Schmachtend auf Kreuzfahrt

Die Theater Chemnitz haben mit "Tausend Mal berührt" eine lockere Schlager-Kreuzfahrt aus der Taufe gehoben, die gerade in diesem Sommer unheimlich gut tut.

Chemnitz.

Schlager - die Musik der Wünsche und Träume. Wie gerne wären wir jetzt unterwegs, um die Welt zu erkunden. Doch leider macht uns ein Virus einen Strich durch die Urlaubsrechnung: Dieses Jahr müssen Balkonien, eine per Kampfbuchung ergatterte Ostseedatsche oder europäische Ziele reichen. Abhilfe schafft aber ein neues Stück auf der Chemnitzer Küchwaldbühne: Der vom Schauspielhaus inszenierte Schlagerabend "Tausend Mal berührt" lädt zu einer musikalischen Kreuzfahrt ein.

Das ist Kultur in Corona-Zeiten: Während in der Kulisse maritime Farben und schrille Bade-Flamingos dominieren (Bühne: Luisa Lange), erscheint der Blick ins Publikum zur Premiere am Samstag ernüchternd. Zwar sind beinahe alle Karten verkauft, doch wegen der luftigen Hygiene-Sitzordnung und dem Mundschutz sehen die Reihen zunächst eher freudlos aus. Doch mit dem Gong wird aufgeatmet: Die Masken dürfen abgenommen werden, die Show kann beginnen. Ein Lächeln macht sich breit.

Für viele ist der Abend der erste konzertante Lichtblick nach einer grauen Zeit voller Kulturentbehrungen. Wie wunderbar, endlich mal wieder live gespielte Musik zu hören! Sofort ist das Titellied von Klaus Lage in aller Munde, wenn Micha (Philipp von Schön-Angerer) mit Koffer und Hawaii-Hemd seine Schiffsreise antritt. Mit an Bord steigt seine große Liebe Nina, die ihm seine Einladung mit einem "Stern, der deinen Namen trägt" quittiert. Trotz kleiner stimmlicher Schwächen irgendwo zwischen Musical- und Karaoke-Level ist es schlicht frappierend, welche Macht diese Lieder doch haben, die bei jedem im Kopf verankert sind. Das romantische Rudeltier Mensch hüllt sich immer wieder gern in diese vertrauten Melodien, summt sie, singt sie, liebt sie. Zusammen mit allen anderen. Und auch, wenn die überstrapazierten Lockdown-Sprüche á la "Nähe trotz Abstand" niemand mehr hören kann - heute Abend spürt jeder, was damit gemeint ist.

Und zwar immerhin 90 Minuten lang. Länger darf das Stück von Amts wegen nicht dauern. Der Captain muss also auf den Punkt landen: Navigiert wird das Traumschiff MS Santa Maria von Florian, der stets süffisant am Steuerrad dreht und vor der japanischen Küste den alten Jacqueline-Boyer-Klassiker "Mitsou" herauskramt. Toll, dass die Regie immer wieder Klasse beweist und keinen einzigen Ballermann-Techno aus dem Sangria-Eimer fischt. Die Band im Matrosen-Outfit ist zwar nur zu dritt, aber dafür blendend gelaunt - da stört nur wenig, dass Bernd Sikora, ab der nächsten Spielzeit der musikalische Leiter in spe, hin und wieder in die Konserve greifen muss, um den Sound abzurunden. Ganz unaufdringlich lassen die Instrumente den Stimmen und Texten den Vortritt - so gehört es sich für ein musikalisches Schauspiel.

Doch Schlager ist nicht immer nur heile Welt: Dummerweise hat Micha den Farbfilm vergessen und Magda Decker kommt bei ihrer musikalischen Anklage ihrem kratzigen Vorbild Nina Hagen erstaunlich nahe. Eine Freude, ihr beim Zicken und Schmollen zuzusehen: Das dachte sich wohl auch der schicke Chef-Animateur Roger, der die Paar-Krise ausnutzt und sich liebevoll der enttäuschten Dame widmet. Dem versetzten Micha hilft da auch Rogers hämisches "Über sieben Brücken" nichts - das Publikum jedoch spendet dem zarten Tenor von Marko Bullack besonders viel Beifall.

So arbeitet der bunte Reigen alle Klischees fleißig ab, die Choreografien und Gestiken greifen sprichwörtlich nach den Sternen und fassen ans Herz. Zum Brüllen komisch, wie die Ironie konsequent mitgespielt wird: Der groteske Schmalz in Schöbels "Wie ein Stern" etwa zwinkert erst mit einem Auge, später dann konterkariert Bullack mit voller Breitseite sein "Rosen aus Athen" per Countertenor. Doch nie verliert das Stück seinen Respekt vor dem Metier: Gerade die Gassenhauer, die 50 Jahre plus auf dem Buckel haben, werden mit Liebe aufbereitet. "Oh, wann kommst du?", schmettert die Bord-Diva Lady Jane (Susanne Stein) und lockt den verzweifelten Micha auf ihr Zimmer. "Natürlich mit Abstand", fügt sie hinzu und hat die Lacher auf ihrer Seite.

Das macht Laune - auch denjenigen, die Schlager sonst nur schwer ertragen können. Und ebenso dem Ensemble: Das Team um Regisseurin Ulrike Sorge entwickelte das Stück gemeinsam - ursprünglich für den "Theaterclub", die neue Bar am Schauspielhaus, um es zwischen den Tischen und Stühlen aufzuführen. Die neuen Umstände trieben die Produktion nun schon als drittes Gastspiel auf die Freilichtbühne.

Weitere Aufführungen des Schlagerabends auf der Chemnitzer Küchwaldbühne am 19., 24., 25. und 26. Juli. Tickets: 0371 4000430. www.theater-chemnitz.de

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