Sehnsucht nach dem Messias

Alle Jahre wieder verspricht eine der schönsten, klügsten Geschichten der Welt Hoffnung in der dunkelsten Zeit des Jahres - ob im Schauspielhaus mit einer Komödie oder im echten Leben. Manchmal aber gerät die Hoffnung auch auf Abwege.

Chemnitz.

"Die Geburt Jesu in Bethlehem ist keine einmalige Geschichte, sondern ein Geschenk, das ewig bleibt", befand Martin Luther. Und weil man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, wohl aber dem Volk auf dasselbe schauen soll, ist die Geschichte von der Ankunft des "Messias" in der Welt ein stetiger Quell der Inspiration - und findet seinen Widerhall auch in der modernen Sehnsucht nach dem "Supermann", nach "Überzeugungstätern", wie es der Leipziger Philosoph Christoph Türcke in seinem aktuellen Buch über Martin Luther schreibt, und in der diesjährigen Weihnachtskomödie des Chemnitzer Schauspielhauses.

Überzeugungstäter sind auch die beiden Gelegenheitsschauspieler Theodor Stolze Stadermann, kurz Theo, und Bernhard, die sich im Foyer des Schauspielhauses mit der Weihnachtsgeschichte in Form der Komödie "Der Messias" des Engländers Patrick Barlow abmühen. Mangels Material und Personal übernehmen sie alle Rollen selbst, unterstützt lediglich von der weitgehend talentfreien, aber sehr bemühten Opernsängerin Erna Timm. Unter der Regie von Matthias Nagatis, der auch für das spartanisch-chaotische Bühnenbild und die fantasievoll wechselnden Kostüme verantwortlich ist, spielen Philipp Otto (Theo), Martin Valdeig (Bernhard) hin- und mitreißend alle Rollen selbst, während Susanne Stein als hilfreiche Opernsängerin höchst vergnüglich mit Weihnachtsliedern aus aller Welt und an allen passenden und unpassenden Stellen nervt.

Die beiden Mimen wollen "Theater für alle" machen und setzen auf die "lärmenden Volksmassen", die Theaterzuschauer, die zwar nicht "wir sind das Volk" schreien dürfen, wohl aber "Mach dich heeme" und "wir sind keine Schafe", weil sie irgendetwas gegen die anstehende Volkszählung haben. Das macht sich gut beim "Montagsgebet", und selbst wenn Bernhard denkt, Nazareth sei doch der Ort, "wo man kranke Leute hinbringt", hat das noch einen hintersinnigen Unterton.

Denn es sind ja die an der Welt "kranken Leute", die im Jesus der Weihnachtsgeschichte Trost suchen und finden - oder eben in anderen Supermännern. Mit vielen aktuellen Bezügen holt das Theater die Geschichte in die Gegenwart - das funktioniert auch deshalb so gut, weil Luther den biblischen Text in lesbares Deutsch gebracht hatte, auf das wir noch immer zurückgreifen können - sein eigentliches Verdienst übrigens, wie Christoph Türcke meint und ihm auch bescheinigt, dass er den Ablasshandel - eigentlicher Anlass der 95 Thesen - als das Grundübel der damaligen katholisch-päpstlichen Kirchenpraxis ansah und damit die Reformation samt ihrem Jubiläum im nächsten Jahr auslöste. Denn der Kauf von Ablassbriefen ermöglichte es, sich "ohne jede Reuebezeigung" von seinen Sünden lossprechen zu lassen. Wie aber sollte "ohne Herzensreue Vergebung möglich sein?" interpretiert Christoph Türcke den Gewissenskonflikt Luthers.

Daran denken Theo und Bernhard nicht, wenn sie Jesus von Nazareth ein "Supertalent" bescheinigen, während Herodes in der Maske eines Horrorclowns dem Kind nach dem Leben trachtet, denn es sei "so eine Art Messias", was wiederum diversen Hirten und Königen eine Erleuchtung beschert, wobei Bernhard anmerkt, dass "Erleuchtung das höchste Stadium der Verwirrung" sei. Womit die Komödie unvermittelt und fast beiläufig immer wieder die alltägliche Tragödie berührt: die Suche nach dem starken Mann, dem Heilsbringer, der alle echten Probleme löst, ohne dass wir uns selbst an dieser Lösung beteiligen, ohne dass wir uns selbst bescheiden und behutsam miteinander arrangieren müssen. Denn: Ablass ohne Buße, Steuerbetrug ohne drückende Strafe, Gesetze für Geringverdiener, Arbeitslose, Benachteiligte, unter deren Last die nie leiden müssen, die sie beschließen - das mögen auch Anlässe dafür sein, die viele Menschen heute gegen "die da oben" auf die Straße oder an die populistischen Wahlurnen treiben. Dann erscheinen ein Trump oder eine AfD als eine Art Messias, die sich gegen den Mainstream, gegen ein Establishment stellen - dessen gewendeter Teil sie doch nur sind. Auch dieser Wahl liegt eine Hoffnung zugrunde, aber sie geht in die falsche Richtung und kann sich nur selbst demontieren wie die auf alle Messiasse der Neuzeit.

Bisher hat sich einzig der Jesus der Christengeschichte als alltagstauglicher, nicht nur allweihnachtlicher Messias gehalten - weshalb er sich auch fürs Unterhaltungstheater wie eben die Komödie von Patrick Barlow eignet. Vielleicht weil er als ein Verkünder des Friedens und des Mitgefühls gesehen wird - was anderen, die sich zum Messias küren lassen wollten und wollen, völlig abgeht. Und weil er ein Ende der plumpen Äquivalenz, der "Gleichwertigkeit", predigt, des "gerechten Lohns", der "gerechten Strafe", des "wie du mir so ich dir". Wo Gleichnisse in der Bibel "unzweifelhaft" auf Jesus zurückgehen, so Christoph Türcke in "Jesu Traum", "ist ihre Signatur der Überschwang, das Unmaß, die Bedingungslosigkeit. Das kann das Übermaß des Erbarmens sein ..., aber ebenso das Unmaß der Lohnauszahlung wie bei den Arbeitern im Weinberg ..." Und eben Liebe als eine Form der Heilkraft, die jeder geben kann, geben muss, wenn ihm die Welt am Herzen liegt: "Sie kalkuliert nicht; sie überschüttet den Lieblosen grund- und bedingungslos mit Zuneigung und Zuwendung und lässt seine Verhärtung und Verstockung in tiefer Beschämung schmelzen, aber nicht, um zu triumphieren und sich an der Scham zu weiden", so der Philosoph Türcke.

In Barlows Stück klingt auch dies an - ironisch und ganz ernsthaft. Zunächst kommen die Hirten, um Jesus "zu preisen" - und er ist "gepreist", wenn ihm ein Preisschild aufgeklebt wurde. Dann aber sehnt sich die arme, unterschätzte, gutwillige Erna Timm danach, einen Engel zu sehen. Aber sie verpasst die Erscheinung knapp. Viel Applaus - das ist auch eine Hoffnung.

Nächste Aufführungen für "Der Messias" im Foyer des Chemnitzer Schauspielhauses am 6., 7., 10., 14., 20., 21. und 22. Dezember. Kartentelefon: 0371/4000430.

www.theater-chemnitz.de

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