Schwarzes durch die rosa Brille

Seit Jahren kümmert sich der MDR anlässlich des WGT recht engagiert um die Gothic-Szene. Nun will man den Ausfall des dunklen Pfingsttreffens mit etlichen Filmdokus kompensieren - und zeigt ärgerliche Rohrkrepierer.

Leipzig.

Dass man sich beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ein herzlich schiefes Bild von der weltweiten Gothic-Gemeinde abholen kann, ist mittlerweile ein ebenso alter wie bequemer Hut: Längst hat sich die Schwarze Szene damit arrangiert, dass sie in der breiten Öffentlichkeit als eine Art dunkelbunter Gegen-Karneval gesehen wird, dessen liebevoll-bizarre Erscheinung meist positiv aufgenommen wird. Zu schön ist die mit dem Frieden einhergehende Ruhe, in der man letztlich gelassen wird. Warum also aufregen, wenn "Goth" auf die immer gleichen Fotostrecken jener überschaubaren extrovertierten Kostümträger geschrumpft wird, welche die routinierte bundesdeutsche Fotojournalistenschar redaktionell bestellt beim "Viktorianischen Picknick" aus der Hüfte schießt und die dann mit Stehsatz-Hinweisen dazu garniert werden, wie "vielfältig" diese Szene sei, die ja touristisch brav einige Euro-Millionen in der Stadt lasse.

Dass das dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) seit ein paar Jahren nicht mehr genügt, ist prinzipiell lobenswert und wird von den Protagonisten, die in der Anfangszeit des Treffens ja oft Ablehnung bis Anfeindung ausgesetzt waren, als angenehmer Wandel goutiert: Der Sender ist auf WGT-Kurs eingeschwenkt und versucht redlich, die Schwarze Szene hintergründiger als gewinnbringendes Kulturgut darzustellen - zugänglich und informativ.

Wie schnell aus diesem "gut gemeint" dabei aber das berühmt-berüchtigte "Gegenteil von gut" wird, demonstrieren nun anschaulich die Filmdokumentationen, mit denen der Sender aktuell über den Corona-bedingten Ausfall des WGT hinwegtrösten will: An den dort gezeigten Analysen zur "Schwarzen Szene" stimmt unterm Strich nur wenig, und vieles ist bei ernsthafter Betrachtung ärgerlich falsch. Dabei hätte es sich journalistisch wirklich gelohnt, genauer hinzusehen, statt schlicht die oft windschiefen Legendenbildungen einiger Protagonisten durchzupausen.

Los geht das mit der Mär eines globalen Phänomens: Ja, es gibt im Internet-Zeitalter Anhänger der Subkultur weltweit. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schwarze Szene selbst in der Hochburg Deutschland sehr klein ist und zudem seit Jahren schrumpft: Was man jedes Jahr in Leipzig sieht, das ist wirklich so ziemlich die ganz globale Community plus Zaungäste, und das WGT ist einer ihrer letzten verbliebenen Höhepunkte. Und dann ist da die Legende von Tiefe und Kreativität, deren Behauptung zwar zu den Gründungsmythen des hiesigen Gothic gehören, die aber im eklatanten Widerspruch zu dem dürren Eigen-Output der Szene stehen.

Das Phänomen, dass die Schwarze Szene viele ihrer liebsten Bands passender Inhalte wegen "von außen" adaptierte und diese dann auf das dunkle Publikum einschwenkten, wird völlig vernachlässigt. Als Hauptzeuge für die Szenekreativität wird prominent Bruno Kramm von der Band Das Ich herangezogen, deren Debüt zwar wirklich eine wichtige Säule des frühen Schwarzseins bildet, die danach aber nur noch wenig beigetragen hat. Auszuleuchten, warum im Vergleich zu anderen Subkulturen so wenig aus der Szene selbst kommt, etwa auch am Beispiel der sagenhaft unterirdischen schwarzen Musikmagazine, wäre spannend gewesen - stattdessen muss man die These indirekt dadurch stützen, dass man die größten deutschen Schwarz-Phänomene wie Blutengel oder Unheilig in ihrer unterhaltsamen Niedrigschwelligkeit außen vorlässt. Richtig absurd wird es, wenn der Szene ein Großeinfluss auf Hollywood-Filme oder Phänomene wie die Nine Inch Nails unterstellt wird - in Umkehr der Tatsache, dass der Hase umgedreht lief.

Dazu schafft es der (immerhin ostdeutsche!) Sender, über das besondere Gewicht des Ostens für die Schwarze Szene nur Westdeutsche zu befragen - darunter "Experten" wie Markus Kafka, der inhaltlich naturgemäß nur so viel betragen kann wie Franz Beckenbauer zum Federball. Schade ist auch, dass es komplett versäumt wird, kritische Aspekte aufzugreifen und einzuordnen: Dass etwa die rechtsextreme Identitäre Bewegung nicht wenige Wurzeln im schwarzen Neofolk der 90er- und Nullerjahre hat, wo einige ihrer Ideen weitgehend unbehelligt gedeihen konnten, wäre durchaus eine fundierte Betrachtung wert gewesen. Aber die fehlende Kritikkultur ist letztlich ja einer der Gründe, warum die Szene sich in den aktuellen Dümpelzustand versetzt hat.

Das MDR-Special mit allen Beiträgen rund um das WGT und den Gothic finden Sie unter freiepresse.de/mdrschwarz

 

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