Schwarze Magie

Wer waren die wichtigsten Pioniere der Black Music? Ein kleiner Leitfaden zum Eintauchen in ein Protoplasma des Pop.

Obwohl Musik selbst keinerlei Hautfarbe kennt und nur gespielt, gehört und genossen werden möchte, unterteilen wir sie oft in Schubladen, die genau auf derlei Äußerlichkeiten abheben. So gilt etwa Heavy Metal meist als typische Angelegenheit des "weißen Mannes" und Jazz, Soul oder Blues als "Black Music". Deshalb ehrt dieser Artikel jene Pioniere, deren dunkle Hautfarbe in den 50er, 60er oder 70er Jahren im von Rassismus geprägten Alltag ihrer Lebenswirklichkeit ein oft gravierendes Hindernis verkörperte. Jene, die sich hiervon gleichwohl nicht eine Sekunde beirren ließen und trotz oft schlechter Ausgangsbedingungen diesen Faktor zur Hölle schickten, den weißen Mainstream infiltrierten und musikhistorisch wichtige Erneuerer waren. Auf übliche Verdächtige wie Billie Holiday, Jimi Hendrix, Miles Davis oder James Brown verzichtet dieser Artikel bewusst, denn deren Schatten wirkt oft allzu dominant.

Dinah Washington: die Crossover-Erfinderin

Ohne jeden Zweifel ist Dinah Washington eine der spannendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Karriere begann in den schäbigen kleinen Jazz & Bluesclubs im Chicago der frühen 40er. Später wurde hieraus die erste Frau überhaupt, die als Headlinerin in Las Vegas auftrat. Ihr Repertoir war für damalige Verhältnisse von einer Bandbreite, die nicht nur unüblich war und etliche Kritiker irritierte, sondern die sie ebenso zu einer der ersten Crossover-Sängerinnen machte: Egal ob Jazz, Blues, Country, Soul oder "weißer" Popsong: Sie umarmte alle Genres und stempelte diese mit ihrem unverwechselbaren Timbre.

In einer Ära voller Rassismus und Sexismus benahm die Afroamerikanerin sich ganz selbstverständlich wie ein weißer, männlicher Rockstar. Sie wechselte Schmuck, Pelze, Autos oder teure Schuhe ebenso oft wie ihre Lover. Bis zum Ende ihres kurzen Lebens war sie siebenmal verheiratet. Da kommt höchstens Liz Taylor mit. Ihr energischer Fahrstil war ebenso berüchtigt wie ihr ebensolches Mundwerk.

Washingtons Temperament und Stimmungsschwankungen sind ebenfalls legendär. Sie konnte fluchen wie ein Kutscher und lieferte sich Faustkämpfe mit Clubbesitzern und Reportern. Da auch ihre Band nie genau wusste, in welcher Gemütslage sie sich gerade befand, machte man vor Gigs aus dieser Not eine Tugend. Bei den Proben bereitete man sich auf bis zu fünf höchst unterschiedliche Setlisten vor - von introvertiert-melancholisch bis extrovertiert lodernd - um jederzeit spontan auf Dinahs Verfassung reagieren zu können. Entsprechend grandios waren ihre Konzertauftritte. Besonders herausragend: Die Shows beim Newport Jazz Festival. Gleichwohl: Washingtons Abhängigkeit von Schlankmachern, Schlafmitteln und Aufputschpillen bei heftiger Alkoholsucht machten das Ganze nicht einfacher und sollte sie 1963 mit nur 39 Jahren das Leben kosten. Der Anspieltipp "Cry Me A River" wurde unter anderem von Julie London, Shirley Bassey, Ella Fitzgerald oder Diana Krall gesungen. Doch sie alle können sich nur hinter Dinahs 1959er Version anstellen ohne je an ihr vorbeizukommen.

"Cry me a river" wurde von Shirley Bassey, Ella Fitzgerald oder Julie London gesungen. Am besten ist aber Dinah Washingtons Version von 1959:

 


Bobby Womack: vom Bordstein zur Skyline

Es ist stets wundervoll, wenn Film und Soundtrack von erlesener, einander ergänzender Qualität sind. "Across 110th Street" aus dem Jahr 1972 ist schon für sich genommen ein großartiger Thriller und verdienter Klassiker des Blaxploitation-Genres; auch dank des Aufspielens vom ungleichen Duo Anthony Quinn und Yaphet Kotto.

Die gesamte Filmmusik steht dem in nichts nach, funktioniert indes auch ohne den Streifen. Absoluter Höhepunkt ist Bobby Womacks energisches Titelstück. Jede Silbe, jeder Ton atmet die Leidenschaft eines Mannes, der endlich fortwill von der falschen Seite der Stadt mit ihren Schatten, ihrer Gewalt und bitteren Armut. Man spürt in jeder Sekunde die Brechstange seines unbedingten Willens, endlich die Grenze in Form der separierenden 110th Street zu überwinden. Dies verknüpft sich mit sexy Groove zur feurigen Hymne für ein besseres Leben.

Womack ist auch deshalb so berückend, weil der Text sein eigenes Schicksal spiegelt. Mittels seiner Musik komponierte und sang er sich buchstäblich aus dem Ghetto heraus. Die Familie Womacks war in dessen Kindheit zeitweise so abgebrannt, dass sie von entsorgten Schweineschnauzen lebten, die er und seine Brüder aus den Mülltonnen von Supermärkten fischten. Womack: "Die Hood war so verdammt Ghetto, dass die Ratten uns nicht behelligten - und wir sie auch in Ruhe ließen."

"Fly Me To The Moon" bildete 1968 die Startrampe zur Weltkarriere des Sängers Bobby Womack, der sich aus dem Ghetto hochschuftete:

 


Luther Ingram: Sounds zum Seitensprung

Die Versuchung des Seitensprungs, die Verruchtheit der Affäre, das schlechte Gewissen gegenüber der Familie und die alles beiseitewischende Erotik des Subjekts der Begierde! All das bietet der 1972er-Soul-Evergreen "If Loving You Is Wrong". Stax' Songwriter schrieben diesen Klassiker ursprünglich für The Emotions. Zu einer Veröffentlichung kam es jedoch nicht. Gut so! Denn das Weiterreichen an Ingram hat sich mehr als gelohnt: Sein schmachtender Gesang in Verbindung mit dem herrlich schwülen Softcore-Sound des Arrangements, erobert den Track komplett. Obwohl zahllose, auch sehr gelungene Varianten von unter anderen von Isaac Hayes, Millie Jackson, Percy Sledge oder Ramsey Lewis existieren: Ingrams Urversion bleibt das Maß aller Dinge - sein Gesang verkörpert vortrefflich den Reiz des Verbotenen.

"If Loving You Is Wrong" ist ein Klassiker der Liebesballaden, der die Irrungen des Herzens mit schmerzlicher Wärme umhüllt:

 


Isaac Hayes: "Black Moses" des Soul

Die meisten schätzen diesen Musiker sicherlich als Komponisten des legendären "Shaft"-Soundtracks, andere kennen ihn durch seine Rolle in "South Park". Und einige aus der örtlichen Scientology-Gruppe in Memphis, Tennessee fragten sich vor 20 Jahren womöglich, warum ihnen der Sitznachbar mit der sonoren Stimme so bekannt vorkam. Dies alles ist für die wichtigste, bahnbrechende Platte des "Black Moses" gleichwohl unwichtig. Das gesamte Album "Hot Buttered Soul" (1969) ist ein Meilenstein der Musikgeschichte; sein Opener "Walk On By" ein erotischer Burner für die Ewigkeit und jedes wichtige Date. Nach dem opulenten Einstieg rollt die Gitarre einen hypnotisch twängenden Groove aus, der bereits den Seventies-Funkrock vorwegnimmt. Simultan singt Hayes sich zu wohldosiertem Streicher-Pomp - der auch jeden James-Bond-Soundtrack adeln würde - das gebrochene Herz aus dem massigen Leib.

Als besonderer Clou fungieren kongeniale weibliche Backing-Vocals und geben dem Song seinen essentiellen Kick. Im Verlauf übernehmen Gitarre und Hayes schmirgelnde Orgel das letzte Kommando und kochen den Sud zur schwitzenden Ekstase hoch. Besser und attraktiver kann man Soul nicht machen.

"Walk On By" bildet einen frühen Grundpfeiler des Funk, auf dem Sänger und Gitarrist Isaac Hayes seinen Legendenstatus errichten konnte:

 


Oscar Peterson: Maharaja der Tasten

Höchst selten kommt es vor, dass Musikgenies - und Oscar Peterson darf man ein solches nennen - sowohl als Begleiter wie auch als Solisten bahnbrechende Akzente setzen. Sein ebenso virtuoses wie sinnliches Pianospiel rückt ab Mitte der 40er-Jahre unter anderen Fred Astaire, Ella Fitzgerald, Herbie Hancock, Billie Holiday, Louis Armstrong, Lester Young, Count Basie, Charlie Parker, Quincy Jones oder Dizzy Gillespie ins rechte Licht. In Ansehung von Petersons überragenden Fähigkeiten und seiner Sensibilität, sich auf jeden Partner perfekt einzustellen, verleiht Duke Ellington dem Kanadier den Beinamen "Maharaja der Tasten".

Solo bringt er es mit seinem Trio beziehungsweise Quartett auf über 50 Langspielplatten, darunter sein Klassikeralbum "Night Train" (1963, mit einer grandiosen Interpretation des gleichnamigen Ellington-Stückes) oder die brillante "Easter Suite" (1984 für die BBC), in der er sich der Klassik bediente. Besondere Akzente setzte er ebenso als Filmmusikkomponist. Unter diesen Scores befindet sich auch das Signaturstück "Blues For Allan Felix". Bereits in seinem erfolgreichen Broadway-Theaterstück "Play It Again, Sam" baut Woody Allen eine Hommage gen Peterson ein. Entsprechend begeistert komponiert und spielt der Pianoman diesen Track für Allens gleichnamigen Film von 1972 mit Diane Keaton. Getreu dem namensgebenden Hauptcharakter Allan Felix verleiht Peterson den nicht einmal drei Minuten einen leicht nervösen Grundton ohne dabei das zentrale Blues-Thema zu dekonstruieren oder degradierend in den Hintergrund zu drängen.

Lässig, locker und mit einer flockigen Leichtigkeit ausgestattet, transportiert sein Lied nahezu perfekt die komödiantische Grundstimmung des Films. Entsprechend breit setzt Woody Allen die Nummer in einer großen, hochkomischen Szene ein.

"C-Jam-Blues", hier in einer Liveaufnahme aus dem Jahr 1964, zeigt die große Pianomeisterschaft des Tausendsassas Peterson:

 


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