Rockstar Bruce Springsteen wird 70 - Seine größte Story ist er selbst

Berühmt durch "Geboren um abzuhauen" - und dabei seinen Fans seit fast fünfzig Jahren so etwas wie ein Freund, auf den sie sich verlassen können: Der Rockstar Bruce Springsteen wird 70 Jahre alt.

Chemnitz.

Er sei nun auf dem Weg, selbst ein Vorfahr zu werden. Das schrieb Bruce Springsteen vor einigen Jahren in seiner Lebensbeschreibung "Born to Run". Versöhnt mit dem Vater, dem Widersacher und Neinsager seiner frühen Jahre, gereift zum Geschichtenerzähler von literarischem Rang, zum Inhaber einer Mittelloge in der Ruhmeshalle der populären Musik, von der er manchmal in den Keller hinabsteigt, um nach den Verstaubten zu sehen. Unfassbar abgehoben, mehr Erlöser als "Boss", und dabei Kumpel geblieben, wie es keinen Zweiten gibt. Kein Etikett, das Springsteens Rang und Bedeutung in dieser Phase seines Lebens und seiner Karriere herüberbringen könnte.

Springsteens Altersgenosse, der ihm vier Bücher gewidmet hat, der Musikkritiker Dave Marsh, nennt ihn einen Mythos, um den sich lauter Mythen ranken. Da ist die Geschichte von Springsteens Aufstieg aus einfachen Verhältnissen an der amerikanischen Ostküste, als junger und eigensinniger Bandchef, der sich bis heute mit Musikern der Jerseyshore umgibt. Da ist der Mythos des Rock, als dessen Erneuerer sich Springsteen in den 1970er-Jahren hervortat. Keine Springsteen-Würdigung ohne das Zitat seines späteren Managers Jon Landau, der in ihm die Zukunft des Rock'n'Roll gesehen haben will. Und ohne Erwähnung der Tatsache, dass Springsteen in der gleiche Woche auf den Titelseiten von "Time" und "Newsweek" abgebildet war, als das noch eine Bedeutung hatte... Lange her.

Aber da ist noch der Mythos von der "hohen" und der "niederen" Kultur, den Springsteen Lügen straft - nicht erst, seit ihm Universitäten in den USA ganze Tagungen widmen. Da ist der Mythos Amerikas, in hunderten Springsteen-Songs besungen (sein Gesamtwerk wird auf mehr als 500 Lieder geschätzt, erst die Hälfte ist veröffentlicht). Und da ist der Mythos der Springsteen-Fans, deren innige Beziehung zu ihrem Idol in dem abendfüllenden, von Ridley Scott produzierten Film "Springsteen & I" auf großer Leinwand zu besichtigen war. Eine Geschmacksprobe liefert das Video zum "Dream Baby Dream"-Cover (im Original von Suicide), das die Magie der "Wrecking Ball"-Tour von 2012, die unter anderem in Berlin gastierte, in den Fangesichtern spiegelt.

Obama scherzte, er sei Präsident geworden, weil er nicht habe Bruce Springsteen werden können. Von seiner Herkunft aus der US-amerikanischen Provinz und vom Katholizismus seiner irisch-italienisch-stämmigen Familie tief geprägt, wurde der Musiker vom Satiriker Jon Stewart, mit dem er befreundet ist, das "illegitime Kind von Bob Dylan und James Brown" genannt (in einer sturzkomischen Laudatio, Kennedy Center Honors 2009). Nach zwei bis heute hörenswerten, damals aber wenig erfolgreichen Alben kam 1975 der Durchbruch mit "Born to Run", dem mehr als ein gutes Dutzend Hitalben folgten. Meistbekannt ist "Born in the U.S.A.", das seinen Titel einem häufig missverstandenen Radiohit verdankt.

Mit dem Erfolg kamen die Zweifel, die Vergangenheit legte ihre Rechnungen vor, Bruce Springsteen begab sich in psychologische Betreuung. Die erste wirkliche Stadionshow vor 95.000 Fans (Slane Castle, Irland, 1985) war ein traumatisches Erlebnis, mit Panik und Selbstzweifeln. Mehr Ruhm, mehr Angst, mehr Gegenwehr. Nur Tage nach der Tour ist die erste Phase der Zusammenarbeit mit seiner ikonischen Band, der E-Street-Band, zu Ende. Springsteen hatte geheiratet, die Ehe ging in die Brüche.

Vom "Tunnel of Love" führte in den Neunzigern ein langer, dunkler Weg zurück. Seitdem fährt er zweigleisig: Der Geradeaus-Rock des Bandana-Bruce prägt bis heute für viele das Bild ihres Idols. Dabei lotet er seit "Nebraska" (1982) immer wieder die Tiefen der amerikanischen Seele aus - in teils intimen, melancholischen, oft sparsam instrumentierten Songs, mit denen sich Zwiesprache halten lässt wie mit engen Vertrauten. Sein privates Lebensglück fand Springsteen mit der Musikerin Patti Scialfa, einem Jersey-Girl. Die beiden haben drei Kinder; seine Tochter Jessica mischt in der Weltspitze der Springreiter mit.

"In seinen Liedern setzt Springsteen sehr auf ein Gefühl von pietas, von Mitleid und Barmherzigkeit, auf den Schmerz und die tiefe Menschlichkeit der dargestellten Figuren", bescheinigt ihm der weltberühmte Filmkomponist Ennio Morricone. "Gerade das schätze ich an Springsteen, dass er das Bedürfnis nach Wahrheit an erste Stelle setzt."

Von der Textqualität des Springsteen'schen Kosmos', auch und gerade mancher Mitsinghymne, können sich jetzt auch jene überzeugen, die des US-Englischen und des Ostküsten-Slangs nicht mächtig sind: also die meisten von uns. Das ausgezeichnete neue Springsteen-Songbuch des italienischen Journalisten Leonardo Colombati enthält nicht nur einen langen Text mit empathischen und erhellenden Analysen zu Person und Werk von Bruce Springsteen, sondern auch einhundert Liedtexte, von Heinz Rudolf Kunze kennerhaft und einfühlsam übersetzt. Das reimt sich nicht und lässt sich auch nicht singen - es bringt stattdessen aber den erzählerischen Kern dieser Songs auf den Punkt. "Denn Rumtreiber wie wir, Baby, sind zum Abhauen geboren", heißt die berühmte Zeile aus "Born to Run", und in "Thunder Road" muss Mary sich entscheiden: "Renn nicht wieder ins Haus zurück, Darling, du weißt doch, warum ich hergekommen bin ..."

Ennio Morricone sagt: "Springsteen schreibt filmisch, jeder Vers ist eine Kameraeinstellung, jede Strophe eine Szene, und in jedem Lied wird ein abgerundeter Charakter erfasst, im entscheidenden Moment seines Lebens." Das jetzt auf Deutsch lesend nachvollziehen zu können, ist für Springsteen-Fans hierzulande zu dessen 70. ein Geschenk.

Springsteen und seine Fans: Eine Liebesbeziehung

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