Spannende Bibelstunde im Vogtland: Die heilige Sünderin

Eine Ausstellung im Schloss Voigtsberg widmet sich dem Mythos Maria Magdalena - mit ungewöhnlichen Sichten auf diese besondere Frau von Lucas Cranach dem Älteren bis zu Lady Gaga. Sehr sehenswert!

Oelsnitz/Vogtland.

Diese Überraschung ist gelungen: Gleich zu Beginn begegnen dem Besucher im Schloss Voigtsberg per Video Lady Gaga, die zumindest älteren Disco-Gängern vielleicht noch bekannte Sängerin Sandra und Szenen aus dem Musical "Jesus Christ Superstar". Diese Bilder und Klänge erwartet man nicht unbedingt in einer Ausstellung, die sich "Maria Magdalena - Glaube & Mythos" nennt.

Und doch haben sie alle mit jener Frau zu tun, die nach dem Bibeltext Jesus als Erste nach der Auferstehung begegnete, daher als Apostelgleiche, "Apostelin der Apostel", bezeichnet wurde. Maria Magdalena, die aber auch als die Jesus die Füße waschende "Sünderin" in der Bibel erscheint, wonach über Jahrhunderte eine männliche Sicht auf die biblische Geschichte aus der Sünderin Maria Magdalena die "heilige Hure" machte, weil sich Männer wohl diese "Sünde" am meisten wünschten und am ehesten vorstellen konnten. Auf diese ambivalente Interpretation der biblischen Figur spielen auch die Zitate aus der Popkultur an, die im Schloss Voigtsberg zu sehen sind. Doch die Ausstellung fasst den Mythos Maria Magdalena viel weiter.

Optischer und gedanklicher Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein kleines Gemälde aus dem Museumsbestand aus der Werkstatt Lucas Cranach des Älteren: "Heilige Maria Magdalena mit dem Salbgefäß". Spannend und nicht nur entlang ei-nes Zeitstrahls vom Mittelalter bis in die Gegenwart erlebt der Besucher eine Reise durch die Jahrhunderte und deren unterschiedliche Sicht auf Maria Magdalena - zwischen reuiger Sünderin und selbstbestimmter Frau und Verkünderin der Botschaft Jesu. Darunter finden sich hochkarätige Werke von Albrecht Dürer (1471 - 1528) und Miniaturen von Jacques Callot (1592 - 1632), aber auch zeitgenössische Interpretationen der Maria Magdalena: Werner Tübke und Michael Triegel lehnen sich an alte Meister an. Siegfried Otto-Hüttengrund hat eigens ein Bild für die Ausstellung geschaffen, mit dem er Gerechtigkeit für die heilige Sünderin fordert. Darüber hinaus sind Installationen und Collagen aus Litauen, Italien und Südamerika zu sehen, auch eine Erinnerung an Maria Magdalena als die Schutzheilige der Bergleute in einer Plastik von Friedhelm Schelter.

Vieles wird nur angerissen, vor allem die Verbindungen zwischen bildlichen und literarischen Darstellungen der Maria Magdalena kommen in den sonst sehr informativen Begleittexten etwas kurz. Dan Browns "Sakrileg" und "Der heilige Gral und seine Erben", das Maria Magdalena zur Frau Jesu und Mutter seiner Kinder erklärt, werden etwas ausführlicher erwähnt.

Aber gerade deshalb ist die Ausstellung doch Anregung und ein wunderbarer Beitrag zu den feministischen Diskussionen der Gegenwart, thematisiert sie weibliche Selbstbestimmung, die weibliche Sicht auf die Welt und, im christlichen Kontext, auf Jesus als Inkarnation eines männlichen Erlösers. Sie könnte fast eine üppige Illustration zu Luise Rinsers (1911 - 2002) Roman "Mirjam" von 1980 sein, in dem die Autorin die Geschichte des Jesus von Nazareth aus der Sicht Maria Magdalenas erzählt, ihn eher als menschlichen Bruder denn als göttlichen Erlöser darstellt und ihm auch eine weibliche Seite zugesteht. In dem Roman sagt Mirjam zu Jesus: "Den Feind lieben, sagst du. Aber gibt es denn überhaupt Feinde? Ich meine, man ist doch nicht von jeher Feind. Man wird's. Aber warum? Aus Angst, aus Habsucht, aus Neid, aus Eifersucht. Aus all dem macht man sich selber einen Feind." Jesus belehrt Mirjam: "Nicht Furcht vor Strafe hält ab vom Töten des Lebens und der Seele. Nur die Erkenntnis vom Einssein alles Lebendigen schafft das Friedensreich. Sag das den anderen. Sag es allen! Sag es tausend mal tausendmal. Dies ist mein Auftrag an dich: Lehre die Einheit alles Lebendigen, lehre die Liebe." So wie der Literaturkritiker Franz Alt 1984 in der "Zeit" befand, "Mirjams Jesus zeigt eine Möglichkeit zur Feminisierung unserer Gesellschaft", könnte man sagen: Die Ausstellung im Schloss Voigtsberg zeigt ebenfalls eine Möglichkeit der Feminisierung der Gesellschaft, die das heute vielleicht nötiger hat als vor 40 Jahren.

Die Ausstellung "Maria Magdalena - Glaube & Mythos" im Schloss Voigtsberg in Oelsnitz/Vogtl., Schloßstraße 32, ist noch bis zum 27. Oktober zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags und feiertags, 11 bis 17 Uhr, zudem am Montag, 22. Juli, 11 bis 17 Uhr.

www.schloss-voigtsberg.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...