Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam in Dresden: Erlösung inbegriffen

Mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam hat am Mittwoch einer der weltweit führenden sinfonischen Klangkörper zu den Dresdner Musikfestspielen gastiert. Und nicht nur ausgewiesene Kenner beeindruckt.

Dresden.

"Ich bin fassungslos." - Mit diesen Worten resümiert Christine Müller aus Großröhrsdorf am Mittwochabend das, was sie in der vorangegangenen Stunde im Großen Saal des Dresdner Kulturpalasts erlebt hat. Zu dem Konzert des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele ist sie eigentlich vor allem wegen des jungen russischen Pianisten Daniil Trifonov gekommen, den sie einmal live erleben wollte. Es ist selten, dass die 86-Jährige 110 Euro für eine Konzertkarte ausgibt. Eigens hat sie noch ihr bereits erworbenes Ticket gegen ein Billett für einen Platz umgetauscht, von dem aus sie die Hände des 27-Jährigen sieht. Aber dazu später.

Unter seinem neuen Chefdirigenten Daniele Gatti hat das Weltklasse-Orchester in voller Besetzung als zweites Werk des Abends soeben die 1. Sinfonie von Gustav Mahler (1860 - 1911) von der Rampe gelassen und dafür aus dem fast ausverkauften Auditorium tosenden Applaus kassiert. "Fassungslos" ist Christine Müller nun über sich selbst. Darüber, dass sie als Liebhaberin klassischer Musik Mahler bisher nicht auf dem Radar hatte. Abgeschreckt vielleicht dadurch, dass er's nicht unter einer Stunde macht. Im Nachteil, weil ihrer Generation in deren Jugend die Musik des jüdischstämmigen Musikers kaum ans Herz gelegt wurde: Es war ihre erste Begegnung mit Mahlers Musik. Aber, da ist die rüstige Dame sich sicher, es wird nicht die letzte bleiben.

Der Komponist und Kapellmeister aus dem böhmischen Kalischt hat an diesem Abend in Dresden mithin mindestens einen neuen Fan hinzugewonnen. Wahrscheinlich sind es mehr. Wie könnte das anders sein, wenn ein Sinfonieorchester diese Musik vermittelt, das bereits zu Lebzeiten Mahlers seine Werke aufführte? Ein Orchester, zu dessen ständigen Gastdirigenten von 1934 bis 1939 Bruno Walter gehörte, über Jahre hinweg enger künstlerischer Mitarbeiter Mahlers an diversen Opernhäusern und nach dessen Tod - am Freitag vor 107 Jahren - einer der eifrigsten Boten seiner Musik. Ein Orchester, das zu den ersten gehörte, die Mahlers Sinfonien auf Langspielplatte bannten - dem ersten Tonträgerformat, das den Dimensionen dieses Sinfonikers gerecht wurde. Ein Orchester, das diese Kultur bis heute mustergültig und stetig pflegt. Ein Orchester, das mithin als weltweites Kompetenzzentrum für Mahlers Musik gelten darf.

Diesen Ruf stellte es in Dresden in einer musikalischen Sternstunde mustergültig unter Beweis: Da gab es nichts Ungefähres, Halbherziges, Laues, auch wenn Daniele Gattis Dirigat mit sparsamen Gesten auskommt und viel über die Mimik arbeitet. Da ist der transparente Klang der Streicher. Da ist das präzise und dynamisch stets angemessen agierende Blech, das Arm in Arm mit dem solistisch ebenso brillanten Holz den für Mahler oft typischen Spagat zwischen Posaunenchor und Feuerwehrkapelle hinkriegt. Da ist das Schlagwerk, dem präzises Timing Ehrensache ist. Und da ist die dramaturgische Umsetzung dieser Sinfonie. Wer sie zum ersten Mal hört, erlebt unvorhersehbare Momente, Brüche, erschreckende Wendungen ohne Zahl. Mahlers Musik setzt bewusst "Cliffhanger": - Wie geht es weiter? Bleiben Sie dran!

Das Orchester verlieh diesem musikalischen Konstrukt Leben, Farbe, Licht, mitunter auch Details betonend, die man so das erste Mal wahrnahm. Es lotete die psychologische Tiefe dieses so komplexen wie eingängigen Meisterwerks aus und brachte sie zum Schwingen. Inklusive all dessen, was nicht in den Noten steht. Zum Seelendrama geriet den Amsterdamern dabei speziell der Finalsatz. Er beginnt mit einem dröhnenden Aufschrei der Verzweiflung, bis sich nach langwierigem Hadern, Barmen und Zagen die Antwort auf die Mal um Mal gestellte, unbekannte Frage findet - in Form eines leisen Motivs der Trompete, das zuvor die ganze Zeit da war, nur "falsch" gelesen: mal zu leichtfertig, mal zu verkopft. Doch bis zur finalen Erlösung sind noch etliche Zweifel niederzuringen, Dämonen zu besiegen, das neue Selbstbewusstsein zu festigen.

Selbstbewusstsein hatte das Orchester bereits mit der Programmgestaltung bewiesen: Vor der Pause war es mit dem 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew und Daniil Trifonov an den Tasten ohne Präliminarien direkt zur Sache gekommen. Jedes A- oder B-Sinfonieorchester würde ein Abokonzert bestehend aus Solokonzert und Sinfonie noch mit einem Stück Kurzsinfonik, einer Ouvertüre oder Ähnlichem als Einstieg anreichern. Wie das Salatblatt auf dem Teller im Restaurant. Auf derlei verzichteten die Amsterdamer. Es wäre bei dem, was geboten wurde, auch überflüssig gewesen.

Der Russe, statt Frack in Anzug und Schlips, meisterte den Solopart des zwischen amerikanischer Coolness, Maschinenklängen und Dadaistik oszillierenden, in den USA entstandenen Konzerts traumwandlerisch sicher. Seine Hände flogen schneller über die Tasten und übereinander, als man gucken konnte, schienen sie teils kaum zu berühren. 30 Minuten Schwerstarbeit und betörender Glanz. Am Ende rauschender Beifall, ein strahlender, schweißgebadeter Pianist und pures Staunen. Auch bei Christine Müller: "So habe ich dieses Konzert noch nie gehört!" sagt sie vor der Pause. Bei diesem Elementarerlebnis soll es für sie an diesem Abend nicht bleiben.

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