Seinen Namen kennt kaum jemand, seine Musik aber fast jeder

Pop-Komponist Christian Bruhn über Publicity, Vereinfachung, kollegiale Sympathie und schlechte Coverversionen

München.

Wer nach dem Krieg im deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist, konnte und kann sich seinen Melodien unmöglich entziehen. Schlager wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder "Liebeskummer lohnt sich nicht" sind altersübergreifende Feten-Hits. Die Titelsongs der Trickserien "Heidi", "Sindbad" und "Wickie" kennt bis heute jedes Kind. Auch die Themen aus den TV-Serien "Captain Future" und "Timm Thaler" sorgen nach wie vor für Gänsehaut. Der Komponist hinter all diesen Ohrwürmern heißt Christian Bruhn und ist 84 Jahre alt. Während sich so mancher Kollege selbst gern im Licht der Scheinwerfer sonnte, hielt sich der gebürtige Norddeutsche stets im Hintergrund. Die Film-Dokumentation "Meine Welt ist die Musik" von Marie Reich, die am Donnerstag in die Kinos kommt, gewährt nun erstmals tiefere Einblicke in Leben und Werk des Ausnahme-Produzenten. André Wesche hat sich mit dem Wahlmünchner unterhalten.

"Freie Presse": Herr Bruhn, was singen Sie unter der Dusche?

Christian Bruhn: Nichts wirklich Zusammenhängendes. Ich habe so eine Macke, ich summe eigentlich immer vor mich hin. Aber meistens nur Skalen, keine richtigen Melodien, aus denen mal Kompositionen entstehen. Einige sagen, dass das gut ist und sich die Stimme dadurch länger hält. Ich sehe es aber eher als einen Tick an. (lacht)

Sie haben ein Leben lang auf zu viel Öffentlichkeit verzichtet. Warum war jetzt die Zeit für diese Dokumentation gekommen?

Das ist die Sache der Regisseurin Marie Reich und des Produzenten Constantin Ried. Die beiden haben sich gefragt, von wem eigentlich diese ganzen Lieder stammen. Ah, von einem Professor Bruhn. Warum wurde über den noch nichts gemacht, während die Kollegen immer in der Zeitung stehen? Also haben sie beschlossen, dass sie das jetzt in die Hand nehmen. Meine erste Reaktion war: Muss das sein? Ich habe dann gute Miene zum "bösen" Spiel gemacht. Das freundliche Team durfte mich auf meinen Wegen nach Italien begleiten, bei der Gema, in meinem Haus und auch in Österreich.

Ist es Ihnen erst einmal schwergefallen, Kameras in Ihre heiligen Hallen zu lassen?

Nein. Ich habe 1962 und 1964 die Schlagerfestspiele gewonnen. Seitdem bin ich es gewohnt, interviewt zu werden. Es sind bestimmt schon viele Male Kameras auf mich gerichtet worden. Insofern hat es mir nichts ausgemacht.

In "Das Schweigen der Lämmer" verweist Dr. Hannibal Lecter auf Marc Aurel, wenn er sagt, dass Simplifikation der Schlüssel zu allem ist. Inwiefern gilt das auch für Ihre Branche?

Das gilt für den einfachen Schlager. Für mich selbst gilt das nicht, weil ich wohl als Einziger das gesamte Gebiet der Unterhaltungsmusik abgedeckt habe. Es gibt mehrere Konzertwalzer von mir und Chansons. Ich habe sehr viel Fernsehmusik - teils für großes Orchester - und auch Kinderlieder mit James Krüss geschrieben, Heinrich Heine für Katja Ebstein vertont und unzählige weitere Projekte realisiert. Die Simplifikation mag für "Heidi" gelten. Für "Captain Future" oder "Winter in Canada" mit Sicherheit nicht.

Sprechen Sie im Film auch deshalb von einer "gespaltenen Persönlichkeit"?

Diesen Ausdruck würde ich am liebsten zurücknehmen, denn letztendlich kommt doch alles aus einem Kopf, in dem sowohl "Heidi" als auch "Captain Future" und der Heinrich-Heine-Zyklus wohnen. Manche Menschen wundern sich darüber, dass derselbe Mann hinter einfachen Dingen wie Volksmusik und komplexen Sachen wie "Timm Thaler" stecken kann.

Hatten Sie jemals eine Schaffenskrise oder Selbstzweifel?

Das Schwierigste ist, einen Sänger dazu anzuleiten, dass er so schön singt, wie er nur kann. In der Abmischung kann man alles noch ein bisschen schöner machen. Aber irgendwann muss das Ding auch fertig werden. So richtig von Selbstzweifeln bin ich nie geplagt worden. Ich habe das musikalische Handwerk ja von der Pike auf gelernt. Da bin ich firm. Das andere, die Erfindungsgabe, kommt ja vom lieben Gott. Dafür kann ich nichts. Es ist eine Gabe, auf die ich auch nicht stolz sein kann. Man kann für Talent nur Dankbarkeit empfinden.

Wäre eine Karriere wie die Ihre heute noch denkbar?

Ja, immer wieder. Als ich zur Gema kam, hatte sie 20.000 Mitglieder. Heute hat sie wohl an die 70.000. Darunter gibt es natürlich immer wieder den "One Shot". Jemand hat einen Hit gelandet, und dann schaffen er oder sie es nicht noch einmal. Es gibt heute mehr Mitbewerber. Und die Tablets eröffnen ja alle technischen Möglichkeiten, für jeden! Wir "Klassiker" hatten es da möglicherweise etwas leichter.

Waren Sie zunächst skeptisch, als die Digitalisierung in der Musikbranche Einzug hielt?

Nein, nie. Bei gewissen Produktionen könnte man die Musiker heute gar nicht mehr bezahlen. Mit sogenannten Demos bieten wir ein Stück an, ohne zu wissen, ob es einen Produzenten oder Käufer findet. Da ist die Elektronik sehr hilfreich, weil wir alles selbst machen können. Wir müssen für eine solche Aufnahme nicht noch fünf Musiker engagieren. Wenn Sie heute etwas im Radio hören, ist das meistens Synthesizer, ganz selten nur noch großes Orchester. Natürlich wird es lebendiger, wenn richtige Musiker spielen, auf Instrumenten, die brennen oder schmelzen können. (lacht) Ich habe mehr als 2000 Partituren geschrieben und dirigiert. Tatsächlich benötige ich heute wesentlich mehr Zeit, um einen Sound zu erzeugen, der wie handgemacht klingt, als wenn ich gleich mit Musikern aus Fleisch und Blut arbeiten würde. Aber in meinem Alter nehme ich mir diese Zeit.

Warum gab es nie eine Tour mit Ihren Melodien live auf der Bühne?

Das gibt es ja nicht mal von Ralph Siegel. Es gibt Kollegen, die stehen mehr im Vordergrund. Manche singen sogar. Obwohl Dieter Bohlen als Sänger eher fraglich ist. Er braucht den Thomas Anders dazu. Kennen Sie Erich Ließmann? Er schreibt unter dem Synonym Jean Frankfurter und hat die ganzen Sachen für Helene Fischer gemacht, eine Gold- und eine Platin-CD nach der anderen. Auch er ist so gut wie unbekannt.

Wie erklären Sie sich das Phänomen Helene Fischer?

Ich wurde natürlich bereits gefragt, was das Tolle an Helene Fischer ist. Meine Antwort war: Weil sie toll ist! Ich verstehe den Neid und die Missgunst nicht, mit denen man ihr häufig begegnet. Sie ist eben sehr ehrgeizig. Und sie ist eine hoch talentierte Künstlerin. Sie kann wirklich gut singen. Und da bin ich ja nun Fachmann. Ich habe das Glück gehabt, immer hervorragende Interpreten zu produzieren: Mireille Mathieu, Katja Ebstein, Drafi Deutscher, Caterina Valente und viele andere. An ihnen und ihrer Kunst gab es überhaupt keine Zweifel.

Der Film zeigt Sie auch als einen Mann, der die Frauen liebt. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass diese Neigung bei Künstlern so weit verbreitet ist?

Man ist sich ja sofort gegenseitig sympathisch, wenn man weiß, dass man die Kunst des jeweils Anderen versteht und die Ansprüche des Anderen auch erfüllen kann. Große Sänger treffen auf einen erfahrenen Produzenten. Die Musik ist eine sehr sinnliche Sache. Die Malerei vielleicht ebenso. Aber Musik ist die sinnlichere, ja geilere Kunst. Rock 'n' Roll, sagt ein Rock 'n' Roller, kommt nur aus den Eiern. Musik ist erotisch. Deshalb gibt es ja so viele Liebeslieder.

Kennen Sie die US-Band Metallica, die Ihren Song "Marmor, Stein und Eisen bricht" gern auf Deutschland-Konzerten intoniert?

Ja, natürlich. Aber sie haben die Einleitung verpfuscht. Das war nicht okay. Und wenn die Musik nicht ordentlich ausgeführt wird, werde ich böse. Kunst muss perfekt sein.

Gehören Sie noch der SPD an?

Ja. Ich bin politisch ein treuer Mensch, ich kann nicht anders. Ich bin sehr weit links, aber ich bin eben nicht "Die Linke" mit ihren teilweise sehr skurrilen Ideen. Ich durchleide die gesamte Not der SPD mit.

Wenn Sie Ihrem großen Idol Mozart eine Frage stellen dürften, welche wäre das?

Mozart war für mich eine göttliche Figur, der alles ganz leicht einfiel. Ich würde ihn fragen, warum er bei seiner g-Moll-Sinfonie am Beginn der Durchführung des vierten Satzes die Zwölftontechnik quasi vorweggenommen hat. Es war eine seiner letzten Kompositionen. Das ist gespenstisch. Mischte da eine Todesahnung mit?

www.christianbruhn.de

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