Süchtig nach Sand und Schlamm

"Die Erde sei dir leicht." So sagte es der griechische Dichter Euripides. Für viele Menschen ist dieser Satz mehr als nur eine Metapher. Denn sie gehören zu den Geophagen, das heißt, sie essen Erde. Ob sie das krank macht, oder eher gesund, ist bis heute nicht immer klar.

Er malmt, schluckt, malmt, schluckt wieder, und kippt dann Wasser hinterher: Bei Youtube ist Nukala Koteshwara Rao ein Star. Der 50-jährige Mann aus dem indischen Bundesstaat Andhra Pradesh verzehrt nicht etwa ein zähes Stück Fleisch, sondern Sand. Puren, trockenen Sand. Ein Kilogramm pro Tag, und das seit über 20 Jahren. "Ich bin seitdem nicht mehr krank geworden", so Rao. Und tatsächlich sieht er auf den Videos ziemlich fit aus.

Was er möglicherweise auch schlichtweg seinen Genen verdankt, die ihn trotz seiner eigentümlichen Leidenschaft gesund bleiben lassen. Andererseits ist der Verzehr von Erde ein uraltes Mittel der Volksmedizin, und man erhält sie noch heute als "Heilerde" in den Apotheken.

Archäologische Ausgrabungen weisen darauf hin, dass der Mensch schon in der Jungsteinzeit spezielle Erden verspeiste. Geophagie ist also vermutlich uralt. Und man findet sie bis heute überall auf der Welt. In Afrika und Südamerika wird sie - je nach Region - von bis zu 80 Prozent der Menschen gepflegt. Unter den Erdessern finden sich vor allem durchfallkranke und schwangere Frauen, die sich dabei entweder aus Steinbrüchen oder Flussbetten in ihrer Nähe bedienen oder - sofern sie es sich leisten können - auf dem Markt exquisite Speiseerde kaufen. Wie etwa in Nairobi, wo man sie in der Landessprache Kisuaheli "Mawe ya kula" nennt: Steine zum Essen.

Doch was bringt gerade Durchfall-Patienten und Schwangere dazu, etwas Nährstoffarmes wie Erde zu verspeisen? Die Antwort liegt darin, dass der Boden unter den Füßen zwar keine Eiweiße, Kohlehydrate und Vitamine enthält, wohl aber Mineralien. So weiß man von Schimpansen, dass sie verstärkt Erde fressen, sofern sie unter Eisenmangel und damit einhergehender Blutarmut leiden.

Beim Menschen muss man Ähnliches vermuten. Eine aktuelle Studie der Northwestern University in Illinois an kenianischen Frauen belegt, dass neben Schwangerschaften auch HIV-Infektionen, Durchfall und andere mit Eisenverlust einher gehende Krankheiten das Geophagie-Risiko erhöhen. "Es geht dann teilweise um das Vierfache nach oben", betont Studienleiter Joshua Miller.

Ob sich die Erdschlucker allerdings mit ihrer Selbsttherapie etwas Gutes tun, ist fraglich. Denn gerade der Boden in Afrika enthält nicht nur Eisen, sondern auch andere, potenziell schädliche Schwermetalle wie Blei, Thallium und Quecksilber. Hinzu kommen oft das hochgiftige Arsen sowie diverse Mikroorganismen, zu denen auch Pilzsporen gehören, denen auch die Magensäure nichts ausmacht. "All das kann sehr schädlich für den Körper sein", warnt Mikrobiologe Benedict Awadzi von der University of Health and Allied Sciences in Ghana.

Die Palette der möglichen Nebenwirkungen reiche von Magen-Darm-Infekten bis zum lebensbedrohlichen Krebs.

Auch Ruth Kutalek von der Medizinischen Universität Wien sieht in der Geophagie gesundheitliche Risiken. Und sie rät auch den aus Afrika stammenden Migranten in Europa, die oft daran festhalten und sich ihren Speiselehm in exotischen Läden und Supermärkten besorgen, davon ab. Wobei die Ethnomedizinern schon darum weiß, wie schwer ihr Rat umzusetzen ist. Denn unter ihrer Federführung erschien 2016 eine Studie zur Geophagie in Uganda, und dabei stellte sich laut Kutalek heraus: "Diese Menschen konsumieren ihre Erde oft als Snack zwischendurch - und sie berichten, auf sie nicht verzichten zu können."

Dies gilt auch für den indische Erdesser Rao, der in seinen Interviews zugibt: "Ohne meinen Sand kann ich einfach nicht mehr leben." Geophagie hat also auch etwas von einer Sucht. Nicht so schwerwiegend wie das Verlangen nach Tabak oder Alkohol, aber ähnlich stark wie der Heißhunger auf Schokolade und andere Süßigkeiten, dem ja - wie man hierzulande weiß - auch nur schwer zu widerstehen ist.

Nichtsdestoweniger kann der Verzehr von sogenannter "Heilerde", wie man sie hierzulande in Apotheken beziehen kann, durchaus gesund sein. Denn die basiert in der Regel auf Löss, also auf Sedimentgestein, das per Hitze entkeimt wurde. Seine Körner sind extrem feinkörnig und dadurch mit relativ großer Oberfläche ausgestattet. Jene Heilerde könne dadurch, wie Bernhard Uehleke von der klinische Naturheilkunde-Abteilung der Berliner Charité erläutert, bei ihrem Gang durch den Verdauungstrakt "viele Schadstoffe an sich binden und dann abtransportieren". Und dazu zählten auch Histamine, Cholesterin und tierische Fette. Ein weiteres Einsatzgebiet sei außerdem Sodbrennen, "weil im Magen überschüssige Säuren abgepuffert werden". Insgesamt allerdings ist die klinische Datenlage zur medizinischen Wirkung von Heilerde eher dünn. Andererseits sollte ein Versuch mit ihr auch nicht schaden. Denn das Risiko bei ihrer Anwendung ist ausgesprochen niedrig, weil ja außer Mineralien keine chemisch aktiven Stoffe zugeführt werden.

Einer möglichen Verstopfung, weil sie ja auch Wasser an sich bindet, kann man mit dem ausgiebigen Trinken von Wasser vorbeugen. Und vor einem allzu erdigen Geschmack muss man sich beim verzehr auch nicht fürchten. "Heilerde schmeckt weitgehend neutral", betont Uehleke.

Essen wie eine Elster 

Das Verlangen nach dem Verzehr prinzipiell ungenießbarer Dinge nennt die Psychiatrie das "Pica-Syndrom" (nach dem lat. "pica" = Elster). Auf dem Speisezettel der Betroffenen können neben Erde, Lehm und Staub auch Farbe, Kalk, Seife, Insekten, Zigaretten, Kot oder Haare stehen.

Pica ist oft das Symptom anderer Störungen, wie etwa Zwangserkrankungen, Schizophrenie und kindlichen Entwicklungsstörungen.

Pica wird gefährlich, wenn die absonderlichen Essvorlieben zu organischen Schäden führen können. So provoziert das Abnagen der eigenen Haare und Fingernägel lebensbedrohliche Darmverschlüsse, und verzehrte Zigaretten und Farben können den Patienten vergiften. In solchen Fällen muss eine Therapie erfolgen.

Die Behandlung richtet sich nach den Störungen, die hinter Pica stecken. Außerdem versucht man die Essvorlieben aus dem Leben des Patienten zu verbannen. So kann man etwa Mädchen, die ihre Haarspitzen abkauen, eine Kurzhaarfrisur schneiden. (jzl)

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