Schepperndes Erbe

In Sachsens Kirchen hängen noch einige Glocken aus der NS-Zeit - einige davon mit Hakenkreuzen, andere mit Hitlerzitaten. Die Landeskirche hält sie großteils verborgen und will den Umgang mit diesem Erbe am liebsten intern regeln - Kritik kommt von außen.

Dresden/Chemnitz.

Am Ende kreischte die Flex: Unbekannte entfernten das Hakenkreuz von der Glocke in Schweringen. Zuvor hatte es bundesweit Medienberichte um das Geläut in der niedersächsischen Gemeinde gegeben. Dabei ist sie kein Einzelfall: Auch in sächsischen Kirchen hängen im "Dritten Reich" gegossene Glocken - einige davon mit Nazi-Ornamentik im Sinn der "Deutschen Christen".

Dass man das so genau weiß, liegt an Gilbert Kallenborn. Nachdem die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (EVLKS) im Rahmen einer Diskussion über Nazi-Glocken erklärte, solche existierten im Freistaat nicht, hakte der Saarländer nach. Auf sein Beharren hin erhielt er schließlich die Antwort, dass 33 in der Zeit zwischen 1933 und 1945 hergestellte Glocken in hiesigen Kirchen hängen würden - über entsprechende Verzierungen und Widmungen sei allerdings nichts bekannt. Das war Kallenborn zu dürftig: Er nennt es "unerträglich, dass bis heute solche Glocken läuten und die Botschaft Hitlers weitertragen". Die "Freie Presse" hat daher noch mal nachgehakt - und nun erklärt Matthias Oelke, Pressesprecher der EVLKS, dass doch drei Glocken "Inschriften aus der NS-Zeit" tragen. Außerdem fand der größte Zusammenschluss religiöser Gruppen im Freistaat in seinen 20 Gliedkirchen zusätzlich "zwei Glocken mit einem christlichen Kreuz und unterlegtem Hakenkreuz mit Strahlenkranz". Warum diese fünf Glocken über Jahrzehnte vor der Öffentlichkeit verborgen in hiesigen Kirchtürmen hängen und läuten konnten, wird dabei nicht erklärt. Wurden sie übersehen? Oder ignoriert? Für wert befunden?

Die Pläne für den weiteren Umgang mit den unselig symbolbeladenen Läutwerken sind ebenfalls eher vage: Es werde mit den betroffenen Gemeinden der Umgang mit dem NS-Erbe erörtert, so der Sprecher. Die Standorte der heiklen Glocken? Gibt die Landeskirche nicht bekannt. "Wie mit der eigenen - unseligen - Geschichte umzugehen ist, wird zu entscheiden sein. Es sind wenige Beispiele, die vorhanden sind und mahnen. Das sollte man weder verdrängen noch unkritisch damit umgehen", so Oelke. Nun sind auch diese Glocken Erinnerungen an die Vergangenheit. Daher hält Hartmut Ritschel, Fachdiensteleiter im Landesdenkmalamt, ihren Gebrauch aus "denkmalpflegerischer Sicht" für unproblematisch: "Sie sollten als historisches Zeugnis erhalten bleiben." Allerdings sollten die Eigentümer über die Geschichte und Problematik der Glocken informieren.

Die Kirchenklangkörper sind zudem nicht die einzigen sächsischen Glocken aus der Zeit des Dritten Reiches. Mehr als nur Spuren der Nazizeit trägt beispielsweise das Glockenspiel in der Lößnitzer St. Johanniskirche. So tragen Glocken des 23-teiligen Carillons die Inschriften "Ein Volk", "Ein Reich", "Ein Führer" und ein Zitat Adolf Hitlers. Trotzdem hat das Glockenspiel, das unter städtischer Verantwortung steht, täglich seine Spielzeiten. "Das Glockenspiel wird weiter erklingen", erklärt Bürgermeister Alexander Troll. Dabei weiß er die Bevölkerung mehrheitlich hinter sich: Stimmen, die die Naziglocken nicht mehr hören wollen, gibt es in der Stadt eher wenige. Stattdessen erklärt man in der Erzgebirgsgemeinde das säkulare Instrument (im Gegensatz zu den Kirchenglocken ist das Carillon nicht geweiht) zum "Friedenssymbol". Troll: "Die Geschichte des Bronzeglockenspiels steht vor allem für eine Rettung vor den Nationalsozialisten." Denn die Glocken hätten für Kriegszwecke eingeschmolzen werden sollen - die Bürgerschaft wehrte sich mit Appellen. "Der Sieg des Instrumentes über die Kriegswaffe ist, vor allem im totalitären und menschenverachtenden System der Nationalsozialisten, wohl einzigartig", findet der Bürgermeister.

Kann man dem NS-geweihte Glocken einfach umwidmen? "Die Bedeutung des Glockengeläuts ist nicht per se gegeben", so Horst Junginger, Professor für Religionswissenschaft und -kritik an der Universität Leipzig, "sondern entsteht im Zusammenwirken historischer, kultureller, politischer und anderer Faktoren. Sie ergibt sich aus der kirchlichen Zuschreibung. Deswegen sind Umwidmungen oder ein Überschreiben anachronistisch gewordener Bedeutungsgehalte ohne Probleme möglich." Die Kirchen beider Konfessionen hätten damals "oft und intensiv" ihre Glocken für Hitler geläutet. Das sei als öffentliches Bekunden geschehen, zum "Führer" zu stehen. Bei seiner Ernennung zum Reichskanzler, am "Tag von Potsdam" oder beim "Reichsparteitag der Ehre" hätten die Kirchen so den NS-Staat unterstützt. "Nationalsozialistische Eingravierungen mit Hitlerbezug auf einer Glocke dokumentieren die Ehrerbietung dem 'Retter Deutschlands' gegenüber. Ihr Zweck war es, den durch das Läuten erzielten ideologischen Effekt zu verstärken, ihm eine besondere Authentizität zu verleihen." Daran wolle man heute nicht mehr erinnert werden, sagt Wissenschaftler Junginger. "Ganz im Gegenteil versuchen nicht wenige, die Kirchen als eine Art Widerstandsorganisation auszugeben. Dass die historische Realität damit nicht kompatibel ist, macht das eigentliche Problem der Diskussion um die nationalsozialistischen Kirchenglocken aus."

Was also tun, achselzuckend weiterläuten? Fraglich. Einschmelzen oder die betreffende Zier entfernen? Das kann den Klang verändern und schmälert den Denkmalwert. Man könnte sie zu besonderen Daten erklingen lassen und das in Informations- und/oder Gedenkveranstaltungen einbetten. In Thüringen hat man sich gerade entschlossen, Nazi-Glocken nicht mehr zu betätigen. Zu Recht, findet Wissenschaftler Junginger: "Heute noch mit einer läutenden Hitlerglocke konfrontiert zu werden, ist ein Unding. Zumal dann, wenn Repräsentanten des Staates oder der Kirche sagen, dass nicht alles schlecht war, was der Führer tat. So wie wir keine Hitler-Plätze und Hitler-Straßen mehr dulden, können wir auch keine Hitlerglocken akzeptieren. Ihre Existenz ist der Ausdruck für eine ungenügende Auseinandersetzung mit dem 'Dritten Reich' und seinen Folgen."mit tim

In einer früheren Version des Beitrags stand, das Hakenkreuz sei von einer Hitler-Glocke in Herxheim abgeflext worden. Das ist falsch - diese hängt unverändert in ihrem Kirchturm. Entfernt wurde das Nazi-Symbol von einer ähnlichen Glocke in Schweringen. Im Text wurde das korrigiert. (red)

 

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