"Spiel des Grauens" berührt Herz und Kopf gleichermaßen

130 Jugendliche aus der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge haben sich an brisanten Theaterstoff gewagt: Musik im System der Vernichtung. Das Experiment ist gelungen.

Annaberg-Buchholz.

Der Name Auschwitz-Birkenau steht für das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind in dem Komplex ermordet worden. Ein Ort des Grauens - und einer, an dem Kunst schier unmöglich scheint. Und doch hat es sie auch dort gegeben. So haben zwischen Frühjahr 1943 und Herbst 1944 rund 44 junge Musikerinnen im dortigen Mädchenorchester gespielt. Etwa im gleichen Alter wie viele der Mädchen damals hat diese Geschichte unter anderem Emma Schröer aus Geyer berührt. Die angehende Abiturientin aus der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge in Annaberg-Buchholz hat sich über ein Jahr intensiv mit dem Thema "Musik im System der Vernichtung" auseinandergesetzt und am Beispiel des Frauenorchesters von Auschwitz aufgearbeitet. Entstanden ist neben einer 100-seitigen Facharbeit dazu auch das Bühnenmanuskript für ihr eigenes Theaterstück "Spiel des Grauens", das bei seinen zwei öffentlichen Vorführungen für ein ausverkauftes Eduard-von-Winterstein-Theater gesorgt hat.

Und mehr noch: Nach fast zwei Stunden Spiel auf der Bühne gibt es vom sichtlich berührten Publikum minutenlang stehende Beifallsbekundungen. Zum einen für die guten schauspielerischen Leistungen, die durchweg zu sehen waren von der eigens für dieses Projekt neu gegründeten Theatergruppe. Besonders die Mädchen des Orchesters geben dabei ein plastisches Bild von der inneren Zerrissenheit, in der sie sich befinden: Einerseits wollen sie nicht das System unterstützen, wollen nicht zum Amüsement dieser "perversen Kreaturen" spielen und schon gar nicht Begleitmusik für die Arbeitskolonnen sein, wenn sie aus beziehungsweise in das Lager getrieben werden. Doch auch sie wollen überleben. Und für die Mädchen bietet an diesem Ort nur die Musik die Chance zum Überleben. Das macht ihnen auch die unnachgiebige und strenge Leiterin immer wieder deutlich - eindrucksvoll gespielt von Karoline Schellenberger. Sie verkörpert Alma Rosé, die Nichte des Komponisten Gustav Mahler und selbst eine ausgezeichnete Violinvirtuosin. Sie hat von August 1943 bis zu ihrem mysteriösen Tod im April 1944 das Mädchenorchester geleitet. Bittere Ironie des Schicksals: Außer ihr überlebten alle Musikerinnen das Lager, das am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Nicht weniger beeindruckend sind die musikalischen Darbietungen, die gezeigt werden - überwiegend vom Musikleistungskurs des diesjährigen Abiturjahrganges. Als Gesangssolistin ist dabei besonders Lisa Seidler herauszuheben, die vor allem mit einem unerwarteten Stimmumfang überrascht. Der Chor der Schule, der sich vor allem mit fulminanten Aufführungen großer Werke längst einen Namen weit über das Erzgebirge hinaus gemacht hat, unterstützt als kraftvolle Klangkulisse immer wieder die Szenerie auf der Bühne. Die kommt ansonsten mit spartanischem Requisitenapparat aus und arbeitet mit wenigen, aber starken Bildern in Großformat als Bühnenhintergrund.

Mit ihrer Inszenierung wollen die Jugendlichen nicht nur an die Ereignisse vor 75 Jahren erinnern, sondern "aus der Kraft der Erinnerung" in der Gesellschaft wieder "den Mut wachsen lassen" zu Toleranz und Integration. Deshalb unterstützen sie mit den Einnahmen des Projektes einen Verein in Annaberg-Buchholz, der sich für das Thema Integration stark macht. Ende Januar gibt es noch einmal zwei Aufführungen.

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