Schöne Unordnung

Der Chemnitzer Künstlerbund zeigt im Wasserschloss Klaffenbach Arbeiten seiner Mitglieder - ein abwechslungsreiches Nebeneinander von Formgestaltung über traditionelle Gemälde und Grafik bis zum Video.

Das "Superhirn" von Ulrich Eißner aus Dresden ist traurig, vielleicht, weil es die Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, nicht versteht. Das Objekt gehört zur Ausstellung des Chemnitzer Künstlerbundes.

Von Matthias Zwarg

Drei Flaschen bilden einen "Clan" - in der Arbeit von Ute Meinke, Designerin aus Olbernhau. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Auch die Heckenschere von Karl Clauss Dietel ist tatsächlich nur ein Gartengerät, obwohl es trotz seiner fröhlichen Farbigkeit bedrohlich im Raum hängt. Kein Wunder, dass das "Superhirn" von Ulrich Eißner aus Dresden etwas traurig ist. Vielleicht versteht es die Welt nicht mehr, die gerade aus den Fugen zu gehen scheint, in der ein bis vor kurzem noch herrschender Konsens aufgekündigt wird. Aber die Traurigkeit kann auch ganz andere Gründe haben - und es gibt außerdem viele lustige, optimistische, auch einfach nur schöne Objekte in der diesjährigen Werkschau des Chemnitzer Künstlerbundes im Wasserschloss Klaffenbach unter dem Motto "Vermischte Ordnung".

Gemälde, Grafik, Plastiken, ein Video, Formgestaltungen stehen, hängen, liegen in den wunderbaren Räumen des Renaissanceschlosses in schönster Unordnung nebeneinander. Allein das ist etwas Besonderes. Künstlerinnen und Künstler sind für gewöhnlich Individualisten. Dem Chemnitzer Künstlerbund, und das unterscheidet ihn von anderen Künstlerverbänden, gelingt es immer wieder, das Gemeinsame in der individuellen Kunst-produktion zu betonen - auch mit solchen Ausstellungen. Darüber hinaus setzt er sich auch kulturpolitisch dafür ein, den "Arbeitsplatz Kunst" zu sichern, wie es in einem Begleittext heißt.

Der Verein hat etwa 120 Mitglieder - ältere, jüngere, Profis und solche, die die Kunst als ambitionierte Laien betreiben, Chemnitzer, aber auch Erzgebirger, Vogtländer, Dresdner, Mittelsachsen. Viele von ihnen sind in der Ausstellung und dem begleitenden Postkartenkatalog vertreten. Da gibt es schon auch einige eher traditionelle Landschaftsbilder und Porträts, die dem Vorbild "ähnlich" sind, denen es aber (noch) an origineller künstlerischer Handschrift fehlt. Doch das macht nichts - im Gegenteil, es sorgt dafür, dass hier viele künstlerische Geschmäcker bedient werden.

Es finden sich von der aktuellen Politik inspirierte Kommentare - etwa in den Collagen von Raimund Friedrich. Es finden sich subtile, dichte Farbaufträge, bei Richard Kronenbourgh, Anklänge an den Chemnitzer Expressionismus bei Vadim Kochubeev und Polina Ko-chubeeva. Es gibt Abstraktes und Konkretes, von Klaus Helbig aus Plauen und Jörg Steinbach aus Chemnitz. Es gibt bedrückend enge Erzgebirgsansichten, verzweifelt graue, schwarze Bilder vom Verschwinden von Bernd Steinwendner, genial-luftig hingeworfene "Elegien" von Axel Wunsch, symbolhaft forsche Plastiken von Teo Richter und Christoph Roßner, subtile, filigrane Papier-, Textil- und Porzellangestaltungen von Sonja Näder, Heidrun Weismann-Kahl und Jacqueline Knappe.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Insgesamt gibt die Schau einen guten Überblick darüber, was Künstlerinnen und Künstler der Region in und um Chemnitz derzeit interessiert, womit sie sich im Beruf und aus Berufung beschäftigen. Es fehlt vielleicht etwas, das man als eine Art großen, existenziellen Aufschrei bezeichnen könnte - die Probleme im Land und in den Leben gibt es ja nicht erst seit dem Mord an Daniel H., seinen Folgen und seiner Instrumentalisierung. Manche Arbeiten beziehen eher eine Gegenposition zur rauen Realität, was ebenso legitim ist. Insgesamt aber spiegelt die Werkschau fast die ganze Vielfalt der Kunst wider. Neue Medien und genreübergreifende Arbeiten spielen eine eher geringe Rolle - sehenswert Ronald Weises Videocollage und eine Lichtinstallation von Anke Neumann -, aber das ist angesichts manchmal ausufernder selbstgefälliger technischer Experimente fast schon wieder erfrischend. Der schönen Unordnung, die man auch als Sinnbild des Lebens sehen kann, tut das gar keinen Abbruch.

Die Ausstellung "Vermischte Ordnung" des Chemnitzer Künstlerbundes ist bis 21. Oktober im Wasserschloss Klaffenbach zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Freitag 11 bis 17, an Wochenenden 11 bis 18 Uhr (ab Oktober bis 17 Uhr). Zur Ausstellung ist ein Postkartenkatalog erschienen.

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