Romanze mit Radium

Marie Curie war die Wegbereiterin der modernen Radiologie. Der neue Film "Marie Curie", der gestern in den Kinos angelaufen ist, beleuchtet vor allem ihre private Seite. Doch die war auch eng mit ihrer leidenschaftlichen Arbeit als Wissenschaftlerin verbunden. Nachdem sie den Nobelpreis erhielt, traf sie ein schwerer Schicksalsschlag.

Die Menschheit braucht zweifellos praktische Persönlichkeiten, die aus ihrer Arbeit einen maximalen Nutzen zu ziehen verstehen und, ohne das Allgemeinwohl zu vernachlässigen, ihre eigenen Interessen vertreten", schrieb Marie Curie. "Sie braucht aber auch Träumer, für die die uneigennützigen Ergebnisse ihres Werks so wichtig sind, dass es ihnen unmöglich ist, an die materiellen Vorteile zu denken, die sie sich sichern könnten."

Als Curie zum Ende ihres Lebens diese Sätze niederschrieb, dachte sie bei den Träumern wohl in erster Linie an sich selbst und an die vielen Jahre, die sie erst zusammen mit ihrem Mann Pierre und dann allein in einem klapprigen Schuppen mit Forschungsarbeiten unter widrigsten Bedingungen verbrachte. Kennengelernt hatten sie sich im Jahr 1894, an der berühmten Universität Sorbonne in Paris. Beide waren hochbegabte Physiker, manchmal nicht so richtig lebenstauglich, aber von einer einzigartigen wissenschaftlichen Schaffenskraft.

Am 26. Juli 1895 wurden sie in einer schlichten Zeremonie getraut und aus der jungen Polin Maria Sklodowska wurde Marie Curie. Als Hochzeitsreise fuhren sie mit dem Fahrrad durch die Berge der Auvergne. 1897 kam ihre erste Tochter Irène zur Welt, die Mutter soll dabei nicht einen Laut von sich gegeben haben, sondern die Prozedur mit zusammengebissenen Zähnen ertragen haben. Trotz des Babys setzte Marie ihre wissenschaftlichen Arbeiten fort. Sie schrieb an einem grundlegenden Text zur Physik, und machte parallel dazu wissenschaftliche Notizen über die Fortschritte von Irène, über ihre Kopfgröße, ihre Angewohnheiten beim Saugen an der Brust und die Entwicklung ihrer psycho-motorischen Fähigkeiten: "Sie fremdelt nicht mehr. Sie singt viel. Sie klettert auf den Tisch."

Das forschende Ehepaar arbeitete an etwas, das den Menschen noch heute Angst macht, nämlich die Welt der radioaktiven Strahlen. 1898 stellte Marie die Hypothese auf, dass die Pechblende ein neues Element enthält, das noch stärker strahlt als das bereits bekannte Uran. Um dies zu bestätigen, besorgten sich die Curies kiloweise Pechabfälle aus den Joachimsthaler Bergwerken in Böhmen. In einem undichten Schuppen, in dem es ständig zog und feucht war, experimentierten sie nun mit diesem radioaktiven Abfall, bis sie schließlich erst Polonium und dann Radium entdeckten, dessen Probe tatsächlich 900 Mal stärker strahlte als Uran.

Die Romanze zwischen Pierre und Marie erweiterte sich zu einer Romanze des Ehepaars mit "ihrem" neuen Element, dem faszinierenden Radium. Ihre zweite Tochter Ève bemerkte später dazu: "Aus den Arbeitstagen werden Monate, werden Jahre. Pierre und Marie verlieren den Mut nicht. Die widerstrebende Materie fasziniert sie. Verbunden durch ihre Liebe und ihre geistigen Passionen, leben sie in der Bretterbaracke die unnatürliche Existenz, für die sie beide geschaffen sind."

Die Curies arbeiteten bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung. Hinzu kamen die radioaktiven Strahlen, denen sie sich völlig ungeschützt aussetzten, weil sie noch nichts von deren Gefahrenpotenzial wussten. Marie hatte immer wieder mit schweren Hautentzündungen zu kämpfen, bei Pierre fraßen sich die Geschwüre infolge der Strahlen bereits durch die Knochen, sodass er beim Gehen deutlich humpelte. Als man ihnen 1903 den Nobelpreis für Physik verlieh, konnten sie ihn wegen gesundheitlicher Probleme nicht persönlich abholen.

Knapp drei Jahre später überquerte Pierre gedankenverloren eine der belebtesten Kreuzungen von Paris, als ein Pferdefuhrwerk auf ihn zufuhr. Aufgrund seiner Gehbehinderung konnte er nicht mehr ausweichen: Ein Pferd erwischte ihn und stieß ihn unter das Fuhrwerk, er war sofort tot - im Alter von gerade mal 49 Jahren.

Marie litt unendliche Qualen - und flüchtete sich in die Arbeit. Und in eine Affäre mit einem verheirateten Mann, was ihr gesellschaftlich sehr viel Ärger einbrachte. Doch von berühmten Wissenschaftlern wie Albert Einstein wurde sie weiterhin unterstützt. 1911 bekam sie abermals den Nobelpreis, nun für Chemie - noch nie war bis dahin einer Person zum zweiten Mal dieser Preis zuerkannt worden. Danach widmete sie sich der Radiologie, also dem Einsatz von radioaktiven Strahlen zu medizinischen Zwecken. Während des Ersten Weltkrieges stattete Marie Curie insgesamt 20 Fahrzeuge mit einem transportablen Röntgenapparat aus - und um die Fahrzeuge selbst zur Front steuern zu können, machte sie noch den Führerschein, im Alter von 50 Jahren.

1921 bereiste sie die USA, wo man sie als Wunderheilerin im Kampf gegen den Krebs feierte. Als Wissenschaftlerin betonte sie zwar, dass "Radium kein Heilmittel gegen jede Art von Krebs" sei, doch das wollte niemand hören. Allerdings ignorierte sie selbst weiterhin die Gefahren ihres Forschungsgebietes. Am 4. Juli 1934 starb sie an aplastischer Anämie, bei der immer weniger Blutzellen gebildet werden.

Als Hauptursache dieser Erkrankung gelten genau jene Strahlen, mit denen sich Marie Curie ihr Leben lang beschäftigt hatte.

Regisseurin Noëlle: "Ich bewundere Marie Curie für die Freiheit ihres Geistes"

Der Film "Marie Curie" erzählt von der privaten Seite der Chemikerin und Physikerin. Aliki Nassoufis sprach mit Regisseurin Marie Noëlle.

Freie Presse: Was hat Sie an Marie Curie fasziniert?

Marie Noëlle: Die legendäre Forscherin Marie Curie hat mich als junges Mädchen fasziniert. Sie hatte es geschafft, durch ihre Intelligenz und ihr Können die fast rein männliche Welt der Wissenschaft zu überzeugen. Sogar der für seine frauenfeindlichen Sprüche bekannte Albert Einstein bekundete seine Bewunderung für ihr Genie. Heute bewundere ich die Freiheit ihres Geistes. Sie ließ sich weder von den Konventionen ihrer Zeit noch von irgendeiner Art von Vorteilsdenken beeinflussen. Ich bin restlos beeindruckt von ihrer Aufrichtigkeit, ihrem Arbeitsethos, ihrem Wertekompass und ihrer konsequenten Weigerung, ihre wissenschaftlichen Entdeckungen kommerziell auszuschlachten. Sie war eine liebende Frau, eine leidenschaftliche Forscherin und eine liebevolle Mutter.

Sie zeigen nun aber nicht nur die Forscherin Curie, sondern auch andere Facetten. Warum?

Obwohl Marie Curie heute eine Ikone der Wissenschaft ist, hat sie es in ihrem Leben nie einfach gehabt. Diese Kämpfe zu beleuchten, auch ihre Schwächen zu zeigen, macht sie uns näher. Sie als kämpferischen und stets aufrechten Menschen zu zeigen, ist eine große Inspiration für uns alle. Unsere Zeit braucht nach wie vor starke Frauen als Vorbild.

Es ist der erste große Film über Marie Curie seit Jahrzehnten. Wieso haben keine anderen Filmemacher ihre Geschichte aufgegriffen?

Das müssen Sie die anderen Filmemacher fragen!

Inwiefern war Marie Curie ihrer Zeit voraus - auch, aber nicht nur als Forscherin?

Marie Curie war in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus: Sie war nicht nur in ihrer Arbeit eine Visionärin. Sie hatte zum Beispiel auch eine sehr präzise Auffassung, wie man Kinder erziehen sollte. Sie wollte sie zu freiem Denken erziehen und es war ihr wichtig, ihnen eine humanistische Bildung zu vermitteln. So stellte sie eine Art "Schul-Kooperative" auf die Beine, mit Theorien, die bis heute gültig sind: vor allem kein Nachplappern von auswendig gelernten Theorien, sondern Förderung der Kreativität. (dpa)

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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