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Spektakuläre Tanzaufführung auf dem Schlossteich

Das fühlte sich doch schon wie Kulturhauptstadt an: Wer am Samstagnachmittag in Chemnitz zu "Tanz Moderne Tanz" zwischen Janssen-Fabrik, Schlossteich und "Kraftwerk" unterwegs war, sah ungewöhnliche bis spektakuläre Bilder, viele Menschen und erlebte, wie gut gelaunt die Stadt sein kann.

Festival.

Die riesige Treppe auf dem Chemnitzer Schlossteich wippt gemächlich bis heftig, je nachdem, wie vorsichtig oder ungestüm die sechs Tänzerinnen und Tänzer auf ihr hin und her steigen, rennen, springen, sich gegenseitig heben. Mehrere hundert Zuschauer säumen währenddessen bei bestem Frühsommerwetter an diesem späten Samstagnachmittag das Ufer des Schlossteichs, stehen in mehreren Reihen hintereinander am Ufer an der Erich-Schmidt-Straße, weiter auf der Brücke bis danach in den Park hinein, zücken die Handys, geben Zwischenapplaus und raunen kollektiv, als einer der Tänzer im Wasser landet. Das war doch so nicht geplant, oder? Leise diskutieren die Zuschauer, während sie weiter gebannt auf die Tänzer schauen. Spätestens wenige Minuten später wissen sie: Der Abgang ins Wasser gehört zum Stück dazu, denn jetzt springt einer der anderen in hohem, eleganten Bogen ebenfalls in den Teich. Lautes Raunen, begeisterter Applaus - willkommen bei "Tanz Moderne Tanz"!

Die Aufführung auf dem Schlossteich gehört zu diesem derzeit stattfindenden Festival für zeitgenössischen Tanz, 2015 von der Chemnitzer Ballettdirektorin Sabrina Sadowska aus der Taufe gehoben und mittlerweile Kulturhauptstadt-Projekt. Das Stück heißt "The Weight of Water", "Das Gewicht des Wassers", und wird von der niederländischen Tanz-Kompanie Panama Pictures aufgeführt - und zwar zu Livemusik. Die elektronischen Klänge untersetzt mit E-Gitarre und Trompete hat der italienische Tänzer, Choreograf und Musiker Davide Bellotta komponiert, der sie zusammen mit einer Kollegin auf einer schwimmenden Plattform auf dem Teich auch erklingen lässt.

Die Treppe indes stammt von dem bildenden Künstler Rob van Dam, und von der war wiederum Choreografin Pia Meuthen so begeistert, dass sie das Tanzstück entwickelte. Das changiert tanzend zwischen Zirkusnummer und ernsthaftem Schauspiel. Spektakulär akrobatisch und teils schwindelerregend zum einen die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, mitunter rasend schnell auf der wippenden Treppe hin und her. Zum anderen aber alles auch ein Sinnbild für die Fragilität unserer Welt. Die Tänzerinnen und Tänzer in ihren geschäftlich wirkenden Anzügen und Kleidern zeigen ein Ringen um Macht, Dominanz, Balance und auch, wie leicht sie jemanden über die Klinge - oder besser ins Wasser - springen lassen. Es erinnert ein bisschen an Weltpolitik. Wie manche auch strampeln müssen, um an Bord zu kommen, das zeigte der erste ins Wasser abgegangene Tänzer, der dann nass-triefend an einem Griff an der Außenwand der Treppe zappelte. Wobei es dann doch auch die eine oder andere ausgestreckte Hand gab. Eben ein Ringen um Macht, aber auch um Balance.

In jedem Fall aber ein großartiges Stück, perfekt inszeniert vor der Kulisse von Schlosskirche auf der einen und bunter Esse auf der anderen Seite. Und es machte den Schlossteich erneut zu einem Ort für außergewöhnliche Kunst. 2020 ruhte hier noch das halb versenkte Auto im Teich, eine Installation der Open-Air-Ausstellung "Gegenwarten", und nun die Tänzer auf der Treppe. So werden alte Plätze der Stadt mit neuen Bildern aufgeladen, die im kollektiven Gedächtnis bleiben werden.

Schon kurz vor dieser Aufführung hatte es ein paar Meter weiter gegenüber der Janssen-Fabrik ebenfalls eine ungewöhnliche Tanzaufführung des Festivals gegeben. An einem 2,50 Meter hohen Gestänge mit eingehängten Seilen schwebten und tanzten hier zwei Tänzerinnen des französischen Ensembles Retouramont in der Waagerechten. Zu entspannt-chilliger Musik aus dem Lautsprecher zeigten sie in den Seilen hängend elegante, meditativ wirkende Drehungen um die Stangen, immer quer zum und kurz über dem Boden, die Schwerkraft quasi austricksend - synchron oder auch sich gegenseitig haltend oder umschlingend.

Oder auch die Stangen hoch kletternd: Eine der Tänzerinnen bewegte sich am obersten Punkt des Gestänges zur Musik nur mit dem Bauch auf einem sich drehenden Knauf ruhend - Arme, Kopf und Beine elegant in Rückbeuge gen Himmel gerichtet. Auch hier fanden sich bereits um die gut hundert Zuschauer ein, die begeistert Beifall spendeten, bevor sie weiter zur Treppe auf dem Schlossteich zogen und sich hier viele weitere Zuschauer hinzugesellten.

Und nur ein paar Meter weiter gab es wieder Musik, viele Tänzer, viele Zuschauer. Im Veranstaltungshaus "Kraftwerk" war die "Soul Expression" im Gange. Eine Hip-Hop- und Breakdance-Veranstaltung, bei der sich Jugendliche, Erwachsene und auch Kinder in den Battles, also kurzen tänzerischen Wettstreiten, gegenseitig zeigten, was sie draufhaben. Auch hier unfassbare Körperbeherrschung in weiter Bandbreite: von den typisch federnden oder auch roboterhaften Bewegungen bis hin zu akrobatischen Elementen mit einarmigen Handständen oder Drehungen auf dem Kopf. Die "Soul Expression" fand zum ersten Mal wieder nach langer Pause statt und ist diesmal ebenfalls Teil von "Tanz Moderne Tanz". Und dass diese Jugendkultur damit auch Eingang finde in die sogenannte Hochkultur - da der Tanz des Festivals seine Wurzeln auch im Ballett hat - sei nicht selbstverständlich, aber großartig, sagte Moderator Martin Ludenia. Auch hier: großer Applaus des Publikums.

Der Tanz auf dem Schlossteich und an der Janssen-Fabrik ist heute am Sonntag erneut zu erleben: Der Tanz von Retouramont auf der Wiese gegenüber der Janssen-Fabrik um 17 Uhr, der Tanz auf dem Schlossteich von Panama Pictures um 17.45 und 20 Uhr. Eintritt ist jeweils frei.

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