Schere im Kopf

Ein Lied kann vieles sein: Brücke, Revolutionsaufruf oder Betthupferl. Oder aber ein Ohrwurm, welcher den Hörer durchaus temporär irre machen kann!

German "Angst", "Waldsterben" oder "Sauerkraut" - solche Wörter sind vermeintlich so typisch deutsch, dass sie tief in den englischen Sprachgebrauch eindringen konnten. Sie stehen allesamt für etwas unschön Neurotisches, das man dort an uns so belächelt. Umso erstaunlicher, dass es auch der "Earworm" schaffte, ausgehend vom "Ohrwurm", dessen Taufpate der Berliner Operettenkomponist Paul Lincke sein soll. Denn wirkseitig ist der musikalische Ohrwurm ja keine deutsche Erfindung, sondern ein global verbreitetes Phänomen. Mehr noch: die meisten "Ohrwürmer" kommen vermutlich sogar aus dem englischen Sprachraum.

So egal es letztlich ist, wo die semantischen Ursprünge des Ohrwurms liegen, so bedeutend scheint die Entschlüsselung, denn offenbar handelt es sich um ein nicht un- erhebliches Zivilisationsproblem. Entsprechend wird der Ohrwurm erforscht, als gehöre er zu den Geißeln der Menschheit. Alle Facetten wurden schon beleuchtet: Wie kommt er zustande? Wie ist er aufgebaut? Welche Arten gibt es? Welche sind die gefährlichsten: die langsamen oder die schnellen, die Dur- oder die Moll-Viecher? Reagiert der Wirt unterschiedlich je nach Geschlecht? Und natürlich: Wie kriegt man den Ohrwurm wieder los?

Um es kurz zu machen: Er wird ewig leben, dieser Holzmichl unter den Körperplagen, zumindest so lange, wie uns Menschen eingängige Melodien irgendwie zu Ohren kommen. Je simpler, desto wirksamer. Was jeder instinktiv weiß, haben diverse Forscher wissenschaftlich bestätigt. Einfacher Melodieaufbau, wechselnde Tonhöhen wie beim Kinderlied, dazu paar überraschende Sprünge, alles eher schneller intoniert - schon hat man den Drehrumbum im Kopf. Ganz wichtig natürlich: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. "Live. Nana na nana. Live is life!" Und so.

Auf diese Art haben sich die flachsten Stücke unter die Schädeldecken von Milliarden gebohrt. Wahrscheinlich könnte selbst der größte Fan von Zwölftonmusik nachts geweckt werden und "Looking for Freedom" (David Hasselhoff) oder "Final Countdown" (Europe) anstimmen. Womit nicht nur zwei Topkandidaten für die Kategorien "Schlimm" und "Richtig schlimm" benannt sind, sondern Beispiele für das zentrale Dilemma der Ohrwurmproblematik: Es gibt die Guten und die Bösen, wie überall. Wobei derselbe Ohrwurm nur für die einen ein Guter ist und für die anderen ein Böser.

Der amerikanische Ohrwurmexperte Ira Hyman hat die Dialektik in seinem Aufsatz "Going Gaga" erklärt: Wer dauernd seinen Lieblingssong im Kopf hat, ist davon kaum genervt, wogegen der lästige Gast im Oberstübchen besonders auffällt. Die Hartnäckigkeit unerwünschter Eindringlinge hält er deshalb schlicht für einen Fall verzerrter Wahrnehmung. Warum ein Song immer und immer wieder zurückkehrt, weiß der Psychologe übrigens auch zu begründen. Es liegt am so-genannten Zeigarnik-Effekt, demzufolge man sich an unvollendete Gedanken und Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene. Da von einem Song in der Regel nur ein Teil im Kopf spukt, ist es halt wahrscheinlich, dass er irgendwann noch mal auftaucht. Pfiffig. Im Gegensatz zum Tipp von Dr. Oberschlau: "Hör Musik, die du magst, dann suchst du dir deine Ohrwürmer selbst aus."

Als ob man sich die immer aussuchen könnte in unserem Beschallungsland: Überall wird Liedgut ausgeschüttet, um gute Laune zu erzeugen, vor allem Kauflaune, selbstverständlich unter Berücksichtigung der Ohrwurmforschung. Laut Studie der Durham University lässt sich nämlich gut vorhersagen, ob sich eine Melodie in den Köpfen verfängt. Wenn der Ohrwurmcode entschlüsselt ist, wird er natürlich für Werbejingles und sonstige Reklametrallala genutzt. Klingelt da die Telekom?

Der Mensch wäre natürlich nicht Mensch, würde er nicht auch das Nervpotenzial des Ohrwurms bewusst einsetzen. Womit nicht die ÖPNV-Musikanten gemeint sind, die die Fahrgäste mit ihrem Best of Lagerfeuergeschrammel malträtieren, sondern dass in den USA Ohrwürmer bereits in den Dienst der Justiz gelangten. Vor Jahren bestrafte ein US-Richter Jugendliche, die ihre Nachbarn wiederholt mit Lärm belästigt hatten, mit stundenlangem Zwangshören von Barry-Manilow-Liedern, in voller Lautstärke. Angeblich soll es was gebracht haben. Auch Politiker haben dort früher als anderswo erkannt, dass man mit Ohrwürmern Wähler angeln kann. Schon 1840 verwendete der spätere Präsident William H. Harrison den Gassenhauer "Tippecanoe and Tylor Too" im Wahlkampf.

Hierzulande wurde das übernommen, klar, geht aber auch gern mal nach hinten los. So wie bei der CDU, deren Spitzenpersonal bei der Siegerparty nach der Bundestagswahl 2013 zum Tote-Hosen-Hit "Tage wie dieser" schunkelte. Die Toten Hosen fanden es nicht lustig, aber was machen sie auch Schunkellieder für den Überallgebrauch in deutscher Sprache?! So was erhöht sofort die Ohrwurmgefahr, wie eine Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik 2016 ergab. Bei reinen Instrumentalstücken sei die jedenfalls äußerst gering.

Von Ohrwurmschöpfern freilich sollte man keine zu großen Schuldgefühle erwarten: Solche Hits bringen Ruhm, ergo Wiedererkenungswert, Geld und - Geld. Während manche Musiker sie auch live immer wieder gern singen (insbesondere One-Hit-Wonder), können andere ihre ollen Kamellen nicht mehr hören. Etwa der frühere Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant, der keine Lust verspürt, "immer dieselben Nummern runterzurasseln". Wenn er in Konzerten heute Zeppelin-Ohrwürmer spielt, dann gern verfremdet bis zur Unkenntlichkeit.

Was natürlich keine Option für die ist, die vom Nachspielen leben wie jene Tanz- und Hochzeitsband aus dem Eichsfeld, die sich auch noch Ohrwurm ("Unser Name ist Programm") nennt. Dagegen beließ es die A-cappella-Gruppe Wise Guys dabei, nur einen einzelnen Song so zu betiteln: Sie gab dem Ohrwurm endlich eine eigene Stimme: "Hallo, hallo, ich bin dein Ohrwurm / Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los/ Ich bin ziemlich penetrant, sonst wär ich nicht so bekannt".

Mit dem Text können alle Hörer etwas anfangen - auch gehörlose Menschen. Sie erfreuen sich zum Beispiel an gebärdeten Videoclips, wie Kassandra Wedel berichtet. Die junge deutsche Schauspielerin, Tänzerin und Hip-Hop-Tanztrainerin verlor mit knapp vier Jahren nach einem Autounfall ihr Gehör. Wo bei anderen ein Ohrwurm im Kopf fleucht, ist es bei ihr ein "Ohr- und Augenwurm". Manchmal habe sie auch einen Basswurm nach einer durchtanzten Nacht oder einfach nur so von Liedern mit tollen Beats, zum Beispiel von Michael Jackson. "Die Rhythmen der Bässe prägen sich ein und spielen sich in meinem Gemüt wieder ab oder ich wippe mit den Füßen und dem Körper dazu." Selbst, wenn sie die Songs nicht höre, könnten Reim und Rhythmus des Textes einen Ohrwurm auslösen.

So artikuliert sich der Ohrwurm in den Köpfen tauber Menschen nur etwas anders, denn von Musik sind sie ja auch oft umgeben, selbst in Konzerten. Gerade die, sagt Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber, böten viel mehr als nur Musik: Licht, Stimmung, Erlebnis, den Bass spüren, die Musiker tatsächlich sehen. Was an Melodie und Lyrics verloren gehe, könne durch Gebärdensprache ergänzt werden, so die Lausitzerin, die schon bei Peter Maffay als Gebärdendolmetscherin mit auf der Bühne stand. Auch mit den Wise Guys bei deren "Ohrwurm"-Lied. "Das war ein großer Spaß! Sie haben einen riesigen, selbst gebastelten Ohrwurm durch das Publikum wandern lassen und das gebärdensprachige Publikum hat den Hörenden sehr schnell gezeigt, wie man den Wurm in Gebärdensprache aus dem Ohr krabbeln lässt. Nach wenigen Takten waren da sehr, sehr viele Gebärden-Ohrwürmer überall."

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