Sgt. Pepper's - das Album als Ereignis

Kaum ein andere Platte hat die Popgeschichte so geprägt wie diese: Heute vor 50 Jahren erschien mit "Sgt. Peppers Lonley Hearts Club Band" das kommerziell wie künstlerisch wichtigste Album der Beatles.

London.

Das Jahr 1966 brachte erste Auflösungserscheinungen ans Scheinwerferlicht, in dem die Fab Four schwitzten. Die Beatles hatten sich selbst satt: Das Gekreische, das Boyband-Image, die Topfschnitte. Die letzte Welttournee war ein Desaster, der Starrummel wuchs ihnen über die Pilzköpfe. John Lennons Aussage, die Beatles seien "größer als Jesus" hatte für negative Furore gesorgt, das Schreien der Fans alles übertönt - sie konnten sich selbst nicht mehr hören, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Band beschloss, nie wieder Konzerte zu geben, und so ging jeder für sich auf Selbstfindungstour. John Lennon versuchte sich als Schau-, George Harrison als Sitarspieler. Er reiste nach Indien, um bei Ravi Shankar das Spiel des flirrend-zirpenden Zupfinstruments und die östliche Spiritualität im Allgemeinen zu studieren. Ringo Starr zog sich ins Familienleben zurück. Paul McCartney ließ sich treiben, klebte sich einen Schnurrbart ins Gesicht und fuhr damit unerkannt durch Frankreich. "Ich war ein einsamer kleiner Poet, unterwegs mit meinem Auto", sagte er später über den Roadtrip abseits des Ruhms. Als er an der Tür eines Nachtclubs abgewiesen wurde, erkannte er, dass er doch lieber berühmt sein will, und flog für eine letzte Selbstfindungssafari nach Kenia.

Die Vision zum Konzept des Albums hatte Gestalt angenommen, als er wieder in England war, um mit der Band die Studioarbeit aufzunehmen. McCartney wollte den Beatles ein neues, bunt kostümiertes Selbst überstülpen, ein AlterEgo schaffen. Eine neue Identität für eine neue Band, für die Pilze keine Kopfsache mehr waren, sondern bewusstseinserweiternde Psychedelika.

Der Titel war inspiriert von den Westcoast-Bands mit verrückten Namen in Überlänge, dem Uniform-Trend der damaligen Mode sowie dem eher schlichten Wortspiel aus "Salt and Pepper". Und so wurde "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" zu einem der sperrigsten und gleichermaßen einprägsamsten Albentitel der Pophistorie.

Die Studioaufnahmen begannen Ende November 1966 und endeten Anfang April 1967. Sie kosteten umgerechnet 165.000 Euro, damals irrsinnig viel Geld. Der Aufwand war immens, nicht nur, weil ein 40-köpfiges Orchester beteiligt war. Obwohl in den USA bereits Achtspur-Tonbandgeräte verwendet wurden, nutzte die Band für die Aufnahmen zwei Vierspurgeräte, die parallel geschaltet wurden, was sich als technisch kompliziert erwies. Die Multi-Track-Technik ermöglichte das Übereinanderlegen vieler verschiedener Tonspuren. So stapelten sie Schicht für Schicht zu einem bombastischen Sound: Sitar und Tabla, Bläser- und Dixielandsätze, Jahrmarktklänge, feine Streicherarrangements und kleine Tonschnipsel.

Kritiker sahen das als künstlerisch überambitioniert, überproduziert, als hätte man musikalische Belanglosigkeit mit zu viel greller Farbe übermalt, um vom Wesentlichen abzulenken. Bisher hatte man Rockmusik direkt gespielt und aufgenommen, der Klang war immer ein bisschen roh, aber authentisch. "Sgt. Pepper" war für manche deshalb mehr Konstrukt als Gefühl, mehr Produktion als Song. Die Platte galt als live unspielbar, doch die legendäre Studioarbeit eröffnete der gesamten Musikwelt neue Wege.

Das Album gilt als eines der ersten Konzeptalben der Musikgeschichte, wobei "Konzept" relativ ist: Die Songs folgen weder inhaltlich noch musikalisch einem roten Faden und hätten laut Lennon auch auf jedem anderen Beatles-Album sein können. Es ging um den Rahmen, die Uniformen, die surrealen Texte. Um die Beatles, die nicht mehr die Beatles sein wollten. Um die verschwimmenden Linien zwischen Pop und Kunst - die Beatles hatten ein Event geschaffen. Genau das war das Konzept. Ein Album wie ein Kaleidoskop: Jeder Song ein neues Bild, eine neue skurrile Szene, eine neue Klangwelt. McCartney erzählte Geschichten aus Liverpool ("A Day in a Life"), das von Ringo Starr gesungene "With A Little Help from my Friends" entstand bei einer Jamsession, das als LSD-Ode missverstandene "Lucy in the Sky with Diamonds" war inspiriert von einer Zeichnung von Lennons Sohn Julian. "Being for the Benefit Of Mr. Kite" vertont ein viktorianisches Zirkusplakat. "Within You Without You", Harrisons einziger Song, zitiert traditionelle indische Sitarmusik. "Strawberry Fields Forever" und "Penny Lane" wurden zwar bei den Sessions in der Abbey Road aufgenommen, erschienen aber nur als Doppelsingle. Die Platte wurde trotzdem wochenlang im Radio gespielt - komplett.

Das Cover, dessen Entwurf von John Lennon selbst stammt, ist eines der meistzitierten, -kopierten und -diskutierten Plattenhüllen-Motive. Die Collage des britischen Popart-Künstlers Peter Blake versammelt ein breites Spektrum von Künstlern und Denkern - von Karl Marx bis Aleister Crowley, von Oscar Wilde bis Karlheinz Stockhausen, von Albert Einstein bis Stan Laurel. Dazu kommen viele Anspielungen - Shirley Temple etwa trägt ein "Welcome The Rolling Stones"-Shirt. Um die Auswahl der Bilder wurde hart gerungen - Lennon wollte ursprünglich auch Hitler und Jesus dabeihaben, was die Plattenfirma ablehnte. Die Band selbst zeigt sich doppelt: Mittig in bunten Fantasieuniformen, daneben farbarm pilzköpfig.

Psychedelische Popmusik gab es bereits vor "Sgt. Pepper" und auch danach in weitaus wilderen Auswüchsen, doch ist diese Platte wohl die plakativste und muss deshalb heute noch häufig als Vergleichs-Schublade herhalten. Im (Indie-) Pop, wo alles immer wieder kommt wie im buddhistischen Rad des Lebens, ist der psychedelische Einschlag seit ein paar Jahren wieder angesagt. Hype-Bands wie Tame Impala, Pond oder Temples klingen teils unstrittig wie Neuzeit-Reminiszenzen an die "Sgt Pepper"-Ära.

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