Sandra Maischberger: "Ehrenmord ist ein falscher Begriff"

Die Journalistin über den von ihr produzierten Spielfilm "Nur eine Frau", heiße Eisen und die Funktion des Ausdrucks "Parallelgesellschaften"

Am 7. Februar 2005 wird die 23-jährige Hatun Sürücü, genannt Aynur, in Berlin auf offener Straße erschossen. Der Mörder ist ihr eigener Bruder, das Motiv die westlich orientierte Lebensweise der jungen Mutter. In ihrem Drama "Nur eine Frau" skizziert Regisseurin Sherry Hormann ("3096 Tage") die aufwühlende Geschichte des Opfers. Die politische Journalistin und Moderatorin Sandra Maischberger hat das Projekt als Produzentin vorangetrieben und in allen Phasen betreut. Ende April feierte der Film beim New Yorker Tribeca-Film-Festival seine Weltpremiere. André Wesche hat mit Sandra Maischberger gesprochen.

Freie Presse: Frau Maischberger, als Produzentin eines Kinospielfilms betreten Sie Neuland. Warum war es Ihnen so wichtig, diese Geschichte auf der großen Leinwand zu erzählen?

Sandra Maischberger: Die Geschichte hat sich ihren Raum genommen, von einem Projekt, das als Dokudrama angelegt war, zu einem Spielfilm mit großen Bildern und großen Gefühlen. So habe ich es empfunden. Diese künstlerische Überlegung war die eine Seite. Auf der anderen Seite wollten wir auch junge Zuschauer erreichen. Das kann mit einem Kinofilm besser funktionieren.

Im Bestreben um größtmögliche Authentizität wurden diverse Gespräche mit Beteiligten aus jeder Richtung geführt. Inwiefern mussten Sie während dieser Recherchen persönliche Ansichten, die man ja sicherlich mitbringt, noch einmal neu kalibrieren?

Weil ich Journalistin bin und diese Geschichte kannte, dachte ich, ich wüsste über diesen Fall Bescheid. Aber ich kannte ihn eben doch nur von der nachrichtlichen Seite. Das war mein größtes Aha-Erlebnis. Ich wusste, dass es diese junge Frau gab, die von ihrem Bruder ermordet wurde. Hintergrund ist ein sogenannter Ehrenmord. Als ich mich näher damit befasste, wurde mir klar, dass ich überhaupt nichts über diese junge Frau wusste. Ich wusste nicht, wer Aynur ist, welche Träume sie hatte, wie sie leben wollte oder wie das Verhältnis zu ihrer Familie und den Brüdern war. Diese Leerstelle habe ich gefüllt. Einerseits hat Aynur unter dieser Familie gelitten, die sie mit überkommenen Wertvorstellungen konfrontiert hat. Andererseits hat sie diese Familie so sehr geliebt, dass sie sich nicht von ihr lösen konnte. Hätte sie sich lösen können, wäre sie heute vermutlich noch am Leben. Diese Dinge haben meinen Blick auf diese Art von Leben, das in meiner Stadt passiert, noch einmal neu geschärft. Ich lebe ja in Berlin.

Konnten Sie dieses Nichtloslassenkönnen nachvollziehen?

Stellen Sie sich vor, Sie wären das. Ich habe neulich eine interessante Reportage gelesen. Es ging um zwei Frauen, die eine aus einem orthodoxen jüdischen Kontext, die andere aus einer orthodoxen christlichen Kleinstgemeinschaft, die beide mit 16 Jahren verheiratet wurden, aus ganz ähnlichen Moralvorstellungen. Das macht Aynur für mich so universell und bringt sie mir so nah. Es gibt seit Menschengedenken männliche Dominanz, männliche Gewalt über Frauen. Ebenso lang gibt es den Versuch, das mit irgendeinem Mäntelchen zu legitimieren. Das ist mal Religion, mal Tradition, Brauch oder Sitte. Und wir mit unserem christlich geprägten Hintergrund sind noch gar nicht so weit davon entfernt, dass auch bei uns der Versuch gemacht wurde, die Sexualität der Frauen und auch ihren Lebensweg mit Moralvorstellungen zu kontrollieren. Was Aynur 2005 für sich zu erkämpfen versucht hat, ist eigentlich sehr gegenwärtig und ein ganz universelles Frauenthema.

Kann man in dieser Zeit der allgegenwärtigen Empörung nicht eigentlich nur verlieren, wenn man ein so heißes Eisen anpackt?

Ich verstehe, was Sie meinen. Ich habe das auch lange so gesehen. Aber dann habe ich gedacht, wenn wir dieses heiße Eisen nicht anpacken, wird es am Ende vielleicht von denen angepackt, die es missbrauchen, um ganze Gruppen zu diskreditieren. Ich habe das Gefühl, dass die große Mitte der Gesellschaft dieses Feld viel zu lange anderen überlassen hat. Ich habe mich neulich mit einer Politikerin der Grünen unterhalten, die den Film gesehen hat. Sie meinte, das sei doch ein AfD-Thema. Ich habe sie gefragt, seit wann das denn ein AfD-Thema ist. Hier geht es um Frauenrechte, um Selbstbestimmung und Achtung, also eigentlich um linke Selbstverständlichkeiten. Das ist meine Haltung dazu. Vielleicht kann ich nicht verhindern, dass der Film aus der sehr simplen und völlig falschen Sicht für den Schlachtruf "Der Islam ist schlecht" missbraucht wird. Aber der Film sagt das gerade nicht: Es ist ein junges muslimisches Mädchen mit seiner Mutter, das als Kronzeugin den Mörder vor Gericht bringt. Ich habe das Gefühl, dass wir das Feld wirklich den Falschen überlassen, wenn wir nicht selber auf Missstände hinweisen, ohne zu simplifizieren.

Wo ziehen Sie Ihre eigene rote Linie, was man hierzulande dulden, tolerieren und akzeptieren kann und was man entschieden bekämpfen muss? Ist die Basis "nur" das Grundgesetz?

Ich sehe das so: Je unübersichtlicher eine Lage zu sein scheint, desto klarer oder einfacher ist die Antwort. Wir haben Menschenrechte, die universell und als Teil unserer Verfassung etabliert sind. Universell heißt, diese Rechte gelten für jeden, egal, wer er ist, wo er lebt, welche Hautfarbe er hat und welche Religion er die seine nennt. Das ist nicht diskutierbar, sondern ein ganz klarer Leitfaden. Deswegen geht es in diesem Film auch nicht um Religion in dem Sinne. Es ist kein Film "Muslime gegen Christen" oder "Deutsche gegen Ausländer". Es geht um Fundamentalismus und Menschenrechte, um ideologische Ansichten vs. liberale Ansichten. Das ist die eigentliche Trennlinie. Deshalb war es für uns auch möglich, mit diesen ganzen jungen Schauspielern aus muslimischen Familien zu arbeiten. Wir leben in einer Welt, in der wir uns immer gegen fundamentalistische Tendenzen wehren müssen. Egal, ob das rechte oder fundamental-religiöse Radikalismen sind, die uns bedrohen, wir ziehen da an einem Strang.

Wie haben Sie erreicht, dass in der Moschee gedreht werden durfte?

Wir haben klar erklärt, welche Geschichte wir verfilmen und welche Rolle diese Moschee darin spielt. Sie ist ein Gebetshaus, das völlig "normal" ist, so wie unsere Kirchen es auch sind. Hier treffen sich Menschen zum Gebet, hier ist der Glaube eine private Angelegenheit. Als Ungläubige kann ich das nur von außen betrachten. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die das Bedürfnis nach Spiritualität und Religiosität haben. Deshalb haben wir die Religionsfreiheit in unserer Verfassung. Sie ist ein hohes Gut. Daher hat man auch verstanden, was wir wollten. Unser Problem sind nicht diese Moscheen. Unser Problem sind Gebetsräume, die von eigentlich nicht religiösen, sondern politisch getriebenen Menschen besetzt und dazu benutzt werden, falsche Ideen in die Welt zu setzen. Das ist eine grobe Ausnutzung und Missinterpretation von Religion, die mit eigentlicher Spiritualität wohl nicht sehr viel gemein hat. Als wir das erläutert hatten, konnten wir dort auch drehen.

Was würden Sie einem türkischen Kritiker erwidern, der sagt: Kümmert Euch erst mal um Euer eigenes Frauenbild!

Dann würde ich ihm sagen, dass ich mich zum Beispiel als Mitglied von Pro Quote oder Anhängerin für Equal Pay auch ums "eigene" Frauenbild kümmere. Vor allem würde ich aber sagen, dass ich mich um unser Frauenbild kümmere, wenn ich mich einer Geschichte annehme, die in Berlin stattfindet. Mit einem Berliner Mädchen, wie Aynur eines war. Mein Frauenbild ist: Jedes Mädchen hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben - egal, aus welcher Kultur es kommt. Das ist es, was mich immer an diesen "Parallelkulturen" stört. Allein schon an diesem Wort. Wenn ich sage, dass es Parallelkulturen gibt, kann sich jeder hinter seinem Zaun verschanzen und immer mit dem Finger auf die anderen zeigen. Aber nein, Aynur gehört zu mir. Ich habe mich um ihre Geschichte zu kümmern, weil dies hier meine Stadt ist. Als Journalisten kritisieren wir Missstände, wo sie sich zeigen. Wir haben auch Sendungen über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gemacht. Und wir haben mitnichten die gesamte katholische Kirche oder gleich den christlichen Glauben in den Senkel gestellt. Sondern die Strukturen aufgezeigt, die in diesem Zusammenhang zu kritisieren sind. Das gleiche Prinzip sollte man auf alles anwenden, was in diesem Land passiert.

"Ehrenmord" ist ein Unwort. Sollte man hier nicht einen anderen Begriff finden?

Ja, Sie haben völlig recht. Deshalb haben wir diesen Begriff in unserer Kommunikation auch nie nach vorn gestellt. Am Anfang habe ich dieses "Label" ein bisschen unkommentiert übernommen, es stand erstmal drauf. Dann haben wir recherchiert und viel geredet. "Ehrenmord" ist ein falscher Begriff, denn er hat nichts mit Ehre zu tun. Wenn wir diesen Begriff verwenden, nehmen wir die Sichtweise der Täter ein und verbinden einen Mord mit so etwas wie Ehre. Das ist es sicherlich nicht. Wenn ich das Wort heute noch verwende, dann nur, um die Richtung aufzuzeigen, in die wir uns bewegen. Aber ich versuche es zu vermeiden.

Weiß der Sohn von Aynur, mittlerweile fast 20, vom Schicksal seiner Mutter?

Man weiß es nicht. Das war tatsächlich etwas, was mich bei dieser Geschichte am meisten umgetrieben hat. Da ist dieser fünfjährige Junge. Die Mutter will die Wohnung nur kurz verlassen, um den Bruder zur Bushaltestelle zu bringen. Und sie kommt nie wieder. Der Junge wird irgendwann nachts von Polizisten aus der Wohnung geholt. Die Mutter ist tot, und er wird nie wieder jemanden sehen, den er kennt. Der Mörder wird schnell im Kreis der Familie gesucht, und der Junge darf keinen Kontakt mehr zu ihr haben. Aynur hat auf den Ämtern gesagt, dass sie nicht möchte, dass ihr Sohn in die Familie ihrer Eltern kommen soll, wenn ihr etwas zustieße. Sie hatte also eine Ahnung. Der Junge ist in eine Pflegefamilie gekommen und wir wissen überhaupt nicht, wo er ist. Wir wissen nicht, wie er heißt oder ob er weiß, wer er ist. Sherry denkt, dass er vielleicht diesen Film sieht und etwas über seine Mutter erfährt, was er bisher nicht wusste. Etwas über ihre Kraft. Es gibt ein Interview mit dem Bruder, der Aynur erschossen hat. Er sagt, er träumt manchmal davon, dass es an seiner Tür klingelt und sein Neffe vor ihm steht. Ich finde es unglaublich - und das bringt die gesamte Geschichte auch auf den Punkt - wie man aus der Vorstellung heraus, dass die Schwester etwas Falsches tut, einem Jungen, dem eigenen Neffen, die Mutter und die komplette Familie nehmen kann. Diesen Irrsinn kann man gar nicht verstehen.

Wenn Sie Aynur eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Das ist schwierig, ich hätte sehr viele. Ich würde sie fragen, ob sie versteht, warum ihre Brüder so gehandelt haben. Und wie sie ihren Sohn so erzogen hätte, dass er gegen diese Art Ideologie immun gewesen wäre.

 


Sandra Maischberger

Am 25. August 1966 wurde Sandra Maischberger in München geboren. Sie wuchs in Garching und im römischen Frascati auf. Nach dem Abitur trat Maischberger ein Studium der Kommunikationswissenschaften an, was sich als Fehlentscheidung erwies. Nach wenigen Tagen ließ sie sich exmatrikulieren. An der Deutschen Journalistenschule in München bekam sie ab 1987 das Handwerkszeug für ihre Karriere mit auf den Weg. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie bereits regelmäßig beim Hörfunk des Bayerischen Rundfunks. Weitere Stationen der künftigen Talkshow-Königin waren die Tele-5-Nachrichten, der Bayerische Rundfunk ("Live aus dem Schlachthof"), VOX ("Spiegel TV Interview") und RTL ("Greenpeace TV").

Ab 2000 sendete n-tv viermal wöchentlich das Interview-Format "Maischberger". Es folgte die Talkshow "Menschen bei Maischberger" (ARD, ab 2003), die seit 2016 nur noch unter dem Titel "Maischberger" auf Sendung geht. Mit ihrer Firma "Vincent Television GmbH" produziert die 52-Jährige zeitgeschichtliche Dokumentationen und Doku-Dramen ("Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt"). Der Film "Nur eine Frau", der jetzt in einigen Kinos anläuft, ist der erste "Vincent"-Kinospielfilm. Helmut Schmidt schenkte der Journalistin stets besonderes Vertrauen. Das Buch "Hand aufs Herz - Sandra Maischberger im Gespräch mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt" zeigt den Politiker auskunftsfreudig.

Die sozial engagierte Fernsehfrau ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem auch mit dem "Deutschen Fernsehpreis", der "Goldenen Kamera" und der "Romy".

Seit 25 Jahren ist Sandra Maischberger mit dem Kameramann Jan Kerhart verheiratet. 2007 kam ein gemeinsamer Sohn zur Welt. Die Familie lebt in Berlin. aws

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