Siegt sich das Kapital zu Tode?

Karl Marx war nicht der einzige Ökonom von Weltrang, der den Untergang des Kapitalismus voraussagte. Joseph Schumpeter, der Marx bewunderte, tat das auch. Nur wollte er den Kapitalismus retten.

Marx' Todesjahr steht am Beginn der Lebenswege zweier Denker, die um den Rang des einflussreichsten Ökonomen im 20. Jahrhundert konkurrierten. 1883 wurde John Maynard Keynes als Sohn eines Professors im englischen Cambridge geboren. Und in Triesch bei Iglau, einer habsburgischen Kleinstadt an der Nahtstelle von Böhmen und Mähren, erblickte Joseph Alois Schumpeter als Fabrikantensohn das Licht der Welt.

Keynes profitierte von Kindesbeinen an von den Annehmlichkeiten seines Milieus. Über den Staatsdienst in London bahnte er sich seinen Weg nach oben. 1919 machte ihn seine Ablehnung des Versailler Vertrags weltberühmt: Keynes warnte davor, Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg wirtschaftlich zu strangulieren, und verließ unter Protest die britische Delegation. Keynes' "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) begründete die ökonomische Schule des Keynesianismus, die bis heute politische Entscheidungen bestimmt.

Schumpeters Familie führte in Triesch (heute Třešť) eine Textilfabrik. Als Joszi vier Jahre alt war, kam der Vater bei einem Jagdunfall ums Leben. Mutter Johanna, die aus einer angesehenen Arztfamilie in Iglau stammte, sah in der Provinz keine Zukunft für sich und ihren Sohn. Sie verließen Triesch und gingen nach Graz, wo Johanna einen pensionierten Offizier heiratete. Die Zielstrebigkeit der Mutter eröffnete dem Jungen den Zugang zu erstklassiger Bildung und die Möglichkeit zum Aufstieg in die Wiener Oberschicht.

Joszi rechtfertigte den Ehrgeiz Johannas auf spektakuläre Weise. Nach seiner Promotion heuerte er als Anwalt am Internationalen Gerichtshof in Kairo an, habilitierte sich parallel dazu in Nationalökonomie und erhielt eine Professur in Czernowitz, Galizien. Mit 26 Jahren, schrieb er später, sei er der jüngste Professor in Deutschland und Österreich gewesen. Das war 1909.

Als entscheidender Impuls für Schumpeters Denken erwies sich die Auseinandersetzung mit dem Werk von Karl Marx. Ihm, dem Schöpfer des "Kapitals", war 1905 an der Wiener Universität ein denkwürdiges Seminar gewidmet. Die Leitung hatte Eugen von Böhm-Bawerk inne, ein Starökonom jener Zeit und dreimaliger Finanzminister, dessen Porträt noch auf dem 100-Schilling-Schein vor der Einführung des Euros abgebildet war. Die Österreichische Schule der Nationalökonomie, die Böhm-Bawerk vertrat, hatte sich auf die These eingeschworen, dass der Preis eines Gutes dem zusätzlichen Nutzen entspricht, den es seinem Käufer stiftet. Hingegen vertrat Marx die Arbeitswertlehre, wonach der Marktpreis eines Gutes aus dessen Produktionskosten abzuleiten sei. Nicht nur in Bezug auf die Preisbildung standen beide Theoriegebäude auf verschiedenen Fundamenten.

Im berühmten Wiener Marx-Seminar diskutierte eine Handvoll aufstrebender Gelehrter, die alle später von sich reden machten. Neben Schumpeter, einem Mann von liberal-konservativer Haltung, waren das Otto Bauer, Rudolf Hilferding und Emil Lederer, Marxisten, sowie Ludwig von Mises, ein Marktfundamentalist. Mises' brillantester Schüler, Friedrich August von Hayek, wurde zum Säulenheiligen des Neoliberalismus, jener einflussreichen, marktradikalen Strömung der Gegenwart. Schumpeter darf als einer der wichtigsten Ökonomen gelten, die sich von Marx inspirieren ließen, nicht aber der orthodox-marxistischen oder sozialistischen Richtung angehörten. "Ich hatte stets das Gefühl, dass Schumpeters Ehrgeiz darin bestand, eine Geschichtstheorie von ähnlicher Kraft und Reichweite wie die von Marx zu entwickeln und dabei den Marxismus gründlich auf den Kopf zu stellen", schrieb einer von Schumpeters Studenten, der Nobelpreisträger James Tobin.

Marx' bedeutendsten Beitrag zur Wirtschaftslehre sah Schumpeter in der Entdeckung der kapitalistischen Dynamik. Im "Kommunistischen Manifest" (1848) arbeiteten Karl Marx und Friedrich Engels heraus, dass der Kapitalismus in kurzer Zeit "massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen" habe "als alle vergangnen Generationen zusammen". Auch wenn Marx den Kapitalismus als ein bloßes Intermezzo auf dem Weg zum Sozialismus begriff, stehe sein Loblied auf die bürgerlichen Leistungen in der ökonomischen Literatur einzigartig da, urteilte Schumpeter. Marx' Ideologie aber habe tieferer Erkenntnis im Weg gestanden. Die Idee des Klassenkampfes und der Ausbeutung der Massen, von der er "besessen" gewesen sei, habe ihn zu fehlerhaften Thesen und Prognosen verführt. Unnachsichtig ging Schumpeter mit der marxistischen Praxis ab 1917 ins Gericht. So habe der russische Kommunismus "eine weit größere Wesensverwandtschaft mit Iwan dem Schrecklichen als mit Karl Marx".

Den Wesenskern des Kapitalismus beschrieb Joseph Schumpeter mit seiner Jahrhundertformel von der "schöpferischen Zerstörung". Aufruhr sei der Normalzustand des Kapitalismus, Chaos seine Natur. Der Unternehmer, der das Neue sucht und alte Bindungen durchbricht, sei die entscheidende Figur. Diese Rolle werde in den großen Kapitalgesellschaften der Gegenwart vom "Hauptunternehmer" bedient, der innovative Ideen der Fachleute seines Hauses billigt oder verwirft.

Die größte Leistung des Kapitalismus bestehe darin, langfristig den Lebensstandard der Massen zu heben, "und zwar nicht durch einen bloßen Zufall, sondern kraft seines Mechanismus", wie Schumpeter in seinem wichtigsten Buch schreibt, das bei Marx beginnt. Es heißt: "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie". Keynes freilich schleuderte der Haltung, wenn man nur lange genug warte, werde alles gut, sein berühmtes Diktum entgegen: "Langfristig sind wir alle tot!"

Der Wirtschaftshistoriker Thomas McGraw, Schumpeters US-amerikanischer Biograf, schrieb, Marx und seine Anhäger hätten zwar den Begriff "Kapitalismus" geprägt, aber erst Schumpeter habe erklärt, was Kapitalismus tatsächlich bedeutet. Für die heute dominierende Vorstellung vom Kapitalismus sei Schumpeter, was Freud für das Bewusstsein war - "jemand, dessen Ideen so allgegenwärtig und tief verwurzelt sind, dass wir seine grundlegenden Gedanken nicht von unseren eigenen trennen können."

Den Marxschen Determinismus - alles sei letztlich ökonomisch bestimmt - wie auch den Marxschen Klassenbegriff lehnte Schumpeter ab. Im Kapitalismus lägen Auf- und Abstieg nahe beieinander. Die Oberschichten glichen Gasthäusern, die zwar immer voll von Leuten seien, aber von immer anderen. Weder bildeten die Arbeiter eine geschlossene Gruppe. Noch wären sich "ein mittlerer Fabrikant und ein Industriekapitän" ähnlich genug, um sie einer einheitlichen Klasse zuzuordnen. Die Mehrheit der innovativen Unternehmer, vermutet Schumpeter, dürften früher selbst Arbeiter oder Nachkommen von Arbeitern gewesen sein. Den von Marx behaupteten Antagonismus, einen unversöhnlichen Klassengegensatz, sah er nicht.

Schumpeter griff für seine Analysen nicht nur auf Fachwissen verschiedener Disziplinen zurück. Er selbst kostete Höhenflüge wie Krisen bis zur Neige aus. Nach dem Ersten Weltkrieg - in einer "Periode verworrener politischer Manöver", wie McGraw schreibt - gehörte er der ersten Regierung Österreichs als Finanzminister an. Nach sieben Monaten im Amt musste er gehen, weil er weder auf Linie der Regierung noch der öffentlichen Meinung lag. Zum Ausgleich für seinen Rauswurf erhielt er eine Bankkonzession.

Schumpeters Wirken für das Bankhaus Biedermann, Wiens älteste Privatbank von 1792, endete in einer Serie übler Schicksalsschläge. 1924 wurde die Bank in den Strudel eines Börsenkrachs hineingezogen. Um sein privates Konto auszugleichen, lieh Schumpeter sich Geld. Zehn Jahre stotterte er Schulden ab.

1925 heiratete er die Wiener Portierstochter Annie Reisinger - eine Liebeshochzeit über Standesgrenzen hinweg. In Bonn, wo Schumpeter eine Professur angetreten hatte, erlitt sie eine traumatische Schwangerschaft. Annie verstarb bei der Geburt ihres Sohnes, der sie nur um Stunden überlebte. Bis an sein Lebensende füllte Schumpeter Tagebuch um Tagebuch mit innerer Zwiesprache und Gebeten an Annie und Johanna, die Mutter. Elizabeth Broody, die Gefährtin seiner letzten Jahre in Harvard (USA), fand sich mit diesen Exerzitien der Trauer ab.

"Im Kapitalismus wie in Schumpeters Leben war nichts je von Dauer. Aufruhr war ihre einzige Musik", schrieb Thomas McGraw. Dass Schumpeter unter diesen Umständen seine Produktivität und seinen Glauben an den Kapitalismus bewahrte, grenzt an ein Wunder.

Dass der Kapitalismus trotz seiner langfristigen Überlegenheit unterzugehen drohe, ist aus Schumpeters Sicht eher Warnung denn Verheißung. Wenn die Gesellschaft nicht achtgebe, höhle er die sozialen Grundlagen aus, ersticke an seinem Erfolg, erschöpfe sich in Routine und wertblindem Rationalismus. In den Worten McGraws: "Genauso wie die wirklichen Maschinen kann auch die kapitalistische Maschine an Schwung verlieren, stottern, sich überhitzen, zerbersten oder zum Stillstand kommen."

In seinen letzten Lebensjahren befasste sich Schumpeter mit der Frage, wie dieser Niedergang zu verhindern sei. Während er die "gemischte Wirtschaft" untersuchte, in der auch der Staat eine aktive Rolle zu spielen habe, wuchs ihm die Anerkennung der Fachwelt zu. Genau 100 Jahre nach dem Erscheinen des "Kommunistischen Manifests", ein reichliches Jahr vor seinem Tod, war Schumpeter Präsident der American Economic Association geworden. Seine Präsidialadresse widmete er den visionären Denkern wie Marx, ohne die es keine Neuanfänge und keinen Fortschritt gäbe. "Obwohl wir wegen unserer Ideologien nur sehr langsam vorankommen", sagte er an jenem 30. Dezember 1948 in Cleveland, "kämen wir ohne sie vielleicht überhaupt nicht voran." Das Plädoyer für denkerische Freiheit und methodische Vielfalt wurde zu seinem Vermächtnis.

Eine kleine Ausstellung erinnert in Joseph A. Schumpeters Geburtsort an den weltberühmten "Propheten des Kapitalismus"

Schumpeters Geburtshaus in Triesch, etwa 150 Kilometer südöstlich von Prag, beherbergt heute die Touristinformation des Ortes und ein Heimatmuseum. Die Ausstellung ist vor allem den Weihnachtskrippen gewidmet, für die Triesch berühmt ist. Ein Zimmer informiert über Schumpeters Leben, von dem es hier aber kaum authentische Zeugnisse gibt. Schumpeter, der ab 1932 in den USA lebte und arbeitete, starb 1950 in Taconic/Connecticut. Er ist in Salisbury begraben. Alle persönlichen Unterlagen aus seiner Zeit in Europa verbrannten im November 1944 beim Bombenangriff der US-Airforce auf Jülich am Niederrhein, wo die Familie einer Freundin sie aufbewahrt hatte.

Die Familiengruft der Schumpeters auf dem Friedhof in Triesch empfiehlt sich noch heute für einen Besuch. Der Bau im Habsburger Gelb der Donaumonarchie beherbergt unter anderem den Sarg des Vaters, den Joseph Schumpeter im Alter von vier Jahren verlor. Die Familie Schumpeters lebte seit Luthers Zeiten in Triesch. Urgroßvater und Großvater waren deutschstämmige Katholiken und zeitweise Bürgermeister in der mehrheitlich von Tschechen bewohnten Stadt. In der Schumpeterschen Textilfabrik stand die erste Dampfmaschine des Ortes. Um 1900 begann der Niedergang des Unternehmens. Nach dem Ersten Weltkrieg spielte die Familie in Triesch keine Rolle mehr.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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