Scheitern vor den Massen

Die Indie-Rocker der Band The National spielten am Dienstag und Mittwoch in Berlin zwei Konzerte auf ihrer "Easy To Find"-Europa-Tour und konnten dabei nur bedingt überzeugen.

Berlin.

Schon der Auftakt der beiden Berliner Shows von The National stand vor dem Scheitern. Beinahe wären die im Stau feststeckenden Trucks mit dem Bühnenequipment nicht rechtzeitig an der Columbiahalle angekommen, sodass bereits über einen Konzertausfall spekuliert wurde. Doch die 3500 Fans der Amerikaner hatten am Dienstag Glück und erlebten wenig später mit dem Ensemble Resonanz ein unübliches Vorprogramm.

Statt wie sonst üblich eine ähnlich klingende Band zu engagieren, spielte das Streichquartett zwei Stücke, die von Bryce Dessner nicht nur anmoderiert, sondern ursprünglich auch von ihm als Filmkomponist geschrieben wurden. Bei The National wechselt er sich hingegen mit seinem Bruder Aaron zwischen Gitarre, Keyboard und Klavier ab und ergänzt die rhythmische Sektion, die von den Brüdern Bryan und Scott Devendorf mit Drums, Percussion, Bass und Gitarre beigesteuert wird. Frontmann und Sänger der Indie-Rocker ist jedoch Matt Berninger mit seiner Baritonstimme. Ihm gelingt, selbst wenn er melancholisch und schwermütig von verpassten Chancen, gescheiterten Beziehungen oder tiefen Selbstzweifeln singt, dass immer noch ein wenig Hoffnung mitschwingt. Die Songs des Quintetts bestechen dabei durch einen großflächigen Aufbau. Seit 2001 gewannen die inzwischen acht Alben immer mehr an Komplexität und brillieren durch ihre Feinheiten. Es bauen sich kompakte Klangwelten auf, die sich je nach Hörlautstärke oder aktueller Gefühlslage regelrecht entfalten.

Genau darin liegt die geniale Wirkungskraft der Band. Allerdings ist es auch ihre Achillesferse. Denn bei den beiden ausverkauften Berliner Konzerten scheiterten The National daran, diese Feinfühligkeit zu transportieren und ihre verhalten, zuweilen irritierten, dennoch brav klatschenden Fans in ihren Live-Bann zu ziehen. Die Emotionen wirkten gekünstelt und aufgesetzt. Es herrschte eine befremdliche Stimmung auf der Bühne: Die Geschwisterpaare und die beiden zusätzlich engagierten Percussionisten agierten in ihren festen Rollen. Berninger hingegen verhielt sich vor allem am ersten Abend wie ein Außenseiter, als er unschlüssig zwischen den Bandmitgliedern hin und her lief, sich mit dem Rücken zum Publikum an den Rand hockte, unmotiviert den Mikrofonständer umwarf oder immer wieder ins Publikum sprang, sich durch die Massen kämpfte oder letztlich gar vom Bar-tresen hüpfte, oder wie bei der zweiten Show häufig nur statisch dastand.

Dazu überzeugte Berningers Stimme an beiden Abenden nicht. Auch wenn er dieses Mal sein übereifriges Geschrei im Zaum hielt, so fehlte die liebenswürdige Leidenschaft. Selbst die beiden Sängerinnen Mina Tindle und Kate Stables konnten wenig Tiefe beisteuern. Die überwiegend vom neuen Album "Easy To Find" gespielten und mit vielen Längen bestückten Songs erschwerten so, dass der Live-Funke übersprang. Hits wie "Bloodbuzz Ohio" oder "Don't Swallow The Cap" funktionierten, wenngleich die schöne Ballade "Terrible Love" wiederum in einer seltsam seichten Version ihrer ganzen Intensität beraubt wurde.

Dass die Konzertabende nicht vollends scheiterten, lag an der in-strumentellen Extraklasse von The National. Denn es gelang den Musikern, große Klangbilder zu erschaffen, die umhüllt von einer perfekt abgestimmten Lichtshow wie bei der längeren Version von "Fake Empire" glänzten. Trotzdem war die Genialität nicht zu spüren. Vielleicht können The National dies auch nur auf ihren Platten und nicht vor Publikumsmassen.

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