Riffs für die Blase

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Aus professionellem wie privaten Interesse folge ich auf diversen Web-Plattformen ziemlich vielen Musikmenschen - man will ja auf dem Laufenden bleiben. Ich kann also sagen, dass ich einen gewissen Überblick habe im musikalischen Deutschland. Dabei fällt mir auf: Fast niemand, der sich das Jahr über halbwegs ernsthaft mit Musik beschäftigt, sei es leidenschaftlich oder beruflich, hat sich zum Eurovision Song Contest geäußert. Der ESC fand scheinbar nur bei, mit und für Menschen statt, die mit Songs ansich wenig zutun haben. Ein ähnlicher Effekt also wie im Fußball, wenn bei großen Turnieren neben eingefleischten Fans plötzlich massig Leute auftauchen, die sich mit dem Spiel sonst gar nicht befassen.

Das ist nichts Schlimmes - jeder räumt Musik eben einen anderen Stellenwert ein, und die Vielfalt des Angebots zu durchforsten kann ja sowohl Lust als auch Last sein. Wer will es Gelegenheitshörern also verdenken, wenn sie auf Formatradio, Spotify-Empfehlungen oder Wettbewerbssieger setzen? Beim ESC allerdings verblüfft dann doch, welch hermetische Blase er seit Jahren bildet: Man kann oder mag als Musikmensch dazu allmählich nichts Sinnvolles mehr sagen. Dass die deutschen Beiträge seit 2012, also nach Lenas Nümmerchen "Taken By A Stranger", keine Berührungspunkte mehr mit der deutschen Musiklandschaft hatten, ist ermüdend oft ausgeführt worden - niemanden wurde daher vom Darbietungsfragezeichen Jendriks überrascht. Indiepopper Drangsal war 2019 bezeichnenderweise der letzte hiesige Szenevertreter, der ernsthaft hinwollte zum ESC - und natürlich nicht in Erwägung gezogen wurde.

Und jetzt wird es als Aufregung gedeutet, weil eine Art Rocksong gewonnen hat. Was soll, wer in den letzten zehn Jahren auch nur ein Festival besucht hat, und sei es kurz, da denn sagen außer "Guten Morgen"? Der Titel von Måneskin ist ja nett: Von Nirvana über Clawfinger bis The Sweet schimmern alle möglichen Geschmacksrichtungen leicht durch. Richtig Kritisches fällt einem dazu nicht ein - es ist ja schön, wenn Musik Freude bereitet. Das die Italiener einer Bandparodie wie Steel Panther auf der Bühne nicht mal die Handtücher hinlegen können - geschenkt. Was soll man also von einer Wettbewerbsblase halten, in der "gar nicht schlecht" ausreicht für eine Fast-Sensation? Also: Wenn die dort Gitarren wollen, sollten wir für 2022 eine der vielen Rammstein-Tribute-Bands auswürfeln. Oder einfach Feuerschwanz schicken. Wetten, dass der ESC vor Staunen implodiert?tim

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