Simply-Red-Frontmann Mick Hucknall: "Der Kampf ist noch nicht vorbei!"

Der Sänger über Umweltschutz, den Brexit, Glück, Punk und das neue Band-Album "Blue Eyed Soul"

Dublin.

Es sieht so aus, als habe der Schöpfer Mick Hucknall aus einer Laune heraus mit einem roten Schopf und einer schwarzen Stimme ausgestattet. Jetzt meldet sich der "dickköpfige Rothaarige mit dem übergroßen Ego" (Hucknall über Hucknall) mit einem klassischen Simply-Red-Album zurück. Im Zentrum von "Blue Eyed Soul" steht die warme, prägnante Soulstimme des 59-jährigen Briten: eingebettet in einen eigenwillig jazzigen Dance-Sound, der eindeutig als Simply Red wiederzuerkennen ist. Olaf Neumann hat mit Mick Hucknall gesprochen.

Freie Presse: Mr. Hucknall, "Sweet Child" ist eine Ode an Ihre Tochter Romy True Hucknall. Wie hat sie Ihr Leben verändert?

Mick Hucknall: Eigentlich ist es eine Ode an alle Kinder dieser Welt. Wenn man sich den Zustand unseres Planeten anschaut, stellt man fest, dass wir unsere Kinder hängen gelassen haben. Meine Generation ist ihrer Verantwortung nicht nachgekommen; viele unserer Politiker belügen uns. Ich will, dass das aufhört. Ich bewundere die Kids, die sich dafür einsetzen, dass unser Planet eine Zukunft hat. Ich wünschte, wir Erwachsenen würden alles tun, um sie dabei zu unterstützen.

Was brauchen Sie, um beim Singen Ihre Seele nach außen zu kehren?

Das passiert bei mir wie selbstverständlich, speziell bei dieser Platte. Wahrscheinlich sehen viele Leute in mir einen Blue-Eyed-Soul-Singer. Das habe ich zum Konzept der neuen Platte erhoben. Es gibt darauf keine Mehrdeutigkeiten, wir fokussieren uns auf Funk, Soul und R&B. Ich liebe die Wahrheit, die Realität; ich hasse Lügen und Lügner. Ich sehe diese Platte als eine Flucht vor einer unsäglichen und unerträglichen Situation. Die Populisten in der Politik machen mich wahnsinnig. Musik ist für mich eine Möglichkeit, dieser ganzen Scheiße für eine Weile zu entkommen.

Was kann man gegen Politiker tun, die unsere Zukunft aufs Spiel setzen?

Ich möchte, dass dieser Planet in einem Zustand bleibt, der unser Überleben sichert. Wenn wir so zerstörerisch wie bisher weitermachen, wird die Spezies Mensch wahrscheinlich eines Tages aussterben. Das ist keine Hysterie. Vor zwei Jahren war ich mit einem Schiff, das von der National Geographic Society finanziert wurde, in Grönland. Wir konnten dort sehen, wie die Gletscher schmelzen. Wir müssen mehr dagegen tun! In dem Song "Ring That Bell" läute ich die Alarmglocken. Aufwachen, wir haben ein echtes Problem! Wir sind umzingelt von Dieben und Klimawandelleugnern.

Wer könnte in Ihrer Heimat das Ruder herumreißen?

(atmet tief durch) Ich muss gestehen, dass ich als Brite echt beschämt bin. Ich bin nur zum Teil englisch, meine Großmutter war Schottin und mein Großvater Ire. Mein Vater ist im Nordwesten Englands aufgewachsen. Ich bin ein Nachfahr der alten Kelten. Die Brexit-Sache ist eine angelsächsische Angelegenheit, keine rein englische. Wenn man mich fragt, würde ich das Ganze stoppen.

Spiegelt sich der politisch denkende Mensch Mick Hucknall in seiner Musik wider?

Diese Platte ist nicht besonders politisch, abgesehen von "Ring That Bell". Ich will mich auch mal entspannen und für eine Weile nicht an Politik denken, weil es mich verrückt macht. Ich will nicht, dass mein Land gespalten wird.

Welche Auswirkungen würde der Brexit auf die Musikindustrie haben?

Katastrophale! Dahinter stecken alte weiße Leute. In dem Song "Take A Look At Yourself" mache ich mir darüber Gedanken, indem ich die Frage stelle: Bist du nicht glücklich mit dem, was du in deinem Leben erreicht hast? Warum willst du Mauern bauen? Wir feiern gerade den Fall der Berliner Mauer, aber diese alten weißen Politiker wollen neue Mauern bauen. Ich als Musiker will aber Grenzen einreißen. Der Kampf ist noch nicht vorbei!

Was spricht aus Ihrer Sicht für die EU?

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die EU sich reformieren muss. Aber Großbritannien kann nicht von außen dazu beitragen. Deshalb müssen wir drin bleiben und uns an den Problemlösungen beteiligen.

Singen Sie Liebeslieder, weil Liebe die effektivste Antwort auf Hass ist?

Ja. "Complete Love" wurde inspiriert durch den Nat-King-Cole-Song "Nature Boy". Darin gibt es eine wundervolle Zeile: "The greatest thing you will ever learn is just to love and be loved in return". Das ist eine der schönsten Botschaften, die man an die Menschheit schicken kann. Wenn ich eines Tages sterbe, werde ich aus tiefster Überzeugung sagen können, dass ich geliebt habe und zurückgeliebt wurde.

Sie bezeichnen sich selbst als dickköpfig. Haben Sie sehr genaue Vorstellungen davon, wie Simply Red klingen sollen?

Nicht wirklich, nein. Aber diese Platte konzentriert sich mehr als alle anderen Alben von Simply Red auf einen bestimmten Sound: Soul, Rhythm 'n' Blues und Funk. Der farbige Jimi Hendrix spielte Songs von einem kleinen weißen Juden aus dem Mittleren Westen namens Bob Dylan. Schwarz und Weiß arbeiten seit 100 Jahren zusammen. Ich möchte alle dazu aufrufen, nicht mehr zwischen diesen Divisionen zu trennen.

Was ist das Problem?

Musikjournalisten sind geradezu besessen von der Trennung zwischen Schwarz und Weiß. Die Frage: "Sollten weiße Typen Soul-Musik singen?" ist völliger Schwachsinn und klingt für mich wie eine Forderung nach Rassentrennung. Das Bizarre daran ist, dass die Leute, die so was äußern, sich als weltoffene Liberale bezeichnen. Ich erinnere mich, wie Michael Jackson von sogenannten unvoreingenommenen linken Journalisten dafür kritisiert wurde, mit dem weißen Rocker Eddie van Halen zusammenzuarbeiten. Lächerlich!

Angefangen haben Sie mit Punk. Hatten Sie ein musikalisches Erweckungserlebnis?

Das ist richtig. Ich habe die Sex Pistols 1976 gesehen. Damals war ich 16 Jahre alt. Ein Kindergartenfreund und ich sind dort hingegangen. Er ist bis heute einer meiner besten Kumpels. Was mich an den Sex Pistols begeisterte, war nicht ihr Musikstil, sondern ihre Fähigkeit, junge Kids wie mich zu inspirieren. Sie gaben mir wirklich das Gefühl, dass ich das auch kann. Ihre Musik klang wie im Schlafzimmer gemacht. Ihnen gegenüber standen Unberührbare wie die Rolling Stones und Led Zeppelin. Die Sex Pistols haben mich und meine Freunde dazu inspiriert, uns zu einer kleinen Band zusammenzutun.

Sind Sie letztlich der geworden, der Sie immer sein wollten?

Größtenteils ja. Und sogar mehr. Ich bin sehr glücklich, dass ich einen Beruf gefunden habe, den ich wirklich liebe. Ich weiß, dass niemand alles haben kann, was er sich wünscht, aber wenn man mit seinem Leben nicht glücklich ist, sollte man etwas ändern. Ich finde, wer nur mäßig glücklich ist, ist auch ein bisschen faul.

Wie meinen Sie das?

Viele Leute sind zum Beispiel mit ihrem Job unzufrieden. Aber sie machen einfach weiter wie bisher und werden mit den Jahren immer verbitterter. Sie finden quasi Gefallen an ihrem Unglücklichsein. Ich glaube, dass ist das Problem einiger dieser Brexiteers. Sie sind alt, weiß und unzufrieden. Wahrscheinlich sind sie böse mit sich selbst wegen ihres unerfüllten Lebens. Sie waren mal sehr ehrgeizig, aber es brachte alles nichts, weil sie aus irgendeinem Grund nicht drangeblieben sind. Deshalb sage ich: Wenn du deinen Job hasst, such dir einen neuen! Du hast nur ein Leben.

simplyred.com

 

Mick Hucknall

Geboren ist Mick James Hucknall am 8. Juni 1960 im britischen Manchester. Er wächst im Arbeiterviertel Denton auf und gründet 1976 die Punkband Frantic Elevators, die 1982 die Single "Holding Back The Years" herausbringt. Vier Jahre später nimmt Hucknall den Song mit Simply Red neu auf - und landet damit einen Welthit. Das vierte Album "Stars" entwickelt sich 1991 mit 8 Millionen verkauften Einheiten zum Top-Seller des Jahres. Das Folgealbum "Life" wirft den Nummer-1-Hit "Fairground" und die Fußballhymne "We're In This Together" ab. Bis heute haben Simply Red weltweit über 50 Millionen Tonträger abgesetzt. Hucknall lebt mit seiner Frau Gabriela Wesberry und seiner Tochter Romy True abwechselnd in Irland und auf Sizilien.

Live sind Simply Red unter anderem am 31. Oktober 2020 in der Arena Leipzig und am 2. November 2020in der Mercedes-Benz-Arena Berlin zu erleben.

freiepresse.de/meinticket

 

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