Selbst ist die Frau

Clara Schumann war mehr als eine brillante Pianistin. Die gebürtige Leipzigerin zeigte auch als Mutter und Managerin, dass Frauen in der Lage sind, aus eigener Kraft erfolgreich zu sein.Nicht nur mit diesemBeispiel hat sieEinfluss auf ihre Nachwelt genommen.

Leipzig/Zwickau.

Es gab Zeiten, und sie sind noch gar nicht so lange her, da war eine komponierende Frau etwas Exotisches. Musik, zumal klassische, galt noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg von der Schöpferseite her als reine Männerdomäne. Komponierende Frauen kamen da so gut wie nicht vor. Insofern galt, als Clara Schumann, geborene Wieck, am 20. Mai 1896 starb, der Nachruhm vor allem der Pianistin: Über 60 Jahre hatte sie Konzertpodien in ganz Europa bespielt - erst als vom Vater Friedrich Wieck gefördertes und behütetes Wunderkind, dann als Gattin des Komponisten und Musikpublizisten Robert Schumann. Die Erinnerung währte zunächst kurz - den Instrumentalisten der damaligen Zeit, sieht man von Showtalenten wie Paganini ab, flocht die Nachwelt keine haltbaren Kränze; schließlich hinterließen sie nur Erinnerungen: Auch von Clara Schumann ist keine Tonaufnahme überliefert.

Und doch, sagt die Pianistin Ragna Schirmer, die sich seit über 30 Jahren intensiv mit Clara Schumann befasst, gibt es kaum eine Persönlichkeit jener Zeit, deren Leben und Wirken so eingehend dokumentiert und durch Quellen belegt ist wie das der Künstlerin, die vor 200 Jahren in Leipzig geboren wurde. Das wiederum hat ideale Voraussetzungen dafür geschaffen, ihr Leben zu erforschen und ihr Bild in der Geschichte nach und nach zu schärfen, zu konturieren, plastischer zu machen. "Vor 50 Jahren hat man sie vor allem als Pianistin wahrgenommen, die in ihrer Zeit gespielt, aber nicht groß darüber hinaus gewirkt hat", sagt Schirmer: "Und als Frau von Robert Schumann." Aber selbst damals war man noch nicht so weit festzustellen, dass es Clara Schumann war, die als Künstlerpersönlichkeit berühmter war als ihr komponierender Gatte, der sich überdies durch übertriebene Trainingsmethoden den rechten Ringfinger ruiniert und so als Pianist selbst ins Aus manövriert hatte.

Aber, so die 47-jährige Pianistin, die das Konzertrepertoire ihrer historischen Kollegin eingehend studiert hat und mit ausgewählten, von Clara Schumann gespielten Konzertprogrammen quasi mit Rekonstruktionen musikalischer Schumann-Sternstunden durch die Lande zieht, Clara habe durchaus auf ihre Nachwelt gewirkt. Nicht nur durch ihre Kompositionen. Sondern etwa auch, was den Klavierbau angeht, wie ihre umfangreichen Korrespondenzen mit Instrumentenbauern ihrer Zeit belegen. Aber, und das ist für das Publikum bis heute deutlich spürbarer, auch in der Art und Weise wie man heute live klassische Musik konsumiert. Das Solo-Recital ist als Veranstaltungsform nicht vom Himmel gefallen. Zu Claras Zeiten, so Schirmer, waren klassische Konzerte eher bunte Abende. Da traten zum Klavier Sänger auf, solo oder im Ensemble, es folgten ein paar Stücke für Kammerbesetzung oder Orchester, dann vielleicht etwas auf dem Klavier, zwei- oder vierhändig, dann noch mal eine andere Kammerbesetzung und so weiter, querbeet. Und das Programm war oft nach Art musikalischer Rosinenpickerei gestaltet: Der 1. Satz aus Beethovens Mondscheinsonate, das Alla Turca aus Mozarts A-Dur-Sonate, ein Sinfoniesatz von Haydn: das Beste aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Da habe Clara neue Maßstäbe gesetzt. Eine Frau, ein Klavier, ein Abend, ganze Werke. Die "Kinderszenen" ihres Mannes etwa bot sie nicht satzweise, sondern komplett dar. Nicht immer war dieses neue Prinzip gleich erfolgreich: "Mit der Gesamtaufführung der g-Moll-Sonate Robert Schumanns hat sie ihr Publikum etwa regelrecht vor den Kopf gestoßen - das fanden viele zu lang, zu kompliziert, zu unverständlich, zu neu, zu eitel." Dabei dauert der Viersätzer nicht viel länger als eine Viertelstunde.

Und doch hat sich diese Art von Konzert heute durchgesetzt: Der Anspruch, einem Werk in Gänze gerecht zu werden, wird gleichrangig neben den der Unterhaltung gestellt. So wie es Clara Schumann selbst als Musikerin getan hat - trotz aller Widrigkeiten, die im Laufe ihres 77-jährigen Lebens zu überwinden waren: "Auch das gerät in der heutigen schnelllebigen Zeit ins Bewusstsein: dass sie eine Künstlerin war, die praktisch 60 Jahre lang durchgängig erfolgreich war." Mit einem kranken Mann erst zu Hause und dann in der Nervenklinik, schließlich als Witwe und Mutter von sieben Kindern, von denen das Jüngste beim Tod des Vaters noch kein Jahr alt war. Da kam der Mittdreißigerin ihre früh erlernte Fähigkeit zur Selbstorganisation und ihr Talent im Umgang mit Geld zupasse. Insofern war es schon tiefere Symbolik, dass ihr Konterfei die letzte von der Bundesbank herausgegebene 100-Mark-Banknote zierte.

Dass Clara Schumann beim Komponieren, das damals selbstverständlich zum Pianistenberuf dazugehörte, wiederum nicht so erfolgreich war wie als Interpretin, deutet Ragna Schirmer als Folge einer Schieflage. Das positive Echo, das ihre frühen Kompositionen bei der Kritik fanden, fiel nie so begeistert aus wie die Urteile über ihr Spiel. Dabei hatte Vater Friedrich Wieck früh schon ihre ersten Kompositionen publizieren lassen, um ihr allgemeines musikalisches Talent und Ansehen zu untermauern. Diese Diskrepanz, so Schirmers Theorie, habe dazu geführt, dass sie sich zum Komponieren weniger ermutigt fühlte als zum Spielen. Selbiges bewirkte der Umstand, dass Robert Schumanns erste, in viel höherem Reifegrad publizierte Kompositionen, etwa seine "Papillons", auf erheblich enthusiastischeres Echo stießen.

Dabei sei etwa ihr Klavierkonzert, das sie mit 16 Jahren zum Eigengebrauch mit Robert Schumanns Hilfe vollendete, "sackschwer", wie die Wahlhallenserin Schirmer unlängst im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur feststellte. Und doch blieb es bis weit ins 20.Jahrhundert unter dem Radar des Konzertbetriebs. So ist etwa folgende Anekdote über Michel Ponti im Umlauf: Der amerikanisch-deutsche Starpianist nahm ein Engagement für "Schumanns a-Moll-Konzert" an. Wie selbstverständlich ging Ponti davon aus, es sei Opus 54 von Robert gemeint, das er aus dem Effeff beherrschter - der Veranstalter aber dachte an Opus 7 von Clara. Das Missverständnis klärte sich rechtzeitig auf, und Ponti musste lange üben, um das Konzert nicht platzen zu lassen. Das bewog ihn dazu, das Werk 1971 auf Schallplatte aufzunehmen - für das US-Label Vox: Erst 1978 war das Album in einer Importfassung in Deutschland zu haben. Der "Spiegel" bezeichnete es damals als "gefällig-unauffällig". Dabei erschließt es sich nach mehrfachem Hören durchaus als reizvoller Geniestreich des jungen Mädchens. Zu weiteren auf der LP eingespielten Originalwerken der Komponistin schrieb der Autor, "bei deren Niederschrift" müsse Clara "mehr Mendelssohn und Chopin in Kopf und Finger gehabt haben (...) als den Stil ihres Lebensgefährten": Warum man aber das Werk einer Frau an den Schöpfungen ihres Mannes messen musste und es nicht für sich stehen lassen konnte, blieb ein Rätsel dieser Musikkritik.


Clara Schumann

1819: Am 13. September wird sie in Leipzig als erste Tochter des Theologen, Pianisten, Klavierbauers und Musikalienverleihers Friedrich Wieck und Frau Marianne, einer sehr begabten Sängerin und Pianistin, geboren.

1828: Die Neunjährige, die seit vier Jahren Klavierunterricht vom Vater erhält, tritt das erste Mal im Leipziger Gewandhaus auf. Sie begegnet erstmals Robert Schumann.

1835: Clara Wieck und Robert Schumann kommen sich das erste Mal näher; Friedrich Wieck versucht die Liaison zu unterbinden, was nicht gelingt.

1837: Clara und Robert verloben sich.

1839: Das Paar erstreitet gegen den Willen Friedrich Wiecks vor Gericht die Heiratserlaubnis; die Trauung findet am 12. September 1840 statt.

1840: Schumanns leben in Leipzig. Clara absolviert Konzertreisen durch Deutschland, Nord- und Osteuropa.

1844: Umzug nach Dresden.

1850: Umzug nach Düsseldorf, wo Robert Schumann als Städtischer Musikdirektor arbeitet und Clara ihm musikalisch assistiert.

1854: Robert Schumanns Nervenerkrankungen verschlimmern sich, er unternimmt einen Suizidversuch und lässt sich in eine Nervenheilanstalt einweisen, wo er 1856 stirbt.

1857: Clara Schumann zieht nach Berlin. Bis auf ihre beiden jüngsten Kinder gibt sie die übrigen fünf zu Verwandten beziehungsweise in ein Internat. Sie verstärkt wieder ihre nationale und internationale Konzerttätigkeit und reist bis 1888 allein 19-mal nach England. Zunehmend plagen sie Rheumatismus, Arthritis und Gehörprobleme.

1891: Am 12. März gibt Clara Schumann in Frankfurt am Main ihr letztes öffentliches Konzert.

1896: Am 20. Mai erliegt Clara Schumann einem Schlaganfall.


Spuren

Bundesweit ein guter Name

Wer Straßen sucht, die den Namen Clara Wieck-Schumanns tragen, hat doppelt Arbeit: Ihrer wird in deutschen Städten sowohl mit ihrem Mädchen-, als auch mit dem Ehenamen gedacht. Clara-Wieck-Straßen gibt es unter anderem in Bischofswerda, Bonn, Freiberg, Ingolstadt, Leipzig, Markkleeberg, Nordhorn, Plauen und Schneeberg. In Markneukirchen gibt es den Clara-Wieck-Ring. Clara-Schumann-Straßen finden sich unter anderem in Arnsberg, Bingen, Emden, Erlangen, Hof, Königs-Wusterhausen, Ober-ursel, Potsdam, Roth, Sinsheim und Wittstock. Baden-Baden, wo sie von 1863 bis 1873 lebte, leistet sich einen Clara-Schumann-Platz. (tk)

Unterricht im Geist der Pädagogin

Nach der auch als Klavierpädagogin tätigen Pianistin sind die Kreismusikschule Zwickau und das Vogtlandkonservatorium Plauen benannt: Ebenso wie eine Grundschule in Leipzig (mit angeschlossener Kindertagesstätte "Claras Kinder") und das Clara-Wieck-Gymnasium Zwickau tragen sie den Mädchennamen der Musikerin. Eine weitere freie Grundschule in Leipzig sowie Musikschulen in Düsseldorf und Baden-Baden tragen dagegen den Namen "Clara Schumann". (tk)

Vier Leinwandstars für Clara Schumann

Viermal wurden Teile des Lebens der Musikerin verfilmt. Die Ufa machte 1944 mit "Träumerei" den Anfang: Hilde Krahl spielte Clara Wieck, Matthias Wieman Robert Schumann. In "Clara Schumanns große Liebe" spielte 1947 Katharine Hepburn die Musikerin, Paul Henreid ihren Mann. In "Frühlingssinfonie" (1983), der ersten deutsch-deutschen Film-Koproduktion, waren Nastassja Kinski als Clara, Herbert Grönemeyer als Robert und Rolf Hoppe als Friedrich Wieck zu sehen. "Geliebte Clara" (2008) mit Martina Gedeck in der Titelrolle und Pascal Greggory als ihr Mann machte beim Publikum eher wenig Eindruck. (tk)


Termine

Schumann-Gala: Die 13. Schumann-Gala, eine Wiederholung des Konzerts zu Clara Schumanns 60-jährigem Bühnenjubiläum 1888 mit Werken von Robert und Clara Schumann, findet am Samstag, den 14.09.2019, 19.30 Uhr, in der Zwickauer Lukaskirche statt.

Festspieleröffnung: Die 19. Chursächsischen Festspiele im König-Albert-Theater Bad Elster werden am Freitag, den 13.09.2019, ab 19.30 Uhr mit einem Sinfoniekonzert zu Ehren Clara Schumanns eröffnet. Dabei erklingt unter anderem ihr Klavierkonzert.

Festwochen in Leipzig: Die seit Donnerstag laufenden Schumann-Festwochen in Leipzig stehen dieses Jahr im Zeichen des 200. Geburtstags von Clara Schumann.

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