Schwarmdummheit als ewiges Menschheitsphänomen

Optisch ist die Operette "Südseetulpen" an der Chemnitzer Oper durchaus ein Genuss. Nur die Musik hält da nicht mit.

Chemnitz.

"Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten." - Jeder hat diesen Spruch schon mal gehört, und mancher hat teuer dafür bezahlt, ihm gefolgt zu sein. Insofern ist das Thema der Operette "Südseetulpen" von Benjamin Schweitzer, die unlängst an der Chemnitzer Oper als Auftragswerk uraufgeführt wurde, so aktuell, wie es ein Werk dieses Genres sein kann: Im 17. Jahrhundert versuchen die Niederländer, mit Tulpenzwiebeln reich zu werden, im 18. Jahrhundert tun es ihnen die Engländer nach und vertrauen auf gute Geschäfte, die man angeblich mit der Ausbeutung der Südsee machen kann. Beides endet im Desaster, beide Phänomene hält die Finanzgeschichte als früheste "Blasen" fest, die irgendwann geplatzt sind.

Potenzial für aktuelle Bezüge gibt es bei dem Bühnenwerk also reichlich. So wie Stoffe für Operetten heute zuhauf auf der Straße liegen. Donald Trump etwa gäbe eine gute Buffopartie, wenn das Ganze (möglichst bald) doch noch glimpflich ausgehen sollte. Und man fragt sich, warum bis heute kein Berliner Impresario aus der Misere um den Hauptstadt-Airport eine Operette gemacht hat. Volle Häuser wären ihm sicher, und das Personal (er)kennt eh' jeder.

Für John Blunt (Reto Raphael Rosin) und George Caswall (Andreas Kindschuh), die beiden Protagonisten in den "Südseetulpen", die als Zeitreisende aus dem 21. Jahrhundert sowohl auf der Insel als auch bei den Oraniern als Finanzexperten auftreten, gilt zumindest vom Typ her dasselbe. Dass sie ins 18. Jahrhundert entführt werden, scheint sie nicht mal zu stören, auch wenn der Librettist Constantin von Castenstein aus diesem Umstand etwas hätte machen können. Dass er es nicht tut, heißt wohl: Solchen Leuten ist es egal, wo, wann und unter wem sie Geschäfte machen. Und in der Tat ähneln die Szenerien, die Regisseur Robert Lehmeier auf der von Tom Musch sinnigerweise als Plüschtheater (inklusive Backstagebereich) angelegten Szenerie auf die Bühne bringt, stark der heutigen Wirklichkeit: Die Angst, nicht zu partizipieren, wenn andere scheinbar ohne Arbeit reich werden, diese Schwarmdummheit ist in den Massenszenen gut zu spüren, ebenso wie die Bedenkenlosigkeit derer, die ihnen ihr Geld abnehmen. Telekom, Lehman & Co. lassen grüßen. An aktuellen Reizworten und -Objekten fehlt es auch nicht. Optisch aufgelockert wird das Ganze zudem etwa durch Kapitän Bragwater (Thomas Mäthger), der die Protagonisten als Wiedergänger von Käpt'n Blaubär durch den Atlantik und über den Ärmelkanal schippert, unterstützt von seinen Matrosen, zu denen Ingeborg Bernerth den männlichen Chor als Popeye-Klons ausstaffiert hat.

Optisch und von der Geschichte her stimmt also alles. Bleibt die Musik von Benjamin Schweitzer (43). Die kommt für dessen erklärte Absicht, das tote Genre "mit dem Defibrillator seiner Tonsprache" neu beleben zu wollen, zu ambitioniert-modern daher. "Weite Reisen muss man dafür nicht unternehmen", urteilte zur Uraufführung der Kritiker des Deutschlandfunks. Auch die "Neue Musikzeitung" vermisste den "musikalischen Treibsatz", der der Geschichte Schwung gibt.

Das ist es: Wenn diese Operette ein Genuss ist, dann vor allem optisch und trotz der Musik. Von der bleibt unabhängig von der vortrefflichen Sangeskunst des Ensembles und der Präzision des Orchesters unter Ekkehard Klemm wenig bis nichts haften, auch wenn der 2. Akt zumindest stellenweise spätromantische Anklänge aufbietet. Aber da ist nichts, woran man sich halten kann, was Wiedererkennungswert hat, was man unbedingt nochmal hören müsste. So wie es der Operette wesenseigen ist und wie es auch auf moderne Art funktioniert. Hier zeigt sich, scheint's, das Dilemma des Komponisten, der einerseits Operette machen will, andererseits glaubt, sich als zeitgenössischer Tonsetzer eine Blöße zu geben, wenn er Musik schreibt, an die man sich hernach erinnern kann. Das ist wie ein Gastwirt, der sich nicht entscheiden mag, ob er trockenen oder lieblichen Wein auf die Karte setzen soll und am Ende halbtrockenen anbietet.

Südseetulpen wird wieder am 2. und 24. Februar sowie am 16. März, jeweils 19 Uhr an der Chemnitzer Oper gespielt.

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