Sebastian Krumbiegel: "Mit AfD-Wählern reden"

Der Prinzen-Sänger über seine "Courage-zeigen"-Lesungen, Angst und Michael Kretschmer.

Leipzig/Bad Elster.

Seit Frühjahr 2017 tourt Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel mit seiner Autobiografie "Courage zeigen: Warum ein Leben mit Haltung gut tut" durch Deutschland, um gegen Rechtsextremismus und für Demokratie zu trommeln. Der Leipziger will dabei den Menschen "auf der richtigen Seite der Barrikade", wie er sagt, Mut machen - er selbst war 2003 von Skinheads angegriffen worden. Von einer im linken Lager recht populären Gesprächsverweigerung gen Rechts hält er dabei aber nicht viel. Nun führt ihn die Lesetour morgen ins Vogtland, nach Bad Elster. Tim Hofmann hat zuvor mit Sebastian Krumbiegel gesprochen.

Herr Krumbiegel, was hat Chemnitz im letzten Herbst für Sie verändert?

Sebastian Krumbiegel: Ich war gar nicht so überrascht von den Ereignissen. Wir wussten in Sachsen doch schon lange, was da gärt unter der Oberfläche. Ich will das sicher nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren. Es ist wie es ist, wir müssen weiter die Augen offenhalten. Da sind ja so viele Sachen, die noch nicht aufgearbeitet sind: Wir müssen weiter über den NSU nachdenken. Wir müssen darüber nachdenken, wie die AfD den demokratischen Diskurs durcheinanderbringt. Wir müssen darüber reden, dass Rechte im Internet Listen mit potenziellen Zielen veröffentlichen. Ich stehe da auch mit drauf - aber, ehrlich: Ich wäre fast beleidigt, wenn das nicht so wäre, und ich habe keine Angst. Insofern hat Chemnitz für mich nicht all zu viel verändert.

Dass Sie 2003 angegriffen wurden, konnte man ja fast noch als Pech begreifen. Mittlerweile sinken aber die Hemmschwellen zur Gewalt immer mehr. Das macht Ihnen keine Angst?

Was sollen wir denn machen? Ich sehe mich wirklich nicht als besonders mutigen Menschen. Aber ich bin erzogen, mich für ein paar Sachen gerade zu machen, und Angst ist da ein schlechter Ratgeber.

Sie sind auch in viele kleine Städte gegangen. Kommen da eher Leute zur Selbstvergewisserung, oder erreicht man wirklich die "andere Seite"?

Es stimmt schon, dass man sich da gegenseitig auf die Schulter klopft. Ich finde das aber wichtig. Gerade, wenn man das Gefühl hat, in die Minderheit zu rutschen. Was in vielen kleinen sächsischen Städten ja durchaus der Fall ist. Da muss man den Leuten Rückenwind geben, die auch in den Problemlagen für demokratische Grundwerte einstehen. Ich bin nicht gern gegen etwas, ich bin viel lieber für etwas. Aber wenn ich für die Demokratie einstehe, dann muss ich ganz klar gegen Rassismus oder Antisemitismus sein und Dinge klar benennen. Gerade in Sachsen. Das sieht man ja Gott sei Dank mittlerweile selbst in CDU-Regierungskreisen so. Das war hier ja nicht immer der Fall. Mittlerweile nimmt das Thema vor allem Ministerpräsident Michael Kretschmer aber echt ernst.

Glauben Sie das wirklich?

Ja. Wir haben bald Landtagswahl, da geht vielen Politikern die Düse, und wenn wir nicht aufpassen, haben wir ganz schnell eine Koalition von AfD und CDU. Kretschmer steht da noch dazwischen. Ich verteidige ihn mittlerweile, weil ich erlebt habe, wie er in seiner Ostritzer Rede spontan den Schulterschluss hergestellt hat zwischen Bürgerlichen und Linken, gegen Rechtsextreme. Ich bin in vielen Punkten sicher kein Fan von ihm, aber im Kampf gegen Nazis ist er klar. Seine CDU ist nicht mein Feindbild - das ist rechtsaußen!

Es wird mittlerweile oft gesagt, dass die Spaltung zwischen Ost und West der Grund für den Rechtsruck sei. Ist da was dran?

Ja. Aber ich finde auch, dass man es sich viel zu leicht macht, darin den einzigen Grund zu sehen. Immerhin haben auch in Westdeutschland Rechte Konjunktur. Es hat aber auf jeden Fall viel mit diesem deutsch-deutschen Riss zu tun. Deswegen finde ich auch, dass man mit den Leuten reden muss, die zu Pegida rennen oder AfD wählen. Ich weiß, dass das nicht jeder so sieht, halte es aber für enorm wichtig. Man darf den Führungspersönlichkeiten kein Podium geben, klar. Aber den Wählern sollte man nicht die Tür zuschlagen. Alle AfD-Anhänger als Nazis oder Rassisten einzuordnen, finde ich kontraproduktiv. Es gibt Gegenden in Sachsen, da haben 50 Prozent AfD gewählt. Das können ja nicht alles Idioten sein. Man muss versuchen, die zu kriegen.

Gelingt es Ihnen mit "Courage zeigen", solche Gespräche anzufangen?

Durchaus. Ich versuche, den Perspektivwechsel hinzubekommen und mich in andere reinzuversetzen: Warum denkt der so? Natürlich muss man kritisch bleiben, natürlich kann man keinen Rassismus akzeptieren. Aber man muss versuchen, an die Leute ranzukommen. Das ist doch der Sinn einer Diskussion, dass man ergebnisoffen eine Verständigung sucht. Die Grenzen zwischen den Meinungen sind doch mitunter fließend. Man muss versuchen, auch wenn es grenzwertig ist, den Dialog aufrechtzuerhalten und neben den Differenzen immer auch die Schnittmengen suchen.

Die Lesung

Sebastian Krumbiegel ist mit seiner musikalisch begleiteten Autobiografie "Courage zeigen" morgen um 19.30 Uhr im König-Albert-Theater Bad Elster zu erleben.

Bewertung des Artikels: Ø 2.6 Sterne bei 5 Bewertungen
10Kommentare
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  • 2
    1
    Einspruch
    12.01.2019

    Sehr gnädig von Krumbiegel, das andere auch eine Meinung haben dürfen und man mit ihnen reden sollte. Ach Leuten , die ohne grün bunte Weltsicht auskommen und die reale Probleme sehen können oder wollen, wird zugestanden, ein Teil der Gesellschaft sein zu dürfen.

  • 3
    3
    Tokru
    12.01.2019

    Auf mich wirkten die meisten Antworten von Herrn Krumbiegel einfach nur oberlehrerhaft.

  • 4
    5
    Blackadder
    12.01.2019

    @blacksheep: "Schon vergessen das lange Zeit jeder AfD wähler oder Pegida geher wahlweise als Idiot, Nazi oder Rassisst auch von Ihnen abgestempelt wurde? "

    Das haben Sie so von mir nie zu lesen bekommen! Das ist eine Lüge. Wenn Sie dazu Zitate bringen können, gerne. Was Sie nicht werden, weil das nicht mein Niveau ist.

  • 5
    4
    BlackSheep
    12.01.2019

    @Blackadder, Sie sollten nicht nur das Verhalten der anderen sondern auch mal Ihr eigenes anschauen. Schon vergessen das lange Zeit jeder AfD wähler oder Pegida geher wahlweise als Idiot, Nazi oder Rassisst auch von Ihnen abgestempelt wurde? Wie man in den Wald reinruft so kommt es halt wieder raus.
    Auch an den Äußerungen von Herrn Krumbiegel merkt man doch das die selbstgefällige Arroganz gegenüber Menschen mit anderen Meinungen immer noch gross ist.

  • 3
    5
    Interessierte
    11.01.2019

    Ich möchte mich aber nicht mit Ihnen unterhalten ; ich habe Ihnen schon mehrmals zugehört und ich bin anderer Ansicht / Meinung als Sie , da kämen wir also nicht unter einen Hut , da ich mich auch nicht würde ´mitnehmen` lassen wollen , das wäre schade um die Zeit

  • 5
    3
    Malleo
    11.01.2019

    Das ist ja schon einmal ein guter Ausgangspunkt für das Gespräch, wenn Herr Krumbiegel zumindest einigen AfD Wählern zugesteht, dass sie keine Idioten sind.
    Damit hebt er einige wenige auf sein intellektuelles Niveau.
    Die kognitiven Fähigkeiten linksautonomer Aktivisten werden hier bewusst ausgeklammert.
    Vielleicht sollte Herr Krumbiegel aber vor Beginn des Gespräches sich selbst eine Frage stellen und auch beantworten.
    Warum werden seit langem in diesem Land Menschen, die sich gesellschafts- und regierungskritisch äußern und damit nicht im mainstreem liegen, heißt, dem Ansatz „Wir sind bunt“ oder „Refugees are welcome“ nicht mit wehenden Fahnen folgen und das auch mit nachvollziehbaren Argumenten begründen, nicht mehr gehört und vielmehr in die Schmuddel Ecke gestellt?

  • 4
    11
    Blackadder
    11.01.2019

    @Deluxe: So verheerend das für Sachsen auch wäre, ich glaube das mittlerweile auch.

  • 6
    2
    Deluxe
    11.01.2019

    Endlich spricht einmal jemand offen aus, was die meisten denken:

    "haben wir ganz schnell eine Koalition von AfD und CDU."

    Genau so wird es kommen, weil die CDU an der Macht hängt.

  • 5
    13
    Blackadder
    11.01.2019

    Leider ist das aber bei AfD Wählern häufig so, dass schnell auf Beleidigungen zurückgegriffen wird. Merke ich bei Twitter sehr. Gilt übrigens auch für Trump- oder Brexit-Befürworter. 2-3 normale Antworten und danach kommen meist gleich Beleidigungen. Schade, dass der Diskurs so verroht ist.

  • 7
    0
    DTRFC2005
    11.01.2019

    Da hat er Recht, Reden hilft, außer die Person setzt ein deutliches Zeichen, das sie nicht bereit ist zum GEGENSEITIGEN Respektierenden Meinungsaustausch.



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