Startschuss für den Sozialstaat: Wie man in den Niederlanden vor 200 Jahren das Armutsproblem bei der Wurzel packte

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Anfang des 19. Jahrhunderts lebten in dem Land der Tulpen, zu dem seinerzeit auch das heutige Belgien gehörte, so viele Menschen am Rand des Existenzminimums, dass Abhilfe dringend geboten schien. Die Idee, mit der dieses Problem gelöst werden sollte, klingt so einfach wie pragmatisch: Den Menschen sollte Arbeit gegeben werden, und es entstanden "Siedlungen der Barmherzigkeit".

Was engagierte Bürger nach dem Abzug der napoleonischen Truppen 1818 in die Tat umsetzten, war radikal und visionär. Es war sozusagen der Startschuss für den Sozialstaat, denn einen Anspruch auf regelmäßige Hilfe kannten die Notleidenden bis dahin nicht. Sie lebten von Almosen und Bettelei. Von Ideen der Aufklärung geleitet - wie etwa der These, dass der Mensch formbar sei - war das Handeln der neu gegründeten Gesellschaft für Wohltätigkeit getrieben. Ihre Mitglieder sorgten mit Beiträgen für das Kapital, mit dem Heide- und Moorflächen günstig erworben werden konnten - zunächst in Frederiksoord, wo die erste der sieben sogenannten Siedlungen der Barmherzigkeit angelegt wurde: die weltweit größte Maßnahme dieser Art.

In dem entlegenen Flecken im Norden der Niederlande ließen die Wohltäter komplett eingerichtete Häuschen (mit je einer Scheune) bauen. Das dazugehörende, ein Hektar große Grundstück, auf dem auch eine Kuh weidete, mussten die Bewohner zwei Tage in der Woche landwirtschaftlich bearbeiten. An vier Tagen war ihre Arbeitskraft auf den Gemeinschaftsflächen gefragt. Denn das Sozialprojekt sollte auch Einnahmen generieren. Nach 16 Jahren, so der Plan, sollten die Siedler die für sie aufgewendeten Investitionen zurückgezahlt haben.

Wer heute nach Frederiksoord reist, in die bislang nicht als touristischer Hotspot bekannte Provinz Drenthe, dem wird sich der besondere Charakter dieser Siedlung nicht auf den ersten Blick erschließen. Eine baumbestandene Durchfahrtsstraße, repräsentative Altbauten und kleine Bauernhäuser, alle von gepflegten Gärten umgeben. Dahinter auf der einen Seite Wald, auf der anderen Wiesen und Weiden. Unspektakulär - und doch trägt diese Siedlung wie zwei weitere seit Sommer 2021 den von der Unesco vergebenen Titel Weltkulturerbe. Historisches Verständnis vermittelt das neue Museum "De Proefkolonie".

 

 

 

Anhand fünf exemplarischer, aufwendig in Szene gesetzter Familienbiografien, wird ein Schlaglicht auf die prekäre soziale Situation jener Zeit geworfen. Dann tritt Johannes van den Bosch auf, der die Gesellschaft für Wohltätigkeit gegründet und die Idee der Agrarkolonien entwickelt hat. Und schließlich erfährt man, unterstützt von vielfältigen Materialien, wie sich das Leben in dieser Probesiedlung abgespielt hat. Kurz: Die Männer gingen aufs Feld, die Frauen an den Webstuhl und die Kinder zur Schule.

Neben den Kolonisten wohnten Aufseher und Direktoren in der neuen Siedlung, denn das Leben der Familien wurde streng kontrolliert. Doch war für sie auch alles bestens organisiert und geregelt. Selbst eine Krankenversicherung wurde seinerzeit für die Siedler eingeführt. Und das Haus des Doktors lag gleich auf der anderen Straßenseite.

Die Armensiedlung wurde innerhalb kurzer Zeit mit den Mitteln der Wohltätigkeitsgesellschaft aus dem Boden gestampft. Auch eine Kirche und eine Synagoge kamen später hinzu. Der heutige Hotel-Gasthof ist praktisch das einzige Gebäude, das bereits vor der Gründung der Siedlung existierte. Neben kleinen Kolonistenhäusern findet man in Frederiksoord Gebäude, in denen das Leitungspersonal lebte. Außerdem kann man die alte Schreinerei, das Schulgebäude, die Garküche und einen Botanischen Garten beim Streifzug durch den kleinen Ort entdecken.

Der Kampf gegen die Armut und der Versuch, die Menschen in die Gesellschaft zu (re-)integrieren, war ein soziales Experiment riesengroßen Ausmaßes. Man erfährt im Museum, dass heute jede 16. Niederländerin Verwandte in den Siedlungen habe. 70 Prozent der in Frederiksoord angesiedelten Menschen schafften es, sich dauerhaft aus der Armut zu befreien. Und das trotz der gravierenden Probleme, die sich schnell abgezeichnet hatten: mühselige Arbeit auf kargen Böden, zum Teil ungelernte und zum Teil unwillige Kolonisten. Nach rund 40 Jahren musste deshalb der niederländische Staat als Finanzier einspringen, um die Kolonien zu retten, in denen Mitte des 19. Jahrhunderts rund 18.000 Menschen lebten.

Geschichte lässt sich in den Siedlungen der Barmherzigkeit innen wie außen erleben. Die Struktur der Landschaft ist das signifikanteste Erbe des Sozialprojektes. Die langen, schnurgeraden Alleen, die hinaus in die stille Landschaft führen, sind charakteristisch. Wandernd oder radelnd sollte man sich diesen geschichtsträchtigen Ort erschließen - etwa auf der 36 Kilometer langen Wohltätigkeitsroute. Schnell ist die Partnersiedlung Wilhelminaoord erreicht, wo man zwei markante Gebäudekomplexe passiert, die Rustoorde, wo seinerzeit Senioren lebten. Denn auch die Altenpflege gehörte zu den Leistungen, die in den Kolonien erbracht wurden. Wer weiter radeln möchte, muss gute Kondition mitbringen. Gleich drei Nationalparks laden in der direkten Umgebung der einstigen Armensiedlung zu ausgedehnten Erkundungen ein.

Deutlicher noch als in Frederiksoord-Wilhelminaoord ist der Siedlungscharakter in Veenhuizen erhalten, eine der drei unfreien Kolonien, die 30 Kilometer nördlich liegt. Dort wurden neben Bettlern, Landstreichern und Obdachlosen zudem Waisen untergebracht, allerdings als Zwangsmaßnahme. Auch hier ging es darum, den Menschen durch Arbeit zu erziehen und ihm ein besseres Leben zu ermöglichen.

In Veenhuizen waren es keine kleinen Höfe, sondern große Vierflügelanlagen, die nach und nach errichtet wurden. Eine dieser Zwangsanstalten ist erhalten und beherbergt nun das Gefängnismuseum. Es erzählt die Geschichte der Kolonie, aber behandelt außerdem die Entwicklung der Strafen im allgemeinen. Eingefasst ist der Gebäudekomplex von einem System aus rechtwinklig verlaufenden Alleen und Kanälen. Drumherum stehen noch zahlreiche Häuser des ehemaligen Personals der Zwangssiedlung, eines geschlossenen Dorfes, das erst 1984 geöffnet wurde. Auffällig sind die auffordernden Texte an den Fassaden vieler Häuser: "Arbeite und bete", "Ordnung und Disziplin" oder "Durch Vorbilder lernen". Die schönen Rotbuchen, die manche Gärten schmücken, deuten an, dass dort früher die Direktoren wohnten. Nur sie durften diese Bäume pflanzen.

Man kann stundenlang durch diese Siedlung spazieren - etwa auf der sogenannten Lauschtour, bei der man ausgestattet mit einem Audiogerät an zahlreichen Stationen Wissenswertes zu hören bekommt. So gelangt man auch zu einem Gebäudekomplex, der aus der Zeit um 1900 stammt. Heute befindet sich hier eine Mikrobrauerei, deren Hopfen in Veenhuizen angebaut wird. Daneben wird die ehemalige Molkerei jetzt von einer Käserei genutzt, und einige Schritte weiter erreicht man das Handwerksviertel - Café und Fahrradverleih inklusive. In den Räumlichkeiten des gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Krankenhauskomplexes hat sich ein Hotel-Restaurant niedergelassen. Nebenan macht man Kaffeepause im lauschigen Gärtchen am Haus eines früheren Aufsehers.

Die Umnutzung des Baubestands gehört zum Managementplan, mit dem die sieben Siedlungen, die bis 1825 aufgebaut wurden, zukunftsfest gemacht werden sollen. Neben fünf im Norden der Niederlande gelegenen Siedlungen (außer den genannten noch Ommerschans und Willemsoord) befinden sich weitere zwei in der Provinz Antwerpen in Belgien, Merksplas und Wortel. Letztere wurde ebenfalls zum Weltkulturerbe erklärt.

In Merksplas ist der zentrale Bauernhof heute Infozentrum und Brasserie. Gegenüber entstehen in Bauernhäusern Bed and Breakfast-Unterkünfte. Und in der ehemaligen Koloniekirche werden auch schon mal Parties gefeiert. In der Wortel-Kolonie, die praktisch direkt an Merksplas anschließt, wurde der zentrale Hof zum Naturerlebniszentrum mit Jugendherberge entwickelt. Es tut sich jede Menge in den Siedlungen der Barmherzigkeit, die zum Teil erst in den 1990er-Jahren ihre Funktion verloren haben und dann schnell in Vergessenheit gerieten. Viele Gebäude standen lange leer und waren vom Verfall bedroht.

Die riesigen, insgesamt etwa 80 Hektar großen Areale der sieben Siedlungen, wo einst arme und straffällig gewordene Menschen lebten und arbeiteten, sind heute grüne Idyllen mit einer Vielzahl von Angeboten, die nicht nur auf Naherholung zielen. Sie sind darüber hinaus ein nachhaltiges Beispiel dafür, dass es gewaltiger Anstrengungen bedarf, um die Armut als ein Beispiel für soziale Missstände zu bekämpfen - gestern wie heute. Und nicht zuletzt auch dafür, dass man in diesem Bemühen nicht nachlassen darf.

kolonienvanweldadigheid.eu/de

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