"Talisman"-Premiere am Mittelsächsischen Theater: Der schöne, verlogene Schein

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In Freiberg hatte Johann Nestroys musikalische Komödie "Der Talisman" Premiere - mit mehrfachem Szenenapplaus für Wortwitz, gelungene Gesangs- und Tanzeinlagen. Ein gelungener Start in die neue Intendanz von

Komödie.

Johann Nepomuk Nestroy war der Star des Wiener Boulevardtheaters im 19. Jahrhundert. Seine Stücke - wie "Der Talisman", das am Sonntag am Mittelsächsischen Theater Freiberg Premiere feierte - hatten schon zu Lebzeiten Erfolg, seine Liebschaften waren Legende, sein frecher Mund ebenso. Als er in den Jahren vor der 1848er-Revolution die Bäcker kritisiert hatte, weil sie kleinere Brötchen anboten, aber zum selben Preis wie früher, musste er einen Tag in den Arrest und sich öffentlich entschuldigen. Was er auch tat - aber nicht ohne den Arrestwärtern zu danken, dass sie ihm Brötchen durchs Schlüsselloch geschoben hätten.

Die Anekdote unterstreicht: Nestroy, der von 1801 bis 1862 lebte, ist immer noch aktuell. Und so hatte auch Regisseurin Silke Johanna Fischer mit ihrer frischen, flotten Inszenierung in Freiberg kein Körnchen Staub an dem 1840 uraufgeführten Stück gelassen. Dass in der Bearbeitung von Oskar Weber gegenüber dem Original einige Personen und Nebenhandlungen fehlen, tut dem Stück ebenso gut wie die leicht modernisierte Sprache und vor allem die zeitgemäßen und poppigen Gesangseinlagen (Musik von Fred Sporer, arrangiert und ergänzt von Dominik Tremel) nebst originell choreografierten Tanzszenen, an denen sich alle Darstellerinnen und Darsteller beteiligen dürfen.

Die haben es mit einer, wie oft bei Nestroy, eher schlichten Handlung zu tun, in der sie erfahren, was eh alle wussten: Nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch Perücken. Vor allem, wenn man rothaarig ist wie Titus Feuerfuchs (eloquent, pointensicher und schlagfertig gespielt von Alexander Donesch) und die Gänsehirtin Salome Pockerl (erfrischend selbstsicher und sympathisch naiv: Natalie Heiß). Leicht zu erkennen, dass die roten Haare hier für jede moderne Art von ausgegrenzter Minderheit stehen, was vor allem, so die Protagonisten, auf dem Lande ein Malheur sei, in den Städten gebe es ja genügend Rothaarige. "So kopflos urteilt die Welt über die Köpfe", sagt Titus.

Im Dorf aber hilft ihm eine schwarze Perücke, die er sich bei der Lebensrettung des Friseurs, Monsieur Marquis (Martin Ennulat großartig als verschlagener Haarkünstler wie später als Diener), verdient. Und die ihm sogleich die Herzen (oder was davon übrig ist) dreier Damen zufliegen lässt. Die verwitwete Gärtnerin Flora Baumscheer zeigt sich einer neuen Verbindung ebenso offen wie Kammerfrau Konstanze und schließlich Schlossherrin Frau von Cypressenburg selbst.

Susanna Voß als proletarische Gärtnerin, Rosmery Rojas Maturana als der Macht schon etwas näherstehende Kammerfrau und Conny Grotsch als dichtende Schlossherrin, die auf verschiedenen Stufen der von Stefan Morgenstern ins Bühnenbild gesetzten Standespyramide stehen, lassen die drei Frauen in ihrem individuellen, dabei aber durchaus rücksichtslosen Glücksanspruch wunderbar lebendig werden. Den nicht nur für den Kapitalismus typischen Aufstiegskampf um Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung kommentiert Gärtnergehilfe Plutzkerkern (spöttisch-hintergründig: Michael Berger) mit sachlicher, aber wissender Distanz.

Natürlich fliegt der Schwindel auf, woran Emil, der Bruder der Frau von Cypressenburg seinen Anteil hat, den Andreas Pannach dann schnell in den bierbrauenden Onkel Spund des Titus verwandelt, der die Vorurteile gegen Rothaarige, also gegen Minderheiten, am intensivsten pflegt, was etwas aufdringlich mit dem Hitlergruß und der Begründung "ich tue nur, was mein Meister mir aufgetragen hat" unterstrichen wird. Woraufhin Titus schließlich doch in die Arme des rothaarigen Gänselieschens getrieben wird und das Stück mit Regenbogenfarben im Hintergrund und Friede, Freude, Eierkuchen im Vordergrund - "Rot ist im Grunde so übel nicht" - etwas zu banal endet.


Aber dennoch: eine sehr sehenswerte Inszenierung, die die pointierten Dialoge, den Wortwitz Nestroys eindrucksvoll zur Geltung bringt, geschickt Slapstick-Elemente und poppige Lieder einbaut und sich nicht plakativ auf eine Seite stellt. Titus ist als Minderheit nicht automatisch "der Gute" und schon gar nicht stolz auf seine roten Haare, sondern eher ein Emporkömmling, dem für seine Anpassung an die Mehrheit auch Lügen nicht fremd sind. Diese Mehrheit wiederum hat auch ihre legitimen Glücksansprüche, deren Erfüllung aber ebenso auf Lügen gebaut sein kann. Robert Musil hatte deshalb bei Nestroy-Stücken "das entmutigende Gefühl, wie bei der Berührung mit einem untiefen Menschen". Das widerspricht gar nicht so sehr dem Loblied, das Karl Kraus auf den Dramatiker verfasste: "In den fünfzig Jahren nach seinem Tode hat der Geist Nestroy Dinge erlebt, die ihn zum Weiterleben ermutigen. Er steht eingekeilt zwischen den Dickwänsten aller Berufe, hält Monologe und lacht metaphysisch."

Gelacht wurde reichlich bei der fast ausverkauften Premiere in Freiberg, es gab Szenenapplaus nach einigen der Lieder und viel Beifall zum Schluss. Und auf dem Heimweg passt ein altes Lied von Nestroys Landsmann Wolfgang Ambros, dann auch im Dialekt: "A jeda gheat zu ana Minderheit, / An jedn geht's wos o; / A jeda hot a Handicap, / An jedn geht's aso. / Dea ane hot goanix, / Da aundere hot a Göd; / Dem an gheat da Himmel und / Dem aundan gheat de Wöd."


Nächste Aufführungen: Am 4. und 6. Oktober in Freiberg, Premiere in Döbeln am 29. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.

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