Schmalfotos

Die Ausstellung "Industrie - Stadt - Bild" ist gleich in fünf Städten zu sehen. Sie zeigt Monumente der Industriekultur in ungewöhnlicher Perspektive. Fotografiert und zusammengesetzt hat sie Jörg Dietrich. Doch ganz fertig ist ein Bild nie ...

Das zusammen zu popeln, allein der Fleiß am Rechner ist bewundernswert." Der ältere Mann, der sich höflich ins Interview mit dem Fotografen Jörg Dietrich einmischt, ist voller Lob. Er stellt sich als ehemaliger Berufsfotograf vor und fragt nach der speziellen Technik, mit der Dietrich seine urbanen Panoramen ablichtet und digital montiert. Nach einigen Minuten Fachsimpeln verabschiedet sich der Rentner noch immer beeindruckt von der ungewöhnlichen Perspektive, in der die ausgestellten Fotos die Stadträume festhalten. Dietrich fühlt sich verstanden, ist doch genau das sein Anliegen: Stadt- und Straßenansichten zeigen, die man im Alltag nicht beziehungsweise nur ausschnitthaft wahrnimmt. Nun hat er mit seiner Foto- und Bearbeitungstechnik Relikte westsächsischer Industriekultur abgelichtet. Seine Schau "Industrie - Stadt - Bild" ist in fünf Städten der Region zu sehen, barrierefrei und ohne Eintritt.

Als Ort fürs Gespräch mit der "Freien Presse" schlug Dietrich die Promenaden im Leipziger Hauptbahnhof vor, wo er auf zwei Etagen einen Trabanten zur Ausstellung installiert hat. Aufsteller, die nicht wenige der vorbei schlendernden Konsumenten zum Stehenbleiben veranlassen, zeigen Häuserzeilen aus der Gründerzeit, Fabriken und Kulturpaläste im Großformat. Sie sind nicht rein funktional gehalten, sondern aus ihnen spricht in verschiedenen Stilen ein Wille zu Gestaltung, der den Alltagspassanten in der Regel entgeht. Denn immer verstellt irgendein Baum oder parkender PKW den Blick, sind die Straßen zu eng, um eine Frontalansicht zu ermöglichen. Hier springt Dietrich ein. Er nimmt die Straßenzüge oder in diesem Fall die Industriekulturbauten Stück für Stück auf und setzt diese Einzelbilder am Computer zusammen. Dazu schreitet er die Gebäude ab, achtet auf freie Sicht und möglichst viel Überlappung. Kleine Störenfriede im fertigen Bild kann er nachträglich herausretuschieren. "Ganz fertig ist ein Bild nie", sagt Dietrich, irgendein Detail könnte man immer noch verbessern. Für den Leipziger Industriepalast benötigte er beispielsweise 25 Einzelbilder, schätzt er; fürs Vogtländische Kabelwerk in Plauen ebenfalls. Letzteres ist Teil der Ausstellung, die der Wahlleipziger der westsächsischen Industriekultur gewidmet hat. Sein besonderes Interesse für die Region hat auch damit zu tun, dass er ursprünglich aus Werdau stammt. Er schätzt die regionalen Stadtarchitekturen, weshalb er die vom Kulturraum Vogtland-Zwickau ermöglichte Ausstellung gern realisiert hat, die in Reichenbach, Plauen, Crimmitschau, Glauchau und jetzt auch in Zwickau zu sehen ist. "Diese Gebäude sind Stadtbild prägend, wurden und werden zum Teil aber noch nie so gesehen wie auf meinen Bildern", sagt Dietrich. "Meine Darstellungsform macht sie anders sichtbar. Vielleicht erhöhe ich dadurch die Achtung mancher Bürger." Aus seinen mühevoll zusammengesetzten Mosaiken spricht seine Wertschätzung, die er gegenüber den Architekturen empfindet. Er möchte zudem nicht nur an Vergangenes erinnern, nicht zu Tränen rühren, sondern auch gegenwärtige Lebendigkeit abbilden. Denn nicht alle seine Bilder zeigen heute ruinöse Orte früherer Betriebsamkeit.

Über Umwege kam Jörg Dietrich zu seiner Profession - wie so oft aus Hobby. Der Anfang-40-Jährige studierte in Leipzig und London Biologie. "Als ich 2005 fertig war, sprach gerade alle Welt von Deutschland als 'armer Mann Europas' und es gab für mich keinen Job." Also orientierte er sich um. AB-Maßnahmen am Dresdner Hygienemuseum und dem Leipziger Umweltinformationszentrum brachten ihn mit dem Bereich Ausstellung in Verbindung. Fotografiert hatte er schon immer gern und urbanen Fassaden galt sein Interesse. Also startete er schließlich aus einer sicheren Angestelltenposition heraus in die Selbstständigkeit. Das war vor zehn Jahren. "Ich finde es spannend, zu visualisieren, wie unser alltägliches Stadtbild eigentlich aussieht." Denn auch wenn wir es tatsächlich im Vorbeigehen nur ausschnitthaft wahrnehmen, sind Gebäude und Straßenbebauung ja als Ganzes geplant. Darauf will Dietrich mit seinen Fotos, die er "Streetlines" nennt, hinweisen: "Ich möchte, dass man noch mal anders drauf schaut, Industriekultur ist oft als Wort so negativ belegt, mit Stillstand und Leere. Aber es passiert ja auch etwas, diese Gebäude sind nicht nur Last, sondern Chance."

So macht seine Ausstellung 16 historische Industriebauten aus der Region in völlig neuer Perspektive erlebbar. Und natürlich fügt sie sich als Teil prima ins Jahr der Industriekultur. In Sachsen hatte die Industrialisierung ihren Ursprung vor allem in der Textilindustrie und damit im eher ländlichen Raum. Hier fanden die Unternehmer angemessenen Raum und genügend Arbeitskräfte: Davon zeugen die industriellen Produktionsstätten und Bahnhofsbauten aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Sie sind aber nicht nur Ausdruck des damaligen wirtschaftlichen Aufschwungs, sondern auch von technischem Fortschritt und architektonischem Ausdruckswillen. Heute stehen viele davon leer, sind aber als Elemente der Stadtstruktur und Denkmale kulturelles Erbe.

Dietrichs Fotos finden sich in den fünf Städten als auf Schaufenster geklebte Drucke. Sie sind frei zugänglich im Stadtzentrum, befinden sich mittendrin. "Leer stehende Schaufenster findet man leider zuhauf in den Innenstädten", meint Dietrich. "Jetzt werden sie wenigstens zeitweise wieder genutzt. Und für uns sind sie als zentrale Ausstellungsorte von Vorteil." Damit stehen die Fotos in unmittelbarem Zusammenhang zum Stadtraum, was ihnen im Gegensatz zu konventionellen Museumsräumen noch einmal eine andere Wirkung verleiht. Die neue Darstellungsweise ermöglicht eine andere Sicht und schafft Aufmerksamkeit für die porträtierten Gebäude, die teilweise markante Orte ihrer jeweiligen Kommune sind. Mit ihnen sind Erinnerungen verbunden, aber auch Hoffnungen. Die Ausstellung soll anregen, darüber zu sprechen.

"Wir erinnern an die Vergangenheit, es geht aber vor allem um die Gegenwart und Zukunft", erklärt Judith Eittinger. Sie ist Mitarbeiterin beim Regionalbüro Zwickau des Kulturraum Vogtlands-Zwickau und für die dortige Ausstellung verantwortlich. "Mit positiven Beispielen wollen wir zeigen, was auch möglich ist. Das öffnet die Städte vielleicht mehr für Diskussionen, die ja ohnehin schon laufen. Aber es schafft inhaltlich noch einmal andere Verbindungen." In Zwickau werden Schaufenster in der Bahnhofsvorstadt zur Ausstellungsfläche, die als Brückenschlag zur Innenstadt selbst ein Kind der Industrialisierung ist.

"Wir haben Beispiele ausgewählt, die schon Beispiele sind für eine erfolgreiche Umnutzung", erklärt Eittinger. "Andere befinden sich derzeit im Prozess einer Umnutzung, wieder andere sind als Leerstand eine Herausforderung für die Stadtentwicklung." Über einige der Gebäude schwebt auch das Damoklesschwert des Abrisses. Unter den Exponaten befindet sich die Palla in Glauchau, das zu DDR-Zeiten als Textilwerk der größte Arbeitgeber der Region war. Mit dem Weisbachschen Haus in Plauen ist ein Vorreiter hiesiger Industriearchitektur dabei, auch die Zwickauer Kulturweberei und das Textil- und Rennsportmuseum Hohenstein-Ernstthal sind zu sehen. Natürlich wird auch die Alte Baumwolle in Flöha gezeigt, deren Nutzung unter anderem als Bibliothek, Kita und Vereinsheim sie zum neuen Zentrum des Ortes gemacht hat. Vor allem die positiven Beispiele sollen "zum Nachdenken und neu Denken anregen", sagt die verantwortliche Eittinger.

Mit der Diskussion über alternative Nutzungen können sich auch die Kommune und ihre Bewohner noch einmal selbst vergewissern und so manchen Moment der Lethargie abschütteln. Wie Jörg Dietrich selbst. Denn als er in Werdau aufwuchs, hatte er keinen Blick für die Schönheit der Industriearchitektur. "Ich fand das Industriegebiet dunkel und dreckig. Es hat mich nicht interessiert." Das änderte sich erst auf den zweiten Blick. Und einen solchen hofft er, auch mit seinen Fotos auszulösen. "Vielleicht kann ich so über zwei Ecken einen Impuls setzen und die Wahrnehmung erhöhen."

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