Stimme im Kopf - KI beim Musikhören

Wie wird Künstliche Intelligenz den Musikmarkt der nächsten Jahre beeinflussen? Die Pop-Branche bereitet sich auf eine Übernahme vor - und übertreibt dabei gelegentlich.

Mannheim.

Automobilhersteller sind es, die dem Referenten für Zentrale Programmaufgaben beim Südwestfunk (SWR) Sorgen bereiten: "In der nächsten Fahrzeug-Generation wird es keinen Radioknopf mehr geben. Sondern nur noch Infotainment-Systeme, in die der Fahrer eigene Apps laden kann. Das wird für uns ein Riesenproblem", sagt Christian Hufnagel. Noch ist das Autoradio die letzte wichtige Bastion der Sender, was man an deren deutlichen Fokus auf Verkehrsmeldungen und "Blitzer-Reports" auch merkt: Ja, man kann an modernen Autoradios längst auch alle möglichen Speichermedien hören - wer es aber gern einfach hat, der dreht an den üblichen Reglern, die so vertraut sind wie die Lüftung. Doch moderne Autoradios gleichen immer mehr Tablet-Computern mit Touchscreen, die die ganze Bandbreite modernen Online-Entertainments draufhaben. Vorreiter Tesla liefert seine Autos längst serienmäßig mit Zugang zum Musik-Streamingportal Spotify aus. Die App eines Radiosenders wäre dann nur noch eine von vielen, und sie hätte eventuell nicht die allerbesten Karten.

Hufnagel experimentiert daher als Vorreiter in der ARD mit Künstlicher Intelligenz, um nicht den Anschluss zu verlieren. Erstes Ergebnis: Ein Chatbot, der sogenannte Elchbot, mit dem die Hörer erst über Staus, mittlerweile aber auch über allen möglichen Gossip plaudern. Das Programm, anfangs mühevoll redaktionell gepflegt, antwortet so wie Apples Siri mittlerweile großteils selbstständig. "Die Hörer wollen heute immer weniger auf ihre gewünschten Inhalte warten, man will Inhalte ,on demand'. Das lineare Radio sieht da alt aus", sagt Hufnagel: "Wir müssen die alte Coolness des Radios auf neue Geräte übertragen!" Im Fokus sind beispielsweise sogenannte Smart-Speaker wie Amazons "Alexa", mit deren Künstlicher Intelligenz man quasi sprechen kann. Plattenfirmen und Künstler bereiten sich etwa darauf vor, spezielle Anwendungen für solche Systeme bereitzustellen. Wenn jemand dann nach der Musik eines bestimmten Künstlers frage oder dessen Album bestellen will, könnte die Stimme des Sängers selbst antworten - wovon man sich viel verspricht.

Die Schlüssel dazu sind: Nutzerdaten. Das wurde beim "Future Music Camp", das sich am Donnerstag und Freitag an der Pop-Akademie Mannheim dem Thema Künstlicher Intelligenz in der Musikbranche widmete, mehr als deutlich. Sie sind es, die das gesamte Geschäftsmodell einer Branche in den Umbruch treiben, die wie jede andere ja danach strebt, verlässlich Geld zu verdienen. Und Geld fließt für einen Musikanbieter letztlich nur dann, wenn der Hörer seine Musik in den Kopf bekommt und sie gern dort hat.

Einer, der der Branche hinter den Kulissen dazu ein mächtiges Tool anbietet, ist Chaz Jenkins, Mitinhaber des amerikanischen Start-ups "Chartmetric", das Labels und Tourveranstaltern detaillierte Datenanalysen zu ihren Künstlern und deren Songs anbietet. "Früher hat ein potenzieller Kunde im Durchschnitt jährlich zwei Datenpunkte geliefert: Er hat zwei Tonträger gekauft. Heute haben wir pro potenziellem Kunden in dem Zeitraum über 20.000 Datenpunkte", sagt er - und verspricht, erstmals ein altes Kernproblem der Branche zu umschiffen: "Dass in der Vergangenheit ein Tonträger verkauft wurde, sagt absolut nichts über den aktuellen Stellenwert eines Künstlers aus." Früher habe die Branche den Plattenkäufer einfach als Fan angenommen - ohne zu wissen, ob er die gekaufte Platte wirklich hört, mag oder wie er darüber mit Freunden spricht. "Heute können wir wissen, wann ein Mensch einen Song hört, wie lang er ihn hört, an welchen Stellen er abbricht oder wo er ihn hört." Einen enormen Stellenwert haben dabei Playlisten bei Streaming-Portalen, die genau solche Dinge über Nutzer verraten: Spotify, Youtube, Shazam, selbst Wikipedia: Alles wird genau ausgewertet - und zwar aktuell. Das Dilemma der alten Hitparaden für die Branche? "Limited, linear, local & late", sagte Jenkins.

An dieser Stelle, da sind sich Branchenvertreter sicher, liegt das größte Potenzial von Künstlicher Intelligenz: Zum einen, weil man mit ihr genau errechnen möchte, welche Art von Musik ein Hörer zu welcher Zeit angeboten bekommen will, denn über maschinelles Lernen sollen die Programme auch herausfiltern, in welcher Stimmung ein Mensch beim Hören welcher Musik ist, ob er dabei Sport treibt, zur Arbeit fährt oder sich mit Freunden trifft. Zum anderen, weil man hofft, so die Aufmerksamkeit für einen Künstler besser zu steuern. Dabei steht die Künstliche Intelligenz mitunter auch im Weg - wenn sie, etwa von Google, für die Hörerseite genutzt wird. Youtube etwa, die Videoplattform des Internet-Konzerns, ist laut Kontent-Manager Tom Dreiseitel mit rund einer Milliarde reiner Musiknutzer längst einer der wichtigsten globalen Ausspielplätze der Branche: "Wir wissen, dass Youtube für den Großteil der Musikhörer mittlerweile der wichtigste Weg ist, um neue Musik zu entdecken." Der Plattform ist dabei egal, welche Musik das ist - sie versucht lediglich, ihre Nutzer so lang wie möglich zu halten, und zwar mit Künstlicher Intelligenz, die beispielsweise auf den Nutzer zugeschnittene Playlisten errechnet. Wie, das war auch in Mannheim die dringendste Frage - doch Google verrät den Musikfirmen nicht, wie der Algorithmus Musikvorschläge errechnet. "Versuchen Sie, Angebote für Ihre Hörer zu machen, nicht für den Algorithmus", rät Dreiseitel. "Das funktioniert am besten."

Dennoch bildet sich in der Verwerterkette gerade so etwas wie eine Feedbackschleife: Musikanbieter mögen in diesem Umfeld Plattformen, die möglichst aufschlussreiche Daten hergeben - umgedreht werden diese dann bevorzugt für Promo-Kampagnen genutzt. Dass man bei letzteren bei allem Übermut in der schönen neuen Datenwelt vorsichtig sein muss, da der Kunde letztlich ein sensibles Wesen bleibt, hat der Branche vor kurzem das "Drake-Gate" gezeigt: Um das neue Album "Scorpion" des mega-erfolgreichen Rappers zu promoten, hatte die Plattenfirma Spotify-Playlisten damit überschwemmt - auch solche, die sich weder für Rap im Allgemeinen noch für Drake im Besonderen interessierten. Nutzer beschwerten sich, einer ertrotzte vom Kundenservice sogar eine Entschädigung. Als im Internet bekannt wurde, wie er das gemacht hatte, folgten viele Hörer dem Beispiel und bereiteten Spotify ein Desaster. Jenkins: "Man hatte nicht beachtet, dass es eben auch eine bewusste Entscheidung ist, Drake nicht in seine Playlist zu nehmen, wenn man ihn eben nicht hören will."

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