Sex after Brexit

Was kann passieren, wenn man lange verheiratet ist? Damit befasst sich Nick Hornby in seinem neuen Buch. Das ist kein Roman, sondern ein Dialog.

London.

Der Londoner Nick Hornby (Jahrgang 1957) hat sich am Ende des vorigen Jahrtausends mit seinen beiden Büchern "Fever Pitch" und "High Fidelity" in die Herzen einer großen Gemeinde geschrieben: Zwei basisnahe Bekennerschreiben über die unumstößlichen Leidenschaften Fußball und Rockmusik waren das, die listig und zugeneigt aus der Perspektive von nicht mehr jungen Jungs erzählt waren, die nicht erwachsen werden wollten. Und die natürlich ordentlich Probleme mit dem anderen Geschlecht hatten. Seither schreibt Hornby mehr oder weniger seiner Bestform hinterher, wenn er von diesen Kerlen erzählt, die in kuriose Situationen geraten und irgendwie mit ihnen fertig werden müssen, damit sie nicht fertig gemacht werden: Hornbys Humor ist stets ein zugeneigter, wenn er nerdige Herren mit traurigem Blick aufmarschieren lässt.

Auch wenn er in der Folge manchmal enttäuschte, konnte man ihm doch nie richtig böse sein. Später dann hatte er in einigen Varianten auch ein paar Paarprobleme hingebreitet, weil kein Single bei ihm gern Single ist. In von Routine erstarrten Beziehungen hatten sich dann die Lebenspartner mit der Zeit "nicht gern genug, um nicht zu streiten". So stand es in seinem Roman "How to be Good", in dem es darum ging, dass die Prämissen einer Ehe von Zeit zu Zeit nachverhandelt werden müssen, wenn die vielen kleinen Dinge in ihrer Summe nur noch lusthemmend wirken. Die Katie in diesem Buch hatte einen Ausweg darin gesucht, mal auszuprobieren, ob sie noch auf andere Männer wirkt. Dies ist auch das Setting des neuen Hornby-Buches "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst", das kein Roman ist, sondern ein zehnfacher Dialog nebst Umgebungs- und Handlungsbeschreibungen. Louise und Tom heißen die lange Verheirateten, zwei Kinder haben sie. Tom arbeitete mal als Rockmusikkritiker, mangelnde Nachfrage hat ihn in die Arbeitslosigkeit getrieben. Um sich an die Biografie des Jazzpianisten Horace Silver zu wagen, fehlen ihm Energie und Wissen: Lieber löst er Kreuzworträtsel. Schuldgefühle hat er deswegen keine, dafür schon morgens schlechte Laune. Kein Wunder, dass sich Louise in der Beziehung langweilt. So sehr, dass sie es mal mit Matthew probiert - vier Mal, und sie weiß: "Ehen sterben nie plötzlich." Es gibt der Gründe viele, die dorthin führen. Ohnehin war sie es, die das Geld fürs Tagtägliche verdient hat als Gerontologin, also eine der Wissenschaft vom Altern Nachgehende. Nun treffen sie sich einmal pro Woche im Pub, bevor sie zur Paartherapie gehen, denn er ist ausgezogen in eine WG, wo er seine Wunden leckt und alles überinterpretiert, was gewesen ist.

Was bei der Therapeutin besprochen wird, erfahren wir nicht. Wir sitzen mit den beiden vor den Gläsern und werden Zeugen ihrer vom Alkohol beförderten vorangegangenen Dialoge. Sie, die übergriffig fürsorglich ist, bremst ihn: "Zwei darfst du, aber brauchst du dann nicht eine Pinkelpause?" Er ist kurz vorm Resignieren und kommt dann doch mit in die Sitzung: "Die Ehe ist wie ein Computer. Man kann sie auseinandernehmen, um nachzuschauen, was drinsteckt, aber dann hat man hinterher hunderttausend Einzelteile in der Hand." Dieses nölige Dagegensein hatte ihn auch für den Brexit stimmen lassen. Er wollte mal anders als die anderen sein.

Wie beim Brexit geht es jetzt um die Scheidung. Oder um Sex, bevor alles wirklich zu spät ist. Beide einigen sich dann. Das kann man logisch oder überraschend finden. Die Witze unterwegs dorthin sind fade, die Dialoge spielen viel zu häufig ins Infantile. Man will eigentlich nicht dabeisitzen, wenn sie neu verhandeln. Eheleute müssen "nicht unbedingt befreundet sein, oder?", fragt er. So lauten die Pub-Erkenntnisse. Es kann ja trotzdem schön sein. Und hinterher darf Tom dann im müden Finale auch das nächste Glas trinken.

Das Buch

Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Eine Ehe in zehn Sitzungen." Kiepenheuer & Witsch, 158 Seiten, 18 Euro.


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