Schaum und Patronen

In diesen Tagen hat sich der Geburtstag des französischen Chansonniers und Jazzmusikers Boris Vian zum 100. Mal gejährt. Geschichte schrieb er vor allem mit einem Lied, das in den 50er-Jahren einen Skandal auslöste.

Die französische Verfassung aus dem Jahre 1946 ist in dieser Frage eigentlich eindeutig: Sie bekräftigt die bereits 1789 von der französischen Nationalversammlung verabschiedete Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, in der Artikel 11 besagt: "Die freie Äußerung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte: Jeder Bürger kann also frei reden, schreiben und drucken, vorbehaltlich seiner Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen." Und doch verhält es sich mit der Verfassungswirklichkeit anders in jenem Frühjahr 1954 in Frankreich. Als der damals als Chansonnier und verhinderter Jazztrompeter eine gewisse Popularität genießende Boris Vian sein Lied "Le Déserteur" veröffentlicht, ruft das in konservativen Kreisen des Landes einen Sturm der Entrüstung hervor. Mit einer sehr volksliedhaften Melodie im Arrangement des US-Komponisten Harold Berg kommt das Lied als in Rollenprosa verfasster Brief an den französischen Staatspräsidenten daher. Darin erklärt der Autor dem Politiker, er werde den ihm zugestellten Einberufungsbefehl zum Kriegseinsatz nicht befolgen: "Mein Entschluss steht fest: Ich werde desertieren." Frappierend an dem ganzen Text ist die Einfachheit seiner Sprache, die auch ein Französisch-Anfänger versteht. Vor allem gemessen an der Verklausuliertheit, mit der französische Chansons für gewöhnlich aufwarten: "Ich will das nicht tun. Ich bin nicht auf der Erde, um arme Leute zu töten", heißt es in der ersten Doppelstrophe. Der Ich-Absender lässt durchblicken, dass er bereits als Soldat in Gefangenschaft war und erzählt, wie seine Familie unter dem Krieg gelitten hat. Wie er den Vater sterben, seine Brüder ins Feld ziehen sah, wie seine Kinder geweint haben, der Kummer über den Krieg seine Mutter umgebracht hat - die verrückt blieb bis ins Grab. Und er verkündet, er werde durch ganz Frankreich ziehen, um seine Landsleute aufzufordern, seinem Beispiel zu folgen. Seinem Adressaten rät er, wenn der Blutvergießen für nötig halte, solle er Vorbild sein und sein eigenes Blut opfern.

Das Lied ist seinerzeit politisch hochbrisant, denn es steht nicht im luftleeren Raum, sondern ist tagespolitisch aktuell. Der Erste, der es singt, ist der Chansonnier Marcel Mouloudji. Als es am 7. Mai 1954 erscheint, liegen die Franzosen in der Schlacht um Dien Bien Phu in Vietnam buchstäblich in den letzten Zügen: Tags darauf müssen die verbliebenen 10.000 Mann auf Frankreichs Seite, Vietnamesen, Kolonialsoldaten, Fremdenlegionäre sowie ein Fünftel Franzosen, vor der Übermacht der Viet Minh kapitulieren. Und ein weiterer Krieg in der französischen Kolonie Algerien bahnt sich zu dieser Zeit an. All das hat Konsequenzen: Bald darf das Lied nicht mehr im Radio gespielt werden - zumal es in seiner ersten Fassung sinngemäß endet: "Wenn Sie mir Ihre Polizisten hinterherschicken, sagen Sie Ihnen, ich bin bewaffnet, und ich kann schießen."

Vian entschärft diese Zeilen auf Anraten von Mouloudji und kehrt sie ins Gegenteil um: "Ich trage keine Waffen, und sie können auf mich schießen." Das ändert nichts daran, dass man dem Lied eine antipatriotische Haltung unterstellt. So sachlich und sediert, ja geradezu ehrerbietig ("Ich will Sie nicht ärgern, aber ich muss es Ihnen sagen.") es nun auch wirkt. Treibende Kraft bei der Zensur ist der Kommunalpolitiker Paul Faber, dem Vian auf seine Kritik in einem sehr lesenswerten Offenen Brief antwortet. So zeigt er sich darin bestätigt, dass das französische Radio zensiert wird: "Es ist nützlich, das zu wissen", schreibt er und spricht dem Lied einen beleidigenden Charakter ab: "Ich werde niemals Männer wie mich beleidigen, Zivilisten, die eine Uniform tragen, damit sie als einfache Gegenstände getötet werden können und ihre Köpfe mit leeren Parolen und verlogenen Täuschungen füllen." Ja, später wird Vian sich dagegen verwahren, dass es überhaupt ein antimilitaristisches Lied sei. Es sei lediglich für Zivilisten bestimmt.

Das Verbot - im französischen Rundfunk gilt es bis 1962 - bleibt wirkungslos. Das Lied verbreitet sich rasant, auch dank seiner Eingängigkeit. Die drei Doppelstrophen, die sich unkompliziert auf der Gitarre begleiten lassen, werden als pazifistische Hymne zum Teil der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Das Lied ist in 19 Sprachen übersetzt. Die Zahl seiner dokumentierten Interpreten ist dreistellig. Die bekanntesten Deutschen darunter sind Hannes Wader, Wolf Biermann und Reinhard Mey, dessen Cover-Album "Lieder von Freunden" (2015) mit der Originalversion ausklingt.

Und das Lied überstrahlt das umfangreiche Werk Boris Vians: Seine musikalische Karriere beginnt der am 10. März 1920 Geborene eigentlich als Jazztrompeter. Schon während der deutschen Besatzungszeit spielt er in Pariser Klubs. Eine Sackgasse - nicht künstlerisch, sondern gesundheitlich: Als Halbwüchsiger war Vian an Typhus erkrankt, was seinen Herzmuskel dauerhaft geschädigt hat. 1948 verbietet ihm der Arzt das Trompetenspiel. Aber Vian ist ein Multitalent. Er verfasst als Texter und auch Komponist insgesamt rund 600 Chansons, wobei er innovative Jazzelemente in das stellenweise etwas verstaubte Genre einfließen lässt. Neben Vian selbst und Mouloudji gehören Henri Salvador, Reneé Lebas, Serge Reggiani, Nana Mouskouri und Juliette Gréco zu seinen Interpreten - viele seiner Lieder wurden bis in die 2010er-Jahre wiederholt gecovert.

Auch eine andere Facette dieses Mannes zeigt bis in heutige Tage seine Wirkung - eine weitere Skandalchronik: Für einen Verlag, der von ihm 1946 eine Übersetzung eines US-amerikanischen Pulp-Fiction-Romans bestellt, schreibt er einen solchen gleich selbst: "J'irai cracher sur vos tombes" ("Ich werde auf eure Gräber spucken") erscheint unter dem Pseudonym Vernon Sullivan als vorgebliche Übersetzung eines afroamerikanischen Autors. Die drastischen Gewaltschilderungen darin tragen ihm eine Anklage wegen Unmoral ein.

Zur selben Zeit entsteht sein bis heute bekanntestes Buch "L'ècume des jours", ("Der Schaum der Tage"). Hier schreibt Vian wie Salvador Dalí malt: Die Liebesgeschichte um den wohlhabenden 22-jährigen Colin ist voll von Surrealismen - angefangen vom Romanheld, der bei der Morgentoilette seine schlaff gewordenen Augenlider beschneidet, über eigenartige Erfindungen wie das "Pianocktail" (ein Klavier, mit dem man Drinks mixen kann), bis hin zum tragischen Tod von Chloe, die im Verlauf des Romans seine Geliebte wird: Sie stirbt daran, dass ihr eine Seerose in der Lunge wächst - womöglich eine surreal-romantische Metapher für die Tuberkulose.

"Der Schaum der Tage" wurde bei Erscheinen 1947 kaum beachtet - zu sehr stand das Buch wohl im Schatten des zuvor publizierten Skandal-Reißers, dem weitere, weniger beachtete "Sullivans" folgen. Erst in den 60er- und 70er-Jahren wächst die Generation junger Leser heran, die sich in dem Roman wiederfinden. Und sie lebt, zumindest in Frankreich, fort: Zurzeit belegt das Buch beim französischen Amazon-Portal in der Kategorie Jugendbücher Platz 4. Den Aufstieg von "L'ècume des jours" hat Vian nicht mehr erlebt. Gesundheitlich angeschlagen, stirbt er 1959 bei der Voraufführung einer Verfilmung von "Ich werde auf eure Gräber spucken", zu der ihn Freunde gegen seinen Willen mitgeschleppt haben: Vor Aufregung versagt sein Herz.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.