Scharlachroter König

Vor 50 Jahren wurde die britische Prog-Rock-Gruppe King Crimson gegründet. Mit ihrem Debütalbum "In The Court Of The Crimson King" gelang es ihnen im Jahr darauf, zugleich einen Abgesang auf die 60er- Jahre zu halten und den musikalischen Grundstein für die 70er zu legen.

London, 1968: Der fröhliche Mann, der auf dem Marktplatz selbst gemachte Flugdrachen, Lampenschirme, Gemälde und allerlei farbenfrohen Krimskrams verkauft, ist ein echter Bohemien. Er hat ein sonniges Wesen, ist weit in der Welt herumgekommen und fühlt eine tiefe Zuneigung zur Musik. Doch weder sein Gesangstalent, noch sein Spiel auf der Gitarre sind auch nur entfernt bemerkenswert. Die Combos, in denen er sich versucht, erweisen sich bis zu diesem Zeitpunkt allesamt als Rohrkrepierer. Dennoch wird er in naher Zukunft zur musikhistorisch bedeutenden Schlüsselfigur mutieren, ohne die weder King Crimson, der Prog-Rock, noch Genesis, Emerson, Lake & Palmer oder Roxy Music in der heute bekannten Form entstanden wären. Peter John Sinfield ist ein begnadeter Lyriker und schenkt der Rockmusik die Poesie.

"Peter, ich muss dir leider sagen, dass deine Band ein hoffnungsloser Fall ist. Aber du schreibst verdammt gute Texte. Wollen wir ein paar Songs zusammen machen?" so ein Kumpel Sinfields. Der enge Freund und Bewunderer des Verseschmieds ist Ian McDonald, seines Zeichens späterer King Crimson-Multiinstrumentalist. McDonald fügt King Crimson eine soundästhetische Detailfreude hinzu, die bis dahin im Rockkontext eher unüblich war. Saxofon, Orgel, Klarinette, Mellotron, Flöte oder Vibrafon erhalten ganz selbstverständlich tragende Nebenrollen im großen Mosaik der Klänge. Sein Beitritt zu King-Crimson-Vorläufer Giles, Giles & Fripp setzt den Funken zum baldigen Großbrand.

Sie treffen auf den Drummer Michael Giles sowie den späteren Bandchef Robert Fripp. Besonders Visionär Fripp macht sich auch außerhalb der Mutterband zukünftig einen Namen als perfekter Partner in Crime. Zu seinen herausragenden Kollaborationen gehören unter anderem "Evening Star" (1975 mit Brian Eno), "Heroes" (Leadgitarre auf David Bowies Kultalbum, 1977) oder das großartige "Damage: Live" (1994 mit David Sylvian). Es fehlt eine echte Stimme. Diese finden sie im mit Fripp befreundeten Sänger und Bassisten Greg Lake. Lakes Charakterorgan gilt als "Voice of Prog". Vor allem seine wegweisenden Vocals auf "In The Court Of The Crimson King" verankern seine Stimme als ewiges Markenzeichen.

Genauso verhält es sich mit der gesamten Platte. Fünf Lieder in 43 Minuten markieren den Urknall des Prog. Dieser scharlachrote König verhält sich zum Genre wie das Zauberbuch "Necronomicon" zum Okkultismus. Der "Crimson King" steht dabei begrifflich für Satan, Beelzebub oder den Herrn der Fliegen als ewigen Verneiner. Kein Wunder, dass ausgerechnet diese Gestalt bis hin zur Literatur große Kreise zieht. Allen voran outet sich Horror-Epiker Stephen King als großer Fan von Band und Album: Ohnehin bekannt als Freund der Rockmusik, ehrt er Album und Musiker, indem er mehreren Romanen, etwa im "Der Dunkle Turm"-Zyklus, einen machtvollen Dämon namens "Der scharlachrote König" implantiert. Kings liebevolle Hommage orientiert sich besonders an Sinfields Songtext zum Titeltrack. Die Phrase "In the court of the crimson king" taucht in wenigstens vier der Bücher auf. Zu guter Letzt erhält gar der oberste Diener des roten Unholds, nämlich Randall Flagg, dieselben Initialen wie Robert Fripp, der Vordenker der Band.

Die sinnliche Platte gilt zu Recht als Meilenstein der Musikgeschichte. Bereits der hart rockende Opener "21st Century Schizoid Man" ist seiner Zeit weit voraus. Derb verzerrte Vocals, knallharte Proto-Metal-Gitarren sowie Sinfields sarkastischer Antikriegstext machen das Lied zum Urahnen späterer Hits von Bands wie Ministry & Co. Der absolute Clou ist dennoch McDonalds rasender Bebop-Einschub in der Mitte. Seine Saxofon-Passage hätte sicherlich sogar Charlie Parker anerkennend grinsen lassen. Die in puncto Sound wegweisende Produktion war auch insofern eine große innovative Leistung, als man die damaligen, nach heutigem Maßstab vorsintflutlichen technischen Möglichkeiten sowie die Unerfahrenheit der jungen Musiker bedenken muss. Kurioses Detail: Die den Songnamen hinzugefügten Untertitel haben - trotz zahlloser Interpretationsversuche - keinerlei Bedeutung. Es handelte sich bei ihnen um einen Trick der Band gegenüber der Plattenfirma. Das Label bezahlte nämlich nach Anzahl der Songs. Um hier nicht mit lediglich fünf Nummern um die Hälfte des LP-Honorars gebracht zu werden, erdachte Sinfield diese Ergänzungen.

Ein Kapitel für sich ist das Artwork Barry Godbers. Die Frontseite zeigt den "Schizoid Man", und sie mauserte sich im Laufe der Zeit als Popikone der späten 60er-Jahre zu einem der weltweit berühmtesten LP-Covers überhaupt. Godber selbst erlebte den Hype um sein Gemälde tragischerweise nicht mehr. Kurz nach Veröffentlichung erlag er überraschend einem Herzleiden. "In The Court Of The Crimson King" blieb sein einziges Plattencover. Die frühen Genesis pinnten das Bild in ihren Proberaum; zur Ermahnung, wie gut man sein müsse, um es als Musiker so richtig zu bringen. Fripp kaufte das Original des toten Freundes später vom Label zurück - leicht angesäuert: Durch eine Unaufmerksamkeit hing es dort am denkbar schlechtesten Platz und drohte vom täglich einfallenden Sonnenlicht komplett ruiniert zu werden.

"I Talk To The Wind" und "Moonchild" verkörpern die romantischen Tropfkerzenmomente des Albums. Ersteres stammt allein von Sinfield/McDonald. Trotz seines großen musikalischen Gespürs gab es für das feste Bandmitglied Sinfield aus den oben genannten Gründen keinen instrumentalen Platz. In scherzhaftem Understatement bezeichnete er sich selbst oft als "Maskottchen" oder "Hippie-Haustier" King Crimsons, das vor allem wisse, "wo man die abgefahrensten Klamotten bekommt". Eine grobe Untertreibung. King Crimsons Cheflyriker war ebenso unsichtbarer wie essenzieller Teil jeder Bühnenshow. Er allein übernahm die Lichttechnik im Alleingang und klügelte unverzichtbare optische Effekte aus.

Der Improvisationspart in "Moonchild" ist der einzige Augenblick, in dem die Platte minimale Schwächen aufweist. Fripp selbst fand späterhin den Track angesichts seiner Länge nicht inspiriert genug. Für das Re-Release 2009 schnitt er einige Minuten heraus.

"Epitaph" und das epische Titelstück gehören zum Besten, was die 60er je hervorgebracht haben. Sie beerdigen die Dekade musikalisch in großer, weit ausholender Geste und legen simultan den Grundstein für die 70er. Besonders Lakes stimmliche Ausdruckskraft, verbunden mit den starken Melodien beider Stücke, transportiert ein atmosphärisches Maximum. Sehr nuanciert pendelt er dort zwischen Verhaltenheit und Dramaqueen. So erzielt er hochemotionale Wirkung, ohne den hymnischen Rockkontext aufzugeben. Sehr passend, denn "Epitaph" verkörpert textlich einen sinistren Abgesang auf alle menschliche Vernunft, Empathie und Harmonie. Das zerstörerisch-brutale Naturell der Bestie Mensch gewinnt in dieser Prophezeiung Oberhand und zieht alles in einen apokalyptischen Abgrund: "Knowledge is a deadly friend / If no one sets the rules / The fate of all mankind I see / Is in the hands of fools": "Wissen ist ein tödlicher Freund, wenn niemand Regeln setzt. Das Schicksal der ganzen Menschheit liegt in den Händen von Narren." - Kein Schelm, wer hierbei an unsere posthumanistische Gegenwart denken muss.

Das Finale gehört dann ganz und gar dem Hof des scharlachroten Königs. Mit stolzem Gesang, opulentem Chor und surrealer Farbenpracht in den Zeilen erobert diese dunkle Kreatur ihre Hörer. McDonalds schnurriges Flötensolo in der Mitte zitiert nebenbei Nikolai Rimski-Korsakov ("Scheherazade"). Sobald die letzten Töne verebbt sind, staunt man, wie frisch King Crimson nach einem halben Jahrhundert nach wie vor klingt. "Der gelbe Narr zieht sanft die Schnüre und lächelt, als die Puppen im Hof des scharlachroten Königs tanzen."

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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