dumm" oder "Ey, wer liest das, wer kauft das, wer unterstützt das finanziell?" Niemand, der seinen Lebensunterhalt mit dem Bedrucken von (jawohl!) Recyclingpapier verdient, liest sowas gern. Entsprechend schrill tönte der Gegenruf: "Diesmal bleibt das Reflexionsniveau an der Oberfläche. Sich vorzustellen, dass seine persönliche Lebenswirklichkeit nicht zwingend deckungsgleich sein muss mit der von Millionen anderen Menschen, ist ihm nicht gegeben", urteilte etwa das Redaktionsnetzwerk Deutschland, das immerhin 50 Tageszeitungen mit Inhalten versorgt. Die "Sächsische Zeitung" befand, der Youtuber könne ja gar nicht wissen, wie gut die von ihm als fehlend bekrittelte Medienkritik von Zeitungen untereinander wirklich passiere, wenn er keine Zeitungen lese - angeblich nämlich "im großen Stil". Und der Deutsche Journalistenverband sprach gar von "Diffamierung", die "billig" sei und "an Hetze grenze".

Dass dessen Vorsitzender Frank Überall sich bei Rezo kurz darauf via Twitter entschuldigte und der Verband eine grimmige Pressemitteilung beim eiligen Zurückrudern wieder kassierte, macht die Fallhöhe der Überreaktionen deutlich, erklärt aber nicht deren schaumkroniges Auftreten. Vor allem in einer Branche, die sich ihrer professionellen Filterkraft nicht nur rühmt, sondern die ja ihr ganzes Geschäft auf Faktencheck und erst einmal nüchterne Einschätzung setzt, hätte ja auffallen können, dass die "Space Frogs" eine Art selbst gestrickter Internet-Lausbuben-Version von "Ladykracher" sind - mit Witzfokus auf triefendem Sarkasmus, gemixt mit formatüblichem Gaga-Witz, den man nicht mögen muss, aber erkennen kann: Auf die Idee, dass dem Sinn von derlei Wortkaskaden mit 1:1-Analyse des Gesagten beizukommen wäre, selbst wenn man einen "Erregungsbonus" einpreist, muss man erst einmal kommen. Was Rezo im Video bringt, ist im Kern Bildzeitungskritik, die Günter Wallraff Ende der 70er schon derber vorbrachte und die etwa der "Bildblog" regelmäßig aufgreift. Wenn Youtuber nun andeuten, dass Boulevardisierung dort nicht haltmache - ist das so unrichtig, dass man es nicht bedenken könnte, statt zu bellen wie der sprichwörtliche getroffene Hund?

Dass das Video, wäre nicht Rezo beteiligt, wie der weite Wust ähnlicher Youtube-Comedy prominent ignoriert worden wäre, ist ebenso klar, wie es zeigt, dass Printmedien aller Couleur eben auch Reflexen und Trends folgen. Warum sie das tun, tun müssen, hätte man ja als einen diskussionswürdigen Punkt herausschälen können - wie die Tatsache, dass gegenseitige offene Kritik in der Branche ebenso heißes Eisen wie umschlichener Brei ist - Stichwort "Spiegel", Fall Relotius. Nun hat diese in der Online-Welt natürlich auch andere Funktionen und dient sicher mehr dem Triggern von Klick-Kaskaden als der inhaltlichen Qualitätsverbesserung. Ist es nicht trotzdem durchaus einiger Gedankengänge wert, inwieweit die gängige Praxis der herkömmlichen Medienwelt vielleicht neben dem sinnvollen Maß der Dinge liegen könnte? Und: Gibt es sie eventuell wirklich, die "gedruckten Filterblasen"?

Rezo-Gegner verstiegen sich auf dem Gipfel der Gegenattacken schließlich zu Kurzschlüssen wie "wer Informationen nur online, aber nicht gedruckt liest, ist dumm und gefährlich". Oder, verknappt für Twitter: "Buch=Bildung". Hätten eingefleischte Printer wie Thilo Sarrazin oder Götz Kubitschek derlei postuliert, wäre einigen Kommentatoren vielleicht aufgefallen, dass Papier und Bildschirm sich in einem Punkt gar nicht unterscheiden: Beide sind erst mal nur Transportmedien für Buchstaben - über den Gehalt der darin verwickelter Gedanken sagen sie selbst rein gar nichts.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 6 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    osgar
    22.08.2019

    Tja Youtuber müsste man sein.
    Da könnte man aus Sch.... Geld machen oder zumindest ein Meinung absondern.

  • 5
    3
    ujac
    22.08.2019

    auf den Punkt gebracht. 5 Sterne!



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