Singen gegen die Angst

Liedermacher Klaus Hoffmann über Pathos als Balsam, unsterbliche Helden, alberne Kollegen und gute Menschen

Die Mär vom armen Poeten pflegt Klaus Hoffmann zwar nicht - und doch ist der Besucher überrascht, der sein Büro in einem ebenso imposanten wie edlen Jugendstilhaus auf Berlins Flaniermeile Kurfürstendamm betritt. "Als wenn es gar nichts wär" hat Deutschlands bester Chansonnier denn auch seine Erinnerungen "Aus meinem Leben" überschrieben - und spielt doch dabei einmal mehr nur mit der Sprache. Denn natürlich gehört viel dazu, sich vor ein Publikum zu stellen und zu singen. Noch dazu in dieser ganz eigenen, an Metaphern so reichen und oft verschnörkelten Sprache, die der 68-Jährige Sänger und Gitarrist zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Und so geht er denn auch nach bald fünf Jahrzehnten noch immer seinen ganz eigenen Weg, ein ewig Suchender, ein ewig Zweifelnder, der in seinen Liedern oft sein Innerstes nach außen kehrt - und doch den Hörer ob seiner Neigung zur Ironie oft rätseln lässt. Christoph Forsthoff hat mit Klaus Hoffmann gesprochen.

Freie Presse: Im PR-Text zu Ihrer CD "Aquamarin" heißt es, Sie seien mit dem Album wie mit keinem zuvor bei sich angekommen. Wann ist der Mensch bei sich selbst angekommen?

Klaus Hoffmann: Wenn er diesen Satz wie eine Antithese nimmt, sie dreimal in die Luft wirft und sagt: Niemals und never, die Reise geht weiter. Es ist einfach Quatsch. Ich hätte das Album auch "Amarcord" betiteln können: Das heißt im Italienischen "Ich erinnere mich", und mit eben diesem Gedanken beschäftige ich mich schon die letzten drei Alben - so gesehen, ist da jetzt etwas angekommen. Doch das Ankommen ist ein Ideal, ein romantisches Bild - den Aquamarin kannst du jetzt auch in die Luft werfen und gehst weiter ... was haben Sie eigentlich gefragt?

Wann ist der Mensch bei sich selbst angekommen?

Immer wieder neu.

Letzten Endes also nie ...

... im Endeffekt immer. Ich hatte immer Angst, mich zu verlieren, und ein Stück weit ist die Bühne für mich bis heute ein unheimlicher Ort, mich auch lustvoll zu verlieren. Und ein geschützter Ort: Ich gehe da raus, die Texte stehen mehr oder weniger fest, und wenn ich mich daran halte, macht der Schauspieler Hoffmann schon eine Menge guter Sachen. Der Regisseur Tom Toelle hat immer zu mir gesagt: Du singst im Grunde, um Deine Ängste auch zu bewältigen, Du willst Dich verlieren im Schutz dieses Auditoriums. Natürlich könnte ich stattdessen auch eine Religion anstreben - haben Sie etwas im Angebot?

Die fernöstlichen Weisheiten sind ja wieder sehr gefragt.

Das habe ich auch schon alles erlesen, damals in den 70er-Jahren. Letztlich ist es immer die Suche nach einem, der die Sinnsuche für dich klärt. So gesehen kommst du immer wieder neu bei dir an und verlierst dich wieder neu - und durch die Liebe kannst du dich letztlich vielleicht so verlieren, dass du nicht verloren gehst.

Das gilt dann also auch für Sie selbst?

Ich habe mal ein Lied gemacht, das "Zeit zu leben" heißt und für das ich die Zeilen eines Graffiti genommen habe: "Halt es fest, sagt der Kopf, lass es los, sagt das Herz". Nicht der Fall ist der Tod - dieses Verlieren und Loslassen - das Festhalten ist im Grunde der Sterbevorgang. Schwer zu verstehen für so einen Festhalter wie mich. Insofern ist der Aquamarin vielleicht ein kindlicher Ausdruck, einmal etwas anzustiften, das außerhalb der politischen Korrektheiten und meiner sonstigen Hausordnungen liegt.

Was Ihnen dabei nach wie vor wichtig scheint, ist das Pathos. Passt das noch in unsere Zeit?

Nein, überhaupt nicht. Aber es wird wieder kommen. Schauen Sie doch mal in den Bundestag: Dort nutzen sie auf der rechten Seite das Pathos, um laut zu werden. Andererseits: Was ist Pathos eigentlich? Bei den Franzosen würdest du sagen, es gehört dazu, wenn Brel mit den Ohren gewackelt und sich im Grunde bis zur Karikatur vernichtet hat auf der Bühne. Im Gegensatz zu den langweiligen deutschen Liedern, die noch bis vor nicht allzu langer Zeit auf einer austauschbaren Tonspur liefen. Doch zum Glück gibt es jetzt wieder mehr, die pathetisch daherkommen.

Ihre Lieder sind im Pathos also Balsam für Ihre eigene Seele?

Ja, und zum Glück habe ich mir diesen Balsam jetzt wieder einmal gegönnt. Denn ich selbst bin doch auch nie unberührt aus dem Konzert eines Leonard Cohen oder David Bowie gegangen - und trotzdem bin ich nicht verblödet.

Sie haben in fast fünf Bühnenjahrzehnten über 600 Lieder geschrieben. Hatten Sie nie Angst, sich zu wiederholen?

Absolut. Das macht man ja auch. Aber es ist doch völlig unwichtig - entscheidend ist, dass du es machst. Ich hoffe doch auch, dass ein Bob Dylan sich wiederholt und kaufe mir sein neues Album, um eben das zu hören. Säße er hier, würde er sagen: Das geht mir völlig am Arsch vorbei - Hauptsache ich schreibe und sage, was ich zu sagen habe.

Ihr musikalischer Papa, Charles Aznavour, dem Sie auch ein Lied auf Ihrem neuen Album gewidmet haben, ist letzten Herbst gestorben. Ist damit auch in Ihnen etwas gestorben?

Ich war auf einer Fähre von Dänemark nach Sylt, als ich die Nachricht auf meinem Handy las - und das hat mich geschockt. Das war ähnlich wie beim Tod der Knef, die ich auch sehr verehrt und geliebt habe, gerade im musikalischen Bereich. Doch etwas gestorben? Aznavour ist für mich ebenso wenig gestorben wie ein Yves Montand oder ein Jacques Brel - da bin ich kein Apotheker, denn ich will ja nichts erhalten oder eine Mode bewahren, sondern bin froh, meine Musik machen zu können. Und die ist eben durchzogen von diesem Blümeranten und auch ein wenig Parfümierten dieser Zeit.

Einer Zeit, die sich nicht allein in Ihren Liedern widerspiegelt, sondern auch im Publikum, das mit Ihnen älter wird. Haben Sie keine Ambitionen, jüngere Menschen in Ihre Konzerte zu locken?

Soll ich mich wie einige Kollegen hinstellen und sprachlich auf die Kacke hauen, um Jugendslang vorzugeben? Das würde ich nie machen. Aber deshalb bin ich trotzdem noch nicht im Altenheim unterwegs und hätte davor auch keine Angst: Hauptsache, ich mache es gut. Ich spreche nun mal keine Familien mit Kindern an wie ein Hermann van Veen. Seine Platten kaufen die jungen Leute übrigens dennoch nicht. Und was sollte ich dafür tun? Mich greller anziehen? Das wäre doch völlig verblödet. (lacht).

Könnten Sie sich vorstellen, doch noch einmal politischer in Ihren Liedern zu werden?

Mal sehen. Ich habe jetzt wieder ein altes Lied herausgekramt, "Stein auf Stein" von 1991: "Ich geh auf den vereinten Straßen, es riecht nach Dummheit und Gefahr..." Aber da muss ich noch mutiger werden, um zu sehen, was ich sagen will, denn ich erzähle doch jetzt nicht einfach bloß etwas zu Angriffen auf Asylbewerber: Da ist doch sowieso klar, dass wir die Guten sind.

Ist das so?

Na sicher! In den humanitären Aufgaben in dieser Welt, mit deinen Liedern und deiner Arbeit nützlich sein zu wollen, ist doch klar, dass Fremdenhass und jede Art von Diskriminierung scheiße sind! Die Frage ist, ob die Zeit wirklich danach ruft, dass wir das lauter machen müssen. Da tue ich mich schwer.

Inwiefern?

Weil ich zu diesen Themen ohnehin schon immer etwas erzählt habe, aber eben auf meine Art. In meinen Liedern beschreibe ich mein Weltbild: Auf welcher Seite stehst du? Tust du etwas für die Welt? Setze Liebe gegen den Hass, gegen den Extremismus und die Populisten. Doch als Sänger sollte man nicht auf jeden Zug aufspringen. Nur leider sind die Rechten sehr laut geworden - und da können meine Lieder schon sehr nützlich sein, jemanden zu haben, der Widersprüche aufwirft.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...