Siegfried, ein naiver Held

Mit der dritten Oper aus Richard Wagners legendärem Vierteiler "Der Ring des Nibelungen" haben Regisseurin Sabine Hartmannshenn und das Theater Chemnitz eine Inszenierung hingelegt, die eine raue Männerwelt zeigt, in der am Ende doch die Liebe siegt.

Chemnitz.

Mime ist nicht zu beneiden. Aber er hat es ja selbst so gewollt. Der Zwerg entführt im (stummen) Prolog der Oper "Siegfried", dritter und vorletzter Teil von Richard Wagners Zyklus "Der Ring des Nibelungen", in der Chemnitzer Inszenierung von Sabine Hartmannshenn den gerade geborenen Siegfried. Und das praktisch aus dem Schoß von Siegfrieds Mutter, Wotans Tochter Sieglinde, die den Knaben mit ihrem Bruder Siegmund gezeugt hat. Mime zieht den Jungen groß, in Erwartung, er könne ihm zum Schatz der Nibelungen einschließlich des Weltmacht verheißenden Rings verhelfen. Und zwar, indem er mit dem reparaturbedürftigen Schwert Notung den Riesen Fafner umbringt, der die Schätze an sich gebracht hat. Mimes Plan vollendet sich darin, Siegfried hernach zu vergiften und Kasse zu machen.

Vergiftet, so vermittelte es am Samstag die vom Publikum fast einhellig bejubelte Premiere der Inszenierung im Chemnitzer Opernhaus, ist indes die Atmosphäre von Anfang an. Mime (Arnold Bezuyen) und der erwachsene Siegfried (Daniel Kirch) öden sich in ihrer Männer-WG nur noch an. Hinzu kommt für Mime der Frust, dass er die Bruchstücke des machtvollen Schwertes Notung, die er Sieglinde einst mit dem Knaben raubte, nicht zur funktionsfähigen Waffe zusammenbekommt. Und dann ist da dieser Wanderer (Ralf Lukas), der inkognito durch die Welt schweifende Gott Wotan. Der besiegt Mime im Quizduell, weil der nicht die Frage beantworten kann: "Wer schmiedet das Schwert Notung neu?" Antwort: Wer das Fürchten nie gelernt hat. Wer das ist, weiß Mime bald. Als Siegfried kurzerhand die Stücken selbst zur Hand nimmt, einschmilzt und das Schwert neu gießt, ahnt er, wen er vor sich hat.

Mimes Vorwand, in der Begegnung mit Fafner (Avtandil Kaspeli) werde Siegfried wie ersehnt das Fürchten lernen, verfängt insoweit, als der von Kirch etwas naiv-unbedarft angelegte Held sich hinreißen lässt, mit Mime vor die Fafnerhöhle zu ziehen. Dort macht er den überheblich-leichtsinnigen Riesen denn auch ohne größere Widerstände kalt - und ist selbst entsetzt darüber. Da er durch das Kosten von Fafners Blut plötzlich die Sprache der Tiere versteht und hören kann, was Mime nur in Gedanken im Schilde führt, bringt er auch seinen Ziehvater um.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie sich der Ansatz der Oper Chemnitz, den "Ring" von vier Regisseurinnen auf den weiblichen Anteil des Opernzyklus abzuklopfen, eigentlich bei einer "Männeroper" realisieren lassen soll. Denn bis in den zweiten Akt hinein, bis zum Auftritt des Siegfried vor Mime warnenden Waldvögeleins (hinreißend: Guibee Yang!) haben am Geschehen keine Frauen teil und auch danach nur punktuell. Entsprechend deprimierend baut Sabine Hartmannshenn das Szenario dieser Männerwelt auf. 29 eckige, bis zu 15 Meter hohe Säulen, graugrün gesprenkelt, füllen die von Lukas Kretschmer gestaltete Szenerie. Weitere Deko fehlt fast ganz. Die Männer hat Kostümbildnerin Susana Mendoza im frühindustriellen Steampunk-Stil gekleidet, große Hüte, Militärjacken und -mäntel in Erdtönen, teils nicht ganz sauber, darunter nackte, bisweilen wabbelnde Bäuche (bei Wanderer Wotan mit Tribals dekoriert) bestimmen die brutale Szenerie. Der setzt Zwerg Alberich (Bjørn Waag) als Wächter Fafners gleich zu Beginn des zweiten Aktes noch einen drauf. An einer gesichts- und willenlosen Nibelungen-Sklavin vollzieht er vor der Höhle im Stehen kurzen, imbisshaften Geschlechtsverkehr. Alberich ist eben, man erinnere sich an den Wüstling aus dem "Rheingold", noch der Alte. Fazit: Auch das Fehlen einer ordnenden, mäßigenden Frauensperson ist weiblicher Einfluss.

Keine Überraschungen, und das im besten Sinne des Wortes, bietet die musikalische Leistung. Die Robert-Schumann-Philharmonie unter Felix Bender ist von Timing und Dynamik stets auf dem Punkt, zwischen Dreifach-Fortissimo und kammermusikalischen Akzenten garantiert sie stets die Durchhörbarkeit des Ganzen. Was den Sängern ihre an sich schon schwere Arbeit erleichtert: Speziell die Tenöre Daniel Kirch und Arnold Bezuyen sowie Bassbariton Ralf Lukas als meistgeforderte Solisten des Abends begeisterten das Publikum mit erstaunlicher Kondition über vier Stunden hinweg sowie grandioser stimmlicher und darstellerischer Leistung, die nur an die Textverständlichkeit punktuell Wünsche offenließ. Und derlei kompensiert seit dieser Spielzeit eine neue, nunmehr blendfreie Übertitelanlage im Opernhaus.

Waag und Kaspeli stehen ihnen stimmlich nicht nach, aber der Komponist gibt ihren Rollen zu wenig Gelegenheit, das zu zeigen. Sowie eben auch der Anteil an weiblichen Stimmen sehr gering ist. Doch nicht allein das, sondern auch die Leistung von Guibee Yang und Simone Schröder als weise Urmutter Erda im Dialog mit Wanderer Wotan in Akt 3 machten ihre Auftritte zu Glanzpunkten der Inszenierung.

Ebenso wie das folgende, vermeintliche Happy End. In dem befreit Siegfried die seit Jahrzehnten in einem Feuerring gefangene Ex-Walküre Brünnhilde (Christiane Kohl) aus ihrem fluchbedingten Schlaf und fürchtet sich das erste Mal in seinem Leben, als er sie als das erkennt, was sie ist: "Das ist kein Mann!", ruft er und legt das in solchen Situationen geschlechtstypische Verhalten an den Tag: Er ruft nach seiner Mutter. Das hat, wie schon Loriot vor 25 Jahren in seiner "Ring"-Zusammenfassung ahnen ließ, durchaus komisches Potenzial, das auch die Chemnitzer Inszenierung behutsam herausarbeitet. So wie die Ungewissheit Verliebter, die aus Siegfrieds Angst vor der Liebe und Brünnhildes Trauer um die verlorene Macht ihres Walkürenstatus spricht. Bis beide am Ende erkennen, dass ihnen der Weg in eine gemeinsame Zukunft offen steht. Und ja, dass sie in diesem ätzenden Biotop für Neid, Gier und Hass tatsächlich Liebe gefunden haben. Jetzt könnte alles gut werden. Wäre da nicht noch die "Götterdämmerung".

Weitere Vorstellungen von "Siegfried" im Chemnitzer Opernhaus am 20. Oktober, 10. November, 19. Januar, 20. April und 8. Juni. Kartentelefon: 0371 4000430. www.theater-chemnitz.de

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...