Rückeroberung mit K

Kraftklub demonstriert vor 12.000 Fans am Elbufer in Dresden routiniertes Anderssein - und eine Seite Sachsens, die man in Deutschland noch liebt.

Dresden.

Das "andere Sachsen", es existiert. Auch wenn die Nachwehen des letzten Kanzlerinnenbesuchs es wieder schwerer machen, das zu glauben. Aktuell sind der Dresdner "Hutbürger" und die sächsische "Pegizei" deutschlandweit in aller Munde. Vom "failed state" Sachsen ist die Rede, dem gescheiterten Freistaat - eine These, die bereits vor zwei Jahren durch die Presse geisterte. Und dann stehen da am Samstagabend fünf Chemnitzer auf einer Bühne am Dresdner Elbufer, die beeindruckende Canaletto-Kulisse im Rücken: Vor ihnen springen und toben 12.000 Fans auf dem ausverkauften Gelände der "Filmnächte", feiern Textzeilen wie "Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst, dann sei doch einfach stolz auf dein Land" oder "Vertraue keinem einzigen Wort in keiner Zeitung, die haben ihre Fakten, aber du hast deine Meinung". Unweigerlich muss man an den Hutbürger und seinesgleichen denken: Die Menschen, die diese Kulisse vor Jahren für ihre "Montagsspaziergänge" gekapert haben. Doch an diesem Abend gehört die Stadt ihnen nicht. An diesem Abend ist sie fest in den Händen von Kraftklub und ihren Anhängern, die Anti- Pegia-Zeilen noch ein kleines bisschen lauter mitschreien als sonst.

Die Botschafter dieses "anderen Sachsens" kommen aus Chemnitz und halten ihrer nicht ganz zu Unrecht unterschätzten Heimatstadt, die sie gern Karl-Marx-Stadt nennen, bis heute die Treue, weil dort ihre Sichtweisen und Emotionen wurzeln: Wohl keine andere Band in Deutschland singt so treffend übers Verliebtsein, übers Jungsein, und natürlich auch übers Ossisein wie Kraftklub. Das ist der eine Teil ihres Erfolgsrezepts, dem immerhin drei Nummer-Eins-Alben entspringen. Die zweite große Stärke der Fünf sind ihre Fähigkeiten als Live-Band, die mit Energie und Ideenreichtum glänzt. Seit dem vergangenen Jahr begleiten rund 50 junge Frauen und einige wenige Männer die Gruppe bei ihren Auftritten und bereicherten mit charmant-simplen Tänzen die Bühnenshow. Auch abseits davon war am Freitagabend einiges los am Elbufer: "Ich will nicht nach Berlin" spielte die Band auf einer beweglichen Bühne, die durchs Publikum fuhr; im Anschluss wurde Bassist Till Kummer als Sieger des bandinternen Crowdsurfing-Wettbewerbs ermittelt und ausgezeichnet. Der Song "Band mit dem K" inszenierten Kraftklub als Messe inklusive Frontmann Felix Kummer im Papst-Kostüm. Ein Glücksrad half bei der Song-Auswahl, Bengalos wurden gezündet, Regenbogenflaggen geschwenkt, gemeinsam mit der Vorgruppe Blond der Icona-Pop-Hit "I Love It" gecovert. Trotz alledem wirkte der Auftritt in Dresden routiniert, den meisten der anwesenden Fans dürften die Einlagen so oder so ähnlich bereits bekannt gewesen sein, obgleich das der euphorischen Stimmung keinen Abbruch tat.

Nach zwei Festival-Sommern, einer ausgedehnten Hallen-Tour und vier ausverkauften Open-Airs, die Kraftklub mit ihrem 2017 veröffentlichten Album "Keine Nacht für niemand" bestritten haben, wird es allerdings Zeit für frischen Wind. In Dresden kündigte die Band daher eine Pause an, um an neuer Musik zu arbeiten. Bis dahin empfiehlt es sich, die Fenster aufzureißen, die Anlage laut zu drehen, aus voller Kehle "Iiiich komm aus Karl-Marx-Stadt" zu grölen und einander so zu versichern, dass es tatsächlich existiert, dieses "andere Sachsen".

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