Seeed: Über alle Grenzen

Sie sind zurück! Auch nach dem Tod von Sänger Demba Nabé lassen sich die Berliner mit neuem Album in der ausverkauften Arena Leipzig ihren selbst gewählten Auftrag nicht nehmen: Tanz für Alle!

Leipzig.

Unbeschwerte gute Laune und weltoffene Lockerheit sind momentan wohl nicht die typischsten deutschen Aushängeschilder. Zum Glück ist mit Seeed wenigstens einer der zuverlässigsten musikalischen Gute-Laune-Garanten zurück und bescherte am Samstagabend der Arena Leipzig eine große Woge kosmopolitischer Euphorie. Als einzige Tour-Station in Sachsen war das Konzert der Berliner Reggae- und Dancehall-Könige schnell ausverkauft, ebenso der Zusatztermin Ende November.

Sieben Jahre nach ihrem letzten Wurf donnert das neue Album ein lautes "Bam Bam" durch das 21. Bandjahr und aktuell die größten Konzerthallen des Landes. Ein Comeback freilich mit einem langen Schatten: Im Mai 2018 starb mit Sänger Demba Nabé überraschend einer der kreativen Köpfe Seeeds und stürzte die Band in ein tiefes Loch, die deutsche Bühnenlandschaft zunächst ebenso.

Auch am Samstag in Leipzig bleibt die Lücke sicht- und spürbar: Das ehemalige Fronttrio ist zum Duo geschmolzen und aller Partylaune zum Trotz gewähren Seeed ihrem einstigen Caballero einen bewegenden Moment der Andacht in der Mitte des Konzerts: Im Smartphone-Lichtermeer ertönt im Song "You & I" Nabés Stimme vom Band, den leeren Platz zwischen den verbleibenden Peter Fox und Dellé bescheint ein schlichter weißer Lichtkegel.

Allzu große Traurigkeit herrscht jedoch weder davor noch danach: Seit Seeed unter frenetischem Jubel anstelle eines Intros die Bühne betreten haben, scheint wieder Sonne im herbstfeuchten Leipzig. Reggae-entspannt starten sie mit den neuen Songs "Ticket" und "Lass sie gehen", die beide eine klare Message tragen: Keine Angst vor Neuanfang, irgendwie geht es immer weiter. Doch der Beat lauert schon: Bald gibt das Bühnenbild zwei überdimensionale Boxenturm-Leinwände frei, die fast spürbar vom Bass vibrierende Membranen zeigen oder die Feature-Sänger/Innen aus aktuellen Songs optisch in die Halle holen. Zum neuen, konsumkritischen Dancehall-Kracher "Geld" drehen sich passend riesige goldene Phallusse im Bild.

Spätestens ab dem Hit "Augenbling" hält keiner der über 12.000 Fans mehr still, auch die Sitzflächen verwaisen. Denn der Sound von Seeed dringt zuerst über Beine, Bauch und Herz in den Körper: "Habt ihr den Rhythmus?", rufen Fox und Dellé in den Saal, Leipzig hat ihn. Immer wieder streuen die Herren ihre charakteristischen Choreografie-Elemente ein, den unverwechselbar abgebremsten Kehrschritt macht man zum Beat ohnehin fast automatisch mit.

Und die Rhythmusmaschine steht nicht still: Da geht der entspannt groovende Reggae per Beat-Überleitung nahtlos in fett bouncende Dancehall-Bretter über. Viel Zeit mit Ansagen vergeuden sie nicht, auch so ist es selbstverständlich: Die Einladung zum Tanzen gilt hier inklusiv und weltoffen für Alle. Ein großes Herz und offene Augen gehören automatisch dazu, wie Seeed im bejubelten Song "Komm in mein Haus" betonen.

Dass dieser Tanz über Grenzen auch in Leipzig mühelos gelingt, veranlasst Fox zum hoffnungsfrohen Abschiedsstatement: "Glaubt nicht, was die anderen sagen. Sachsen ist gar nicht so scheiße!"

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