"Sie kommen nach Hause, endlich nach Hause!"

Michael Barakowski, Sänger der Band Perl, ist mit 63 Jahren gestorben

Marienberg/Berlin.

Etwas, das die DDR vor der eigenen Bevölkerung ungern an die große Glocke hing, waren die gelockerten Wehrdienstbedingungen Ende der 80er: Ingenieure suchte der Arbeiter-und-Bauern-Staat zuletzt so verzweifelt, dass er es sich schlicht nicht mehr leisten konnte, ganze Abiturjahrgänge vor ihrem Studium von der Nationalen Volksarmee (NVA) länger schleifen zu lassen. Kompromiss: Nur neun Monate Wehrdienst und Studienbeginn schon ein Jahr nach dem Abi. Preis: Besonders dröger Dienst bei den "Mot-Schützen", dem Kanonenfutter der Truppe. Nebenwirkung: Die "EK"-Bewegung griff nicht, "Neunmonatige" wurden in gesonderten Kompanien gehalten, etwa in der "Max-Roscher"-Kaserne Marienberg. Wir rückten am 1. November 1988 zu den Klängen eines "Ela" ein. Das war ein Wandradio mit fest verkabelten DDR-Sendern - doch DT 64 war längst subversiv drauf und schärfte uns schnell mit "Hymne" von Michael Barakowski ein: "Sie kommen nach Hause, endlich nach Hause / der Vater, der Mann, der Bruder, der Sohn - Coming Home!"

Barakowski kochte in dem Stück ein Erfolgsrezept nach, dank dem ihm 1985 ein Glückstreffer gelungen war: Mit "Zeit, die nie vergeht" landete seine Amateurband Perl, die jahrelang im Raum Berlin herumgekrebst war, den DDR-Hit des Jahres. Zwar sang seine samtige Rauchstimme nur einen recht harmlosen Liebestext - doch der Titel-Refrain wurde von vielen NVA-Hundertschaften zur Hymne für die tief empfundene Sinnlosigkeit ihres Wehrdienstes uminterpretiert. Perl löste sich kurz darauf auf, Barakowski durfte eine Solokarriere starten: 1987 erschien sein Amiga-Debüt "Rampenlicht", dass jedoch arg unspektakulär geriet und nur von besagtem Perl-Hit lebte. Der Sänger, der als Roadie bei Karat angefangen und nur über mühsame Umwege seine Berufserlaubnis als Musiker bekommen hatte, war da bereits über 30. Also legte er 1989 einen bewusst provokanten Song für Wehrdienstleistende nach: "Hymne" erinnerte vom westgewandten Sound bis zu den teils englischen Textzeilen kaum noch an DDR-Rock und passte nebenbei auch gut zur Ausreisewelle. DT 64 spielte das Stück hörerwunschgemäß auch am republikweit letzten Armeetag der "Neunmonatigen" Ende Juli - und ganze Bataillone, reisefertig in Zivil, sangen lauthals mit: "Aus überfüllten Zügen, in den Soldatenliedern / ein Schrei - es ist vorbei!" Es war die letzte reguläre NVA-Entlassung vor dem Mauerfall.

Barakowski konnte an diesen großen Wendehit nie anknüpfen: Er trat erfolglos beim ersten gesamtdeutschen Grand-Prix-Vorentscheid an, war kurz Sänger bei Prinzip und der Modern Soul Band, spielte Coverrock mit ehemaligen Klaus-Lage-Musikern. "Zeit, die nie vergeht" wurde gelegentlich in Ostalgiewelle verwurstet. Der Sänger verfiel dem Alkohol, zuletzt lebte er laut "Bild"-Zeitung in Berlin von Hartz IV. Am Freitag ist Michael Barakowski im Alter von 63 Jahren gestorben.

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