Ringo Starr: Dank Deutschland überlebt

Der Ex-Beatle über seine Zusammenarbeit mit Paul McCartney, Hamburg als frühe Stadt des Rock'n'Roll und sein Lieblingsemoji

London.

"Sie wissen, dass er nur den Ellbogen gibt, oder?", fragt Ringo Starrs Assistentin vorm zehnminütigen Blitz-Interview in der Suite eines Londoner Nobelhotels. Der legendäre Ex-Drummer der Beatles hat nämlich eine Bakterienphobie! Doch dann kommt alles anders: Der jüngst mit dem Sir-Titel geadelte Musiker steckt erst nur seinen Kopf durch die Tür - was wir mit Lachen quittieren. "Gib mir eine Umarmung, Baby!", meint Starr lässig. "Peace & Love" ist schließlich sein Lebensmotto. Sein neues Album, das er auch am Sonntag in der Zwickauer Stadthalle vorstellt, heißt dementsprechend "Give More Love". Darüber, sowie über die Zeit vor den Beatles hat Katja Schwemmers sich mit ihm unterhalten.

"Freie Presse": Mr. Starr, wie oft am Tag denken Sie an die Beatles?

Ringo Starr: Nicht jeden Tag. Ich spreche eigentlich nur drüber, weil ich ständig danach gefragt werde. Aber zu Hause stelle ich mich nicht hin und referiere darüber, was wir 1963 gemacht haben.

Auf Ihrer neuen Platte spielt allerdings auch Paul McCartney mit. Wenn Sie beide zusammen in einem Raum sind, fühlen Sie dann die Last der Vergangenheit auf Ihren Schultern?

Nein, gar nicht, wir sind dann ganz in dem Moment. Manchmal sprechen wir über John und George, weil uns irgendein Song oder eine Anekdote in den Kopf kommt und uns an etwas erinnert. Natürlich ist es immer ein Teil von mir und auch von Paul. Aber wir leben heute einfach unsere Leben. Es gibt ja genügend Leute, die in unserer Vergangenheit verharren, da müssen wir es nicht auch noch tun. Denn wir Zwei waren dabei, als die Geschichte geschrieben wurde.

Aber ohne McCartney geht es nicht?

Paul und ich sind Freunde. Ich habe ihn angerufen, weil ich sein melodisches Bassspiel liebe, ich kenne es in- und auswendig. Er gab mir für mein Album das, was ich brauchte, und hat nicht mal eine Rechnung dafür geschrieben. (lacht)

Sie sind seit 36 Jahren mit dem Ex-Bond-Girl Barbara Bach verheiratet, der Sie jetzt den Song "Show Me The Way" widmen.

Der Song war höchste Zeit! Meine Frau weist mir den Weg und regelt mich runter, wenn ich mich aufrege. Das tut sie auf ganz liebenswürdige Art und Weise. Dazu gehört nämlich auch, dass sie mich manchmal anbrüllt. (lacht) Auch in unserer Ehe gibt es gute und schlechte Tage. Auch bei uns geht es manchmal nicht ohne Tränen, wir hatten unsere Probleme in der Vergangenheit. Aber letztendlich funktioniert es zwischen uns. Eine ausgedrückte Zahnpastatube konnte das bisher nicht sabotieren. (lacht)

Ist es für einen Menschen, der "Peace & Love" zum Lebensmotto erklärt hat, derzeit nicht ganz schön frustrierend auf der Welt?

Der Albumtitel ist nicht als Statement über das gesellschaftliche Klima zu verstehen. Ich bin einfach nur Musiker und mache mein Ding und denke noch gar nicht ans Aufhören. Ich will weiterhin Frieden und Liebe verbreiten - das ist meine Attitüde zum Leben. Ich denke, wir könnten alle mehr Liebe geben. Wenn meine Platte dazu einen Beitrag leistet, ist das toll.

Auf Ihrem Album gibt es den Song "Electricity", in dem Sie dem Musiker Johnny Guitar huldigen. Mit ihm haben Sie zu Hamburg-Zeiten in der Band Rory Storm & The Hurricanes angefangen.

Ohne Rory Storm & The Hurricanes hätte es nie einen Ringo bei den Beatles gegeben! Der Veranstalter Bruno Koschmider buchte damals jede Menge englische Bands für den Hamburger "Kaiserkeller". Wir waren die Nummer-Eins-Band aus Liverpool. Die Beatles kannte indes kaum jemand. Ich bin ihnen zuvor vielleicht einmal über den Weg gelaufen. Aber das änderte sich dann schlagartig, als auch die Beatles im "Kaiserkeller" spielten.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfänge?

Es waren großartige Konzerte beider Bands, die sich wie Schlachten anfühlten. Wir spielten hart und lange, ganz nach dem Motto: Unsere Band gegen eure Band! An einem Abend sprang ich bei den Beatles für ihren erkrankten Drummer Pete Best ein. Ich wechselte also in Hamburg von einer Nummer-Eins-Band zur nächsten! (lacht) Zurück in England, fragten mich John, Paul und George, ob ich ganz bei ihnen einsteigen würde. Und ich sagte: "Sicher!" Denn lieben gelernt hatte ich sie bereits in Deutschland.

Ist es am Ende trotzdem nur ein Mythos, dass Hamburg damals so aufregend war?

Nein! Für eine Weile war Hamburg das Zentrum des Rock'n'Roll! Es war die erste Stadt, die englische Bands importierte. Wir alle konnten dank Deutschland überhaupt überleben. Hamburg rockte! Ich bin vor meinem Einstieg bei den Beatles im Jahr 1962 noch mal zurückgegangen, um mit Tony Sheridan im Club "Top Ten" zu spielen - er war quasi die englische Macht in Hamburg. Ich habe also echt eine lange Zeit mit unterschiedlichsten Gruppen dort verbracht.

Haben Sie die Orte von damals mal wieder besucht?

Ja, das muss sechs Jahre her sein, als ich wieder vor dem "Kaiserkeller" stand. Da kann man schon mal sentimental werden! Unser Poster hing nämlich immer noch an der Wand: mit der großen Ankündigung von Rory Storm & The Hurricanes und klein darunter die Beatles. (lacht)

Blicken Sie manchmal neidisch zu den Rolling Stones, die immer noch auf Tour sind und Stadien füllen?

Ganz ehrlich: Wenn uns nicht zwei Bandmitglieder frühzeitig und auf tragische Weise abhandengekommen wären, hätte ich keinen Grund gesehen, warum die Beatles nicht auch wieder als Band zusammen aufgetreten wären. Aber das ist nur eine Fantasie. Denn leider sind die zwei Typen, die ich wirklich liebe, nicht mehr hier.

Glauben Sie, dass die Beatles jemals vergessen sein werden? Vielleicht so in 100 Jahren?

Nein, niemals! Wir remastern gerade die alten Platten und bringen sie neu heraus. Seit Weihnachten 2015 sind die Beatles-Alben als Stream zu hören. Auch die Beatles müssen nun mal lernen, in der modernen Welt zu leben, um zu überleben.

Apropos: Sie twittern ja gern viel und bunt. Was ist Ihr Lieblings-Emoji?

Mein eigenes - das Ringo-Starr-Emoji! (lacht)

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